Ein Drama, das vor Gericht begann

Am Freitag, den 20. April, wurde Sheffield United-Torjäger Ched Evans von einem walisischen Gericht zu fünf Jahren Haft wegen Vergewaltigung einer 19-jährigen Frau verurteilt. Der Stürmer und sein mitangeklagter, aber freigesprochener Freund Clayton McDonald – Fußballspieler bei Port Vale – hatten das Opfer bei einer ’night out‘ in einem Küstenort kennengelernt und später auf ihr Hotelzimmer mitgenommen. Vor Gericht wurden Beweise und Zeugenaussagen vorgebracht, die nahelegen, dass die junge Frau zu betrunken war, um ihr Einverständnis zum folgenden Geschlechtsverkehr zu geben. Evans sitzt seit dem Gerichtsurteil im Gefängnis.

Der Fall wurde in England natürlich umfassend medial begleitet, es gibt neben der angeführten Quelle genügend andere, um weiter zu recherchieren. In der Folge des Urteils gab es auf sozialen Netzwerken erschreckend viele Äußerungen, die unreflektiert „Freiheit“ oder „Gerechtigkeit“ für Ched Evans forderten – und teilweise sogar das Opfer verunglimpften.

Gravierende Folgen hatte das Urteil auch für Evans‘ Verein. Und darum soll es an dieser Stelle in erster Linie gehen. Zum Zeitpunkt des Juryspruchs stand Sheffield United auf Platz 2 der League One (dritte Liga), der den direkten Aufstieg bedeutet hätte. Auf Platz 3 stand der große Stadtrivale Sheffield Wednesday – mit vier Punkten Abstand, drei Spieltage vor Schluss. Beide Clubs hatten sich ein packendes Duell um den Aufstiegsplatz geliefert, auch Wednesday hatte unter dem neuen Trainer Dave Jones gut ausgesehen und kein Spiel unter dessen Führung verloren. Doch United, die ‚Blades‘, schienen das bessere Ende für sich zu haben.

Natürlich hing der Gerichtsprozess gegen den Star-Stürmer wie eine dunkle Wolke über dem Verein, der jedoch auf dem Spielfeld niemand Beachtung zu schenken schien. Evans traf in der abgelaufenen Saison nach Belieben, 35-mal in allen Wettbewerben. Ohne seine Tat hätte der 23-jährige bald seinen nächste Karriereschritt gemacht, daran zweifelte in Sheffield niemand. Das Problem für United und deren Trainer Danny Wilson: Evans war im Sturm der Alleinunterhalter. Niemand sonst im Kader erzeugte auch nur annähernd dessen Torgefährlichkeit.

Und so nahm das Unheil seinen Lauf. Es war wohl eine Mischung aus fehlender Durchschlagskraft und ein bisschen Verunsicherung, der die Blades im Aufstiegsrennen zum Stolpern brachte. Am Tag nach dem Gerichtsurteil verlor United bei den Milton Keynes Dons und Wednesday kam durch einen Sieg in der Nachspielzeit über Carlisle United bis auf einen Punkt an den Rivalen heran. Es folgten zwei Unentschieden für die Blades und zwei Siege für die Owls (Wednesday), so dass letztere am abschließenden 46. Spieltag der Saison in Hillsborough und einige Tage später am Rathaus von Sheffield den Aufstieg feiern konnten.

United musste in die Play-Offs und zog mit einem einzigen Tor in Hin- und Rückspiel gegen Stevenage ins Finale in Wembley ein. Wo gegen Huddersfield das ultimative Drama lauerte, das Bayern München-Fans bekannt vorkommen dürfte. In Wembley fielen jedoch in 120 Minuten keine Tore und auch die Zahl der Chancen blieb überschaubar. Doch dann …zunächst sah es nach einem ‚typisch englischen‘ Elfmeterschießen aus. Von den ersten acht Schützen verwandelten lediglich zwei, es stand 1:1. Und dann trafen sie plötzlich alle. So lange, bis es 7:7 stand und die Torhüter an der Reihe waren. Huddersfields Alex Smithies erzielte das 8:7. Steve Simonsen, der zuvor zwei Elfmeter gehalten hatte, trat an und schoss über das Tor. Heartbreak für die Blades, die Terriers aus dem ebenfalls in Yorkshire gelegenen Huddersfield feierten den Aufstieg in die 2. Liga.

Unglaubliche Geschichten, die in diesem Fall nicht nur der Fußball schrieb. Sheffield Wednesday spielt in der Saison 2012/13 in der Championship, für Sheffield United folgt ein weiteres Jahr in der League One. Die Meinung unter den Fans der Owls, die das Stadtduell für sich entschieden haben, dürfte gespalten sein: Manche hätten sich einen Play-Off-Sieg des Rivalen sicher gewünscht, um eines der prickelndsten Derbys Englands auch in der nächsten Spielzeit miterleben zu können.

Advertisements

5 Gedanken zu “Ein Drama, das vor Gericht begann

  1. Zwei schöne Geschichten sind das. Sheffield hat viel als Fußballstadt verloren seit die beiden Clubs nicht mehr in der ersten Liga vertreten sind. Interessant ist aber auch, dass Mandaric wegen Steuerhinterziehung vor Gericht aussagen musste. Er wurde von den Vorwürfen entlastet aber ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem.

    Gefällt mir

  2. Ja, Mandaric wird sicher noch eine Weile eine umstrittene Figur bleiben. Nicht nur wegen des Prozesses. Auch die Entlassung von Gary Megson, als Wednesday ja auf Platz 3 stand, hat die Fans gespalten. Am Ende der Saison kann er mit Recht sagen, alles richtig gemacht zu haben. Doch auch bei seinen früheren Vereinen war Mandaric immer eher ungeduldig.

    Gefällt mir

  3. Richtig, bei Leicester City hat er Martin Allen entlassen, obwohl die Mannschaft gut in die Saison kam. Er verfuhr ähnlich mit Megson, der dann aber auch lieber bei Bolton arbeiten wollte.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s