Größer geht’s nicht

DFB-Pokal, Finale / BVB 5 Bayern München 2

Verrückt, das alles. Nicht nur, dass wir gerade die beste Saison der Vereinsgeschichte erleben. Auch wenn diese Einschätzung ein wenig vom eigenen Geburtsjahr beeinflusst wird – ganz weit oben steht 2011/12 auf jeden Fall. Das erste Double nach 103 Jahren ist für sich allein genommen schon sensationell. Die Art und Weise, wie das gestern ablief, hätte mit Sicherheit niemand für möglich gehalten. Am Ende dieser Saison stehen unfassbarerweise fünf Tore im Pokalfinale gegen Bayern und ein düpierter Schalker im Bazi-Tor.

Eine absolut großartige Leistung nahezu aller Spieler und herausragendes Engagement führten zur Krönung einer historischen Saison. Dabei war der BVB nicht feldüberlegen im Sinne von dominant. Gerade in der ersten Halbzeit bis zum Dortmunder 2:1 konnten sich die Bayern häufig bis zum Strafraum durchspielen, wo sie jedoch in den meisten Fällen von einer glänzend aufgelegten Innenverteidigung am Torschuss gehindert wurden. Im Kontrast zur herrlichen Ineffizienz des FCB war beinahe jeder gelungene Dortmunder Angriff auch gefährlich. Wie auch in München stand der BVB tiefer als gewöhnlich, häufig fast vollzählig am eigenen Sechzehnmeterraum und schuf dank doppelter bis dreifacher Deckung und größter Aufmerksamkeit ein beeindruckendes Bollwerk.

Und sobald der BVB kontern konnte, wurde es gefährlich. Kuba, Kagawa, Gündogan und der überragende Lewandowski machten das Spiel gekonnt schnell, sobald ein Bayern-Angriff abgefangen war. Zwar wurde der Ball auch öfter einfach nach vorne gepöhlt, aber immer, wenn besonnen nach vorne gepasst wurde, brannte es in der Bayern-Defensive. Was natürlich sowohl an deren zeitweiser Orientierungslosigkeit wie auch am tollen Dortmunder Spielverständnis lag. Nehmen wir das frühe 1:0: Kuba kann da von halbrechts draufhalten, legt aber präzise quer zu Kagawa, der noch besser steht.

Diese Mannschaft hat im Moment ein enormes Selbstbewusstsein, während wir mehr und mehr zum Angstgegner der Bayern werden. Selbst die Auswechslung von Roman Weidenfeller, der zuvor noch den Elfmeter verursachte, brachte die Schwarz-Gelben nicht aus dem Konzept. Der Strafstoß war ebenso berechtigt wie der von Boateng an Kuba verursachte, der die erneute Dortmunder Führung brachte. Und schon die erste Halbzeit endete mit einem Höhepunkt, als Kagawa vorbereitete und Lewandowski Neuer durch die Beine schoss.

Dieses 3:1 zum berühmten richtigen Zeitpunkt könnte dafür gesorgt haben, dass die Bayern in der zweiten Hälfte über weite Strecken plan- und hilflos wirkten. Nicht mal die Szene, als Langerak übermotiviert aus dem Tor kam, außerhalb des Strafraums zu klären versuchte, dabei mit Subotic kollidierte und von Gomez noch einen mit dem Ellbogen mitbekam, konnte der FCB nutzen. Robben legte glücklicherweise lieber ab als direkt ins Tor zu lupfen. Das Dortmunder 4:1 schien bereits die Entscheidung zu sein – auch Großkreutz konnte sich hier durch einen präzisen Pass auf Lewandowski auszeichnen. Der Anschlusstreffer durch eine Einzelleistung von Ribery und ein kurzes Aufbäumen der Bayern ließen die Spannung noch mal steigen, doch was dem Märchen noch gefehlt hatte, folgte in der 81. Minute: Manuel Neuer ließ einen schon fast gefangenen Ball aus den Händen gleiten, Piszczek war zur Stelle, flankte zu Lewandowski und der machte seinen Hattrick komplett. Besser gehts nicht.

Nun war ich dieses Mal leider nicht im Stadion, aber nach allem was ich gehört und auf den Bildschirmen gesehen habe, war die Stimmung fantastisch. Berlin war auf jeden Fall schwarz-gelb und wie die Spieler, allen voran Mats Hummels, nach dem Schlusspfiff in die Kurve rannten, spricht Bände. Dort wurde dann später nicht nur der Pokal präsentiert, sondern auch die Schale, die die meisten Fans letzten Samstag ja nicht aus der Nähe sehen konnten. Und wie Kevin Großkreutz schon ankündigte: die Nacht endete nicht (so schnell).

Es ist der Augenblick des größtmöglichen Triumphes. Etwas Vergleichbares wird es so schnell nicht mehr geben. Sollte man hier und heute noch etwas Nachdenkliches und auf die Zukunft bezogenes schreiben? Ja und nein. Eine Einordnung des Unglaublichen werde ich in den nächsten Tagen noch versuchen und auch den Spielern ihre Zeugnisse ausgeben. Belassen wir es für heute mal bei dem, was sich gestern abzeichnete: Sir Alex Ferguson sah sich die Partie im Stadion an. Einen Tag vor dem heutigen Meisterschaftsfinale der Premier League, dass er und Manchester United im Fernduell auf dramatischste Weise verloren. Shinji Kagawa klatschte gestern nach seiner Auswechslung den Fans Beifall und auch im Interview sah er eher wie jemand aus, der seine Abschiedsvorstellung gegeben hat, bevor Kevin Großkreutz eingriff. Dass ein Weggang von Shinji ein großer Verlust wäre, hat man gestern wieder gesehen. Wollen wir nicht hoffen, dass Sir Alex auf den Geschmack gekommen ist und nun auch Robert Lewandowski Avancen macht.

Was aber heute und morgen und noch Jahre lang zählt und Bestand haben wird, ist der erste Double-Gewinn für den BVB. Feiert noch schön in Dortmund und sonstwo! Das ist so genial!

Die Aufstellung: Weidenfeller (6) (34. Langerak (6)) – Piszczek (8), Subotic (8), Hummels (10), Schmelzer (7) – Gündogan (8), Kehl (6) – Kuba (8) (84. Perisic), Kagawa (9) (81. Bender), Großkreutz (7) – Lewandowski (10). Gelbe Karten: Weidenfeller, Hummels. Tore: Kagawa, Hummels (EM), Lewandowski (3)

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5 Kommentare

  1. Es wurde Geschichte gemacht am Sonnabend im Berliner Olympiastadion: Das erste BVB-Double und die höchste Pokalniederlage für die Bayern, ausgerechnet im Finale.

    Was mir nicht gefallen hat, waren Lahms Kommentare, dass der FCB die bessere Mannschaft gewesen sei, wenn er gleichzeitig feststellt, dass seine Mannschaft eklatante Fehler gemacht hat. Ein Widerspruch und noch dazu so offensichtlich und klar.

    Selbst Heynckes musste zugeben, dass der BVB besser war, obwohl in der ersten Hälfte Bayern mehr vom Spiel hatte und dem Tor näher waren als die Borussia. Und auch Rummenigge musste anerkennen, dass es ‚zur Zeit eine Mannschaft gitb, die besser ist als wir.‘ Zumindest auf nationaler Ebene hat er Recht. Völlig unverständlich sind deshalb solche Kommentare von Bela Rety, der von einer Wachablösung sprach.

    Halten wir also fest: Ein ganz schwarzer Tag und für die Bayern und ein umso größerer für den BVB.

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  2. Die Bayern hatten in der ersten Halbzeit mehr vom Spiel, aber auch kaum klare Torchancen. Da war eigentlich immer noch jemand von den schwarz-gelben Verteidigern dazwischen.
    Das ZDF inklusive Bela Rety hatte sich vielleicht eine spannendere Partie versprochen und da wollte der Reporter wenigstens noch etwas Pathos reinbringen. Ein großer Tag war es ja tatsächlich: für uns, den BVB. Alles andere ist natürlich Quatsch.

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  3. […] Der BVB hat das tollste Jahr seiner Vereinsgeschichte hinter sich – da werden mir viele zustimmen, auch wenn es kein objektives Kriterium gibt, um ein nationales Double mit dem Gewinn der Champions League oder des Weltpokals zu vergleichen. Wir haben viele schöne und einige unglaubliche Momente erlebt – ein paar waren sogar unglaublich schön. Als Highlights kommen eine Handvoll oder mehr Spiele in Frage: der Sieg gegen Real, die Partie in Amsterdam, der erneute Auswärtssieg in München. Für mich – und auch da werde ich nicht der Einzige sein – war es das Pokalfinale in Berlin. Zum ersten Mal das Double geholt, den Rekordmeister und sportlich größten Konkurrenten mit 5:2 auseinandergenommen – das war ganz groß. Und ist schwer zu toppen – wie schon der damalige Beitrag auf “Any Given Weekend” nahelegte. […]

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