Der Schützenjäger von Sunderland

Es ist die klassische Situation, in der Fußballfans nervös werden: Eine Lücke im Kader ist identifiziert. Drei Wochen vor dem Saisonstart zeigt sich in den Testspielen, dass die unter Vertrag stehenden Spieler sie vermutlich nicht schließen können. Trainer/Manager und Geschäftsführer beruhigen, lassen wissen, sie arbeiteten an Neuverpflichtungen. Doch man brauche Geduld und könne selbstverständlich keine Namen nennen. Und irgendwie kann man alle Seiten verstehen.

Dem englischen Premier League-Club AFC Sunderland fehlen Stürmer. Das ist zumindest die allgemeine Wahrnehmung, die von den Fans und Trainer Martin O’Neill geäußert wird. Schon in der letzten Spielzeit erreichte kein Akteur eine zweistellige Trefferzahl. Seither ist der von Arsenal ausgeliehene Nicklas Bendtner nach London zurückgekehrt und der an Al Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten verliehene Asamoah Gyan hat sich endgültig dorthin verabschiedet. Letzerer Transfer hat Geld in die Kassen gespült und die Fans der ‚Black Cats‘ erwarten, dass es reinvestiert wird. Doch drei Wochen vor dem Ligastart im Emirates Stadium beim FC Arsenal steht bisher erst eine Neuverpflichtung zu Buche: Carlos Cuellar von Aston Villa, Innenverteidiger.

Gibt es Grund für die Fans, nervös zu werden? Optimal ist es auf keinen Fall, wenn ein Spieler erst wenige Wochen vor Saisonbeginn zur Mannschaft stößt. Derzeit stehen in der ersten Mannschaft drei Stürmer unter Vertrag, was angesichts der großen Kader in der Premier League vergleichsweise wenig ist. Der 24-jährige Fraizer Campbell ist ein junger Mann mit viel Talent und unglaublich viel Verletzungspech. Zwei Kreuzbandrisse kosteten den ehemaligen Manchester United-Spieler die vorletzte und die Hälfte der letzten Saison. Dennoch wurde er kurz nach seiner Rückkehr im Februar ins Aufgebot der englischen Nationalmannschaft berufen. Campbell ist bisher ein unerfülltes Versprechen. Die Rolle des Topstürmers wird ihm derzeit eher nicht zugetraut, doch wer weiß, wie er sich entwickelt, wenn er von Verletzungen verschont bleibt?

Connor Wickham ist gerade mal 19 Jahre alt und galt 2011 als große Nachwuchshoffnung. Bei der U17-Europameisterschaft 2010 war er zum Spieler des Turniers gewählt worden und überzeugte in der folgenden Saison in den Reihen des Zweitligisten Ipswich Town. Sunderland schlug im Sommer 2011 zu und zahlte rund 10 Millionen Euro für seine Dienste. Ob er den Sprung von der Championship in die Premier League meistern wird, ist offen. Noch ist Wickham der Durchbruch nicht gelungen, doch in seiner ersten Saison an der Wear [Fluß] war er auch noch nicht als echte Stammkraft eingeplant und stand in der Premier League nur fünfmal in der Startelf.

Der dritte junge Stürmer in den Reihen der Black Cats ist der 21-jährige Koreaner Dong-Won Ji. Er hat es bislang auf 452 Minuten in der Premier League gebracht, während denen er zwei Tore erzielte. Seine Teilnahme an Olympia 2012 dürfte ihm im Gastgeberland weniger schaden als anderswo, doch ist er momentan derjenige, dem wohl die wenigsten den Aufstieg zum Stammspieler zutrauen.

Gut möglich also, dass sich Martin O’Neill bei seiner Suche nach einem Torschützen auf etwas erfahrenere Spieler konzentriert. Dabei hätte eine interne Lösung durchaus ihren Charme. Aus dem Reserveteam, dem eigenen Nachwuchs, hat Ryan Noble von sich reden gemacht. Nachdem der junge Stürmer in den letzten Jahren mehrmals in die zweite und dritte Liga verliehen wurde, gelang ihm in der Saisonvorbereitung beim Peace Cup in Südkorea ein herrliches Tor gegen den FC Groningen. Martin O’Neill hat Noble auf dem Zettel, was ihn jedoch nicht davon abhalten wird, mindestens einen neuen Angreifer zu verpflichten.

Von seinem Spieler-Nachwuchs fordert der Nordire, sich aufzudrängen – dazu müssen Noble und andere ihre Leistungen verstetigen. Im ersten Testspiel auf englischem Boden, beim Drittligisten und Nachbarn Hartlepool, konnte sich keiner der eingesetzten Akteure in Szene setzen – die Partie ging 0:1 verloren. Talente für alle Mannschaftsteile gibt es, die Jugendarbeit des AFC Sunderland genießt einen guten Ruf. Gerade ist die Nachwuchsschmiede „Academy of Light“ mit nur elf anderen Jugendakademien im Rahmen des landesweiten Elite Player Performance Plan (EPPP) in die höchste Kategorie eingestuft worden. Mit Hilfe einheitlicher Kriterien soll das EPPP-Konzept die Nachwuchsförderung der Proficlubs verbessern. In Sunderland schaffte bereits Jordan Henderson den Durchbruch. Der Nationalspieler wurde 2011 für gutes Geld an den FC Liverpool verkauft. In der letzten Saison gelang Jack Colback der Sprung in die Stammelf, wie Henderson ein zentraler Mittelfeldspieler.

Doch wie bei den meisten Erstligisten europaweit ist der Durchmarsch aus dem Jugendbereich ins Profiteam noch nicht die Regel. Auch in Sunderland bedeutet eine Vakanz in der Offensive nicht, dass man es wagt, voll auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Die Konkurrenz in der Premier League ist gewaltig und gerade die Vereine im breiten Mittelfeld der Liga können sich nie sicher sein, in der Folgesaison nicht in den Abstiegskampf zu rutschen. So werden die Fans der Black Cats in den nächsten Tagen und Wochen weiter hoffnungsvoll und ungeduldig darauf warten, dass Martin O’Neill ihnen einen klangvollen Namen präsentiert. Der nächste Star aus der Academy of Light wird etwas länger auf sich warten lassen.

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3 Gedanken zu “Der Schützenjäger von Sunderland

  1. Nach der Borussia ist der englische Fußball mein zweitgrößtes sportliches Interessengebiet. Trotz aller Kommerzialisierung lebt ja die traditionsreiche Fußballkultur dort weiter – ich finde, es gibt eine Menge guter Online-Fanzines und Blogs. Ich verfolge das recht intensiv und da für mich das Fansein ein wichtiger Teil des Sports ist, sympathisiere ich meistens gleich mit mehreren Vereinen in verschiedenen Ligen – manchmal durchaus auch aus banalen Gründen. Das ist dann natürlich was anderes als beim BVB – es ist eine Mischung aus Interesse und Sympathie. In der Premier League betrifft das Sunderland, aber ich verfolge eben auch noch, was Ipswich Town und die beiden großen Sheffielder Clubs so machen. Bei letzteren muss natürlich immer einer die Oberhand haben – bei mir derzeit United.

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  2. In der Tat ist das Gespräch über Fußball in England schon seit langem sehr viel öffentlicher als in D-Land. Gerade was Geschichte und Entwicklungen im Spiel angeht, sind die Engländer um einiges voraus. Die deutsche bloggosphere erschließt sich mir nur sehr langsam.

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