Derbypleite Hausmacher Art

1. Bundesliga, 8. Spieltag / BVB 1 FC Schalke 2

Klar war vor dem 141. Revierderby schon, dass sich die Borussia wenig Hoffnungen machen konnte, die Begegnung so zu dominieren wie in der vorletzten Saison. Zu sehr hatte sich die Form der Schwarz-Gelben der der Rivalen aus Gelsenkirchen angeglichen, war unkonstanter geworden. Und zu viele wichtige Spieler fielen ausgerechnet vor dieser Partie aus. Am enttäuschenden Verlauf hatte jedoch auch die Systemumstellung von Jürgen Klopp einen gehörigen Anteil. Der Trainer war einer der wenigen auf Dortmunder Seite, die das im Anschluss offen einräumten:

„Den Schuh ziehe ich mir an. Erst nach der Systemumstellung waren wir ein wenig stabiler, aber wir haben zu wenig Fußball gespielt.“

Klopp hatte auf ein 3-5-2-System – oder noch genauer, auf ein 3-3-2-2 – umgestellt. Zum ersten Mal während der Amtszeit dieses Trainers agierte vor Roman Weidenfeller nur eine Dreierkette. Und diese taktische Maßnahme ist hierzulande nicht ohne Grund aus der Mode geraten.

Eigentlich wäre es nötig gewesen, den starken Außen der Blauen, Farfan und Afellay, defensiv orientierte Spieler entgegenzustellen. Die Dortmunder auf den Außenbahnen, Großkreutz und Piszczek, agierten aber der Aufstellung entsprechend weit vorgezogen und konnten beim Umschalten nach den häufigen Ballverlusten die Lücken nicht schnell genug schließen. Dies verunsicherte die Dreierkette Subotic – Bender – Hummels zusätzlich, so dass immer wieder Abstimmungs- und Zuordnungsprobleme offenbar wurden. Die offensiv orientierten Mittelfeldspieler Perisic und Leitner konnten kaum Impulse setzen. Dass der schwarz-gelbe Spielaufbau stockte, war jedoch ein Problem, das schon hinten anfing und sich durch das ganze Mittelfeld fortsetzte. Auch Marco Reus, gestern als zweite Spitze eingesetzt, leistete sich viele Ballverluste.

Etwas Neues auszuprobieren ist eigentlich eine Tugend. Die Borussia war bisher auch noch nicht das konstante ‚winning team‘, das man nicht ändern sollte. Warum Klopp aber ausgerechnet vor dem Derby den Schritt zu dieser massiven Systemumstellung ging, bleibt ein Rätsel. Viele Fans glaubten vor dem Spiel in der Kneipe an einen Fehler von „Sky“, als die taktische Aufstellung eingeblendet wurde. Der offensichtliche Wunsch, das Mittelfeld nach den Ausfällen von Kuba, Götze und Gündogan zu verdichten, erfüllte sich nicht.

Das Dilemma eines jeden geographisch distanzierten Fußball-Beobachters ist, dass er die Trainingseinheiten nicht verfolgen kann. Vielleicht ließe sich dort ein Hinweis darauf finden, warum Chris Löwe inzwischen bei Jürgen Klopp außen vor ist. Viel naheliegender und erfolgversprechender wäre es gewesen, aus einer bekannten und gesicherten Grundordnung gegen den Tabellendritten zu agieren – mit Löwe links hinten sowie Kehl und Bender im defensiven Mittelfeld. Das hätte vermutlich auch kein spielerisch schönes Derby ergeben, aber möglicherweise ein schöneres Ergebnis. Übertrieben ist dagegen Klopps Glaube, dass Moritz Leitner schon so weit ist, in einem solchen Spiel zentral etwas auszurichten.

Es bleibt viel zu spekulieren nach der ersten Derby-Niederlage in der Liga seit Februar 2010. So ist es natürlich nur eine Vermutung, dass die Partie mit dem üblichen 4-2-3-1 von Beginn an anders gelaufen wäre. Dafür spricht, dass bei der Führung durch Afellay die Zuordnung hinten überhaupt nicht stimmte. Hätte Farfan überhaupt flanken können, wenn er einen direkten Gegenspieler gehabt hätte? Das 0:1 kam den Gästen – natürlich – recht. So konnten sie dicht gestaffelt in der eigenen Hälfte stehen, um bei den zu zahlreichen Ballverlusten des BVB schnell zu kontern. Genau so ein unnötiger in der Nähe des Schalker Strafraums verschenkter Ball ging dem 0:2 durch Höger nach einem klassischen Konter voraus.

Dass der BVB auch nach der Umstellung auf das bekannte System trotz des Anschlusstreffers und der daraufhin kurzzeitig entfesselten Fans nicht mehr so richtig zurückkam, lag an den Defensivqualitäten des Gegners. Die Schalker taten das, was man an diesem Samstag für einen Derbysieg in Dortmund tun musste. Nicht weniger und schon gar nicht mehr. Auch in der zweiten Halbzeit ließ Klopp Löwe auf der Bank sitzen, dafür musste Piszczek die ungewohnte linke Seite und Bender die Position des Rechtsverteidigers übernehmen. Kein allzu großes Wunder, dass so kein Druck über die Flügel entstand. Der nach 56 Minuten für Kehl eingewechselte Bittencourt zeigte über rechts einige ordentliche Ansätze, doch hatten seine Flanken noch nicht die Qualität, die man von Piszczek oder Kuba auf dieser Seite gewohnt ist.

Um mich zu wiederholen: Wie viel ein anderes System und andere Auswechslungen bewirkt hätten, bleibt Spekulation. Doch viel spricht dafür, dass man bei der gestrigen Derby-Niederlage vom ersten schweren Fehler des Trainers sprechen muss. Fehler darf Jürgen Klopp machen wie jeder andere auch, gerade er. Die Mannschaft und er selber haben immer wieder gezeigt, dass sie lernfähig sind und oft schon in der auf eine Niederlage folgenden Partie vieles besser machen. Für die ohne Zweifel extrem schwere CL-Begegnung am Mittwoch dürften außerdem einer oder wahrscheinlich sogar mehrere der Verletzten in die Startelf zurückkehren.

Was wütender macht als die erste echte Derbypleite seit über zweieinhalb Jahren, ist, was die gewalttätigen Ränder der Fanszene sich gestern in Dortmund erlaubten. Unter den 180 in Gewahrsam genommenen Personen waren 163 Schalker. Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Pyrotechnik waren die Gründe für die Zugriffe der Polizei. Durch die sogenannte „konspirative Anreise“ versuchten Gästeanhänger, dem wachsamen Auge der Einsatzkräfte zu entgehen. Derzeit gibt es kein Anzeichen dafür, dass diese Begleitumstände des Derbys nachlassen, im Gegenteil.

Es bleibt ein Dilemma, wie man friedliche Fans vor zu harten Repressionen schützen und gleichzeitig die Idioten strafrechtlich verfolgen kann. Scheinbar gibt es beim FC Schalke, wie auch beim BVB, einen größer werdenden Anteil an Personen, die nichts im Umfeld des Vereins verloren haben. Diese sind durch Fanarbeit oder andere vertrauensbildende Maßnahmen kaum zu erreichen. Die Vereine, aber auch die anderen Fans, müssen sich fragen lassen, ob sie genug tun, um diese Leute auszugrenzen. Immer die Schuld bei der Polizei zu suchen, ist einfach irreführend.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Subotic, Bender, Hummels – Piszczek, Kehl (56. Bittencourt), Großkreutz – Leitner (89. Santana), Perisic (52. Schieber) – Reus, Lewandowski. Gelbe Karten: Leitner, Schieber. Tor: Lewandowski

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3 Kommentare

  1. Mit Leitner muss ich dir leider zustimmen. Schade, schade, weil ich denke, dass er durchaus die Veranlagerung besitzt, in der Zentrale zu spielen.

    Bei Bittencourt sind Flanken in der Tat die größte Schwäche. Auch in der U23 landen diese noch viel zu oft irgendwo im Nirgendwo. Wenn er das aber verbessern kann, hat er sich definitiv mehr Einsätze in der Profimannschaft verdient. Er hat uns gestern auf jeden Fall eher gut als schlecht getan!

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  2. Sehe ich auch so mit Bittencourt. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte er sich mit Kurzeinsätzen auch in der ersten Liga empfehlen dürfen. Letztlich braucht er ja die Spielpraxis. Gerade solange Kuba ausfällt, könnte sich da schon mal die Chance ergeben.

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