Mit Übertreibung, ohne Plan: die DFL-Sicherheitsdiskussion

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Aufgeregte Reaktionen, reihenweise Vereine, die auf Distanz gehen und eine Fankampagne, initiiert von Schwatzgelb.de – die Vorschläge einer „Kommission Sicherheit“ des DFL-Ligaverbandes zur Verbesserung der Sicherheit in Fußballstadien haben ein großes Echo hervorgerufen. Diskutiert wird über ein Maßnahmenpapier (auffindbar via Ruhrbarone), das auf der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes Ende September präsentiert wurde, aber noch keineswegs beschlossene Sache ist. Leider gibt es dabei auf Seiten der Fans ein Äquivalent zur ausufernden Medien-Berichterstattung über Gewalt im Fußball-Umfeld. Auch die Äußerungen von Bloggern, Fan- und fanfreundlichen Vereinsvertretern beinhalten Übertreibungen und Schwarz-Weiß-Malerei.

Was die Diskussion wesentlich erschwert, ist die Uneinigkeit über die Dimension der Problematik. Durch aufgeregte Medienberichte wird das Fehlverhalten einiger Fans in immer kürzeren Abständen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit transportiert. Daraus konstruiert der Meinungsmainstream einen Handlungsdruck. „Ich fühl‘ mich sicher“, die schon erwähnte Kampagne von Schwatzgelb.de, bestreitet dagegen, dass der Besuch eines Fußballspiels in den letzten Jahrzehnten gefährlicher geworden sei und belegt, dass beispielsweise beim Münchener Oktoberfest das Risiko eines Personenschadens deutlich höher liegt.

Wir haben es hier allerdings mit einem generellen Problem von Statistiken zu Massenveranstaltungen zu tun. Während der Fußball über die Saison betrachtet sicher erscheint, gibt es bei einzelnen Partien Vorkommnisse, über die man nicht so einfach hinweggehen kann. Das Relegationsrückspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC kommt einem in den Sinn, hierbei vor allem das Verhalten der Berliner Fans. Oder als jüngstes Beispiel der Platzsturm der Gästefans bei der Pokalpartie Hannover 96 gegen Dynamo Dresden. Die Ausschreitungen beim Revierderby in Dortmund fanden zwar überwiegend außerhalb des Stadions statt, sind aber nicht vom Ereignis zu trennen. Mag es auch bei den ersten zwei Beispielen keine Verletzten gegeben haben, so wandelt man da auf einem schmalen Grat. Wenn sich aggressive Fangruppen Zutritt zum Spielfeld oder womöglich zu anderen Blocks verschaffen können und dabei auch noch Pyrotechnik unsachgemäß benutzen, wird das nicht immer glimpflich ausgehen.

Am Beispiel der Pyrotechnik kann man die Problematik, der sich Vereine wie Fans gegenüber sehen, gut verdeutlichen. Bengalos könnten eine stimmungsvolle Zutat des „Stadionerlebnisses“ sein, doch stellen sie in den falschen Händen eine Gefahr nicht nur für die unmittelbar Umstehenden dar. Es gibt eine Minderheit von Menschen im Umfeld der Fußballvereine, je Club eine dreistellige oder niedrige vierstellige Personenzahl, die sich nicht an Spielregeln halten, die schlicht und einfach notwendig sind. Diese Personen nutzen Pyrotechnik mutwillig unsachgemäß. Sie werfen Bengalos aufs Spielfeld und in gegnerische Fanblocks oder zünden Rauchbomben. Zu den Problemfällen gehören auch Gewalttäter und Rechtsradikale, die den Fußball für ihre Zwecke missbrauchen.

Diese Minderheit stellt ein Problem dar, auch wenn sie statistisch gesehen nur ein Randphänomen ist und die meisten Fußballfans sich nach wie vor sicher fühlen. Es gibt nun mal die nationale und internationale Sportgerichtsbarkeit, die dafür sorgt, dass bestimmte Verhaltensweisen in Stadien sanktioniert werden. Für das Fehlverhalten Einzelner werden auch der Verein und mittelbar dessen friedliche Fans bestraft. Dieses Vorgehen ist eigentlich ungerecht, aber bei Massenveranstaltungen unverzichtbar, um den Kontrolldruck aufrechtzuerhalten. Es sind deshalb nicht in erster Linie DFL und DFB, die in dieser Hinsicht die Fußballkultur in den Würgegriff nehmen, sondern die unbelehrbare Minderheit, die sich danebenbenimmt.

Der von Fanseite reflexhaft vorgetragene Vorwurf, die Verbände wollten den Sport zum cleanen Familienerlebnis für Besserverdienende machen, mag bei anderen Themen wie Preispolitik und Merchandising nicht von der Hand zu weisen sein. Doch aus gutem Grund und nicht nur als Lippenbekenntnis steht im DFL-Konzept auch, dass man an Stehplätzen festhalten will. Die bunte und vergleichsweise laute Fankultur in vollen Bundesliga-Stadien ist längst ein wichtiges Verkaufsargument der Verbandsmanager geworden.

Um immer drakonischere Strafen der Sportgerichte zu vermeiden und gefährliche Auswüchse im Stadion und darum herum einzudämmen, müssten Vereine und Fans aktiv und kreativ handeln. Doch hinter den Reaktionen beider Seiten steckt allzu oft große Ratlosigkeit. Die Vorschläge der Verbandskommission umfassen einige sinnvolle, jedoch nicht hinreichende Maßnahmen wie die Anwesenheit der Sicherheitsbeauftragten der Vereine auch bei Auswärtsspielen oder den Einsatz der Auswärts-Stadionsprecher. Andere Ideen sind höchst bedenklich: Für die Suche nach gefährlichen Gegenständen wie Pyrotechnik sollen, wenn andere Maßnahmen nicht fruchten, vor den Stadien Container errichtet werden, „um etwaige Vollkontrollen zügig und ohne unverhältnismäßigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte durchzuführen.“ Darunter sind Personen-Körperkontrollen zu verstehen – wie weit die gehen sollen, steht nicht im Papier; genauso wenig, wie dabei die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden kann.

Unter dem schönen Schlagwort „mehr Transparenz“ verlangen die Autoren des DFL-Papiers „Auskünfte über [den] Stand von polizeilichen Ermittlungen gegen Tatverdächtige“ – was wenig mit dem rechtsstaatlich einwandfreien Vorgehen zu tun hat, das auf der selben Seite gefordert wird („Beachtung des Legalitätsprinzips“).

Ein anderer Vorschlag klingt nicht neu: Fanclubs und -organisationen könnten verpflichtet werden, Vereinbarungen mit dem Verein zu unterzeichnen, um gewisse Privilegien wie Extra-Eintrittskarten zu erhalten. Gefordert wird ein Bekenntnis der Fans zum Gewaltverzicht, gegen Diskriminierung und Rassismus sowie zu den gesetzlichen Vorschriften und der Stadionordnung. Die angedachte Verknüpfung mit dem Lizenzierungsverfahren würde für die Vereine bedeuten, dass sie ein größeres Augenmerk auf die Einhaltung solcher Vereinbarungen legen müssten. Wogegen im Prinzip nichts spricht. Es gibt zumindest bei den großen Vereinen mehr als genug Interessenten für die Tickets, so dass nicht einzusehen ist, weswegen Fanclubs, die sich wiederholt und in größerer Personenzahl nicht an die Grundsätze halten, ihre Privilegien behalten sollten.

Fanvertreter haben mit Recht kritisiert, dass sie bei der Diskussion dieser und anderer die Anhänger direkt betreffender Punkte nicht eingebunden waren. Der 1.FC Union Berlin war der erste Verein, der sich nach Absprache zwischen Fans und Präsidium von den DFL-Vorschlägen distanziert hat. Im Positionspapier des Clubs wird die Einsetzung von je zwei Fanvertretern in den Vorstand des Ligaverbandes und den Aufsichtsrat der DFL gefordert; desweiteren wird der Wert der Fanarbeit unterstrichen. Doch hinsichtlich des Umgangs mit den Unbelehrbaren, die durch Sozialarbeiter nicht (mehr) zu erreichen sind, haben die bisherigen Dialogversuche mit den Verbänden wenig Substanzielles erbracht. Hier müsste die falsch verstandene Solidarität zwischen Fans durchbrochen werden, die dafür sorgt, dass von Teilen der Fanszene immer zuerst Behörden und Verbänden die Schuld an Zwischenfällen und Fehlentwicklungen gegeben wird und Stadionverbote generell abgelehnt werden.

Der jüngste Fan-Gipfel, zu dem in dieser Woche ebenfalls der FC Union nach Berlin einlud, hat immerhin mal wieder den Stimmen der Vernunft auf beiden Seiten Gehör verschafft. Mit Andreas Rettig, der in Köpenick dabei war, bekommt die DFL einen Geschäftsführer, der für Ausgleich und Dialogbereitschaft steht. Die anwesenden Fanvertreter einigten sich auf eine Abschlusserklärung, die ebenfalls alle Türen für Gespräche offen hält. Sie beinhaltete noch mal ein klares Bekenntnis gegen Gewalt, das natürlich von Medien und Verbandsfunktionären lobend aufgegriffen wurde, obwohl es eigentlich nichts Neues und selbstverständlich ist. Erwähnenswerter erscheint mir ein Satz, der an die Einstellung aller Beteiligten appelliert:

Gleichzeitig geht auch hier ein Appell an Polizei, Fans und Politik, die Verantwortung zum Dialog anzunehmen und nicht vermeintliche Solidarität/Corpsgeist über Recht, Verein bzw. Vernunft zu stellen.

Es ist nur ein Satz, eine Forderung und keine substanzielle Entscheidung. Doch skizziert er einen wichtigen Schritt, den gerade auch die aktiven Fans und vor allem die Ultras machen müssten: Sich konsequent von Gewalttätern und Rechtsradikalen zu distanzieren, diese auszugrenzen und bei eindeutigen Vorkommnissen Verein und Behörden bei der Aufklärung zu unterstützen. Außerdem würde zur „Verantwortung zum Dialog“ auch gehören, beim Thema Pyrotechnik guten Willen zu zeigen. Denn die Option eines Entgegenkommens der Verbände, die kurzzeitig bestand, haben einzelne Fans und Fangruppen konsequent untergraben – somit sind sie an der jetzigen Haltung von DFB und DFL genauso schuld wie die Hardliner auf der anderen Seite.

Einen Königsweg für die Bewältigung der Probleme rund um den Fußball, wie groß auch immer man sie einschätzt, wird es nicht geben. Auch Fans und ihre organisierten Vertreter müssen erkennen, dass es offensichtlich beratungsresistente Personen im Umfeld gibt, die nicht zu einer imaginierten Vereinsgemeinschaft gehören können, da sie den Clubs schaden. Wobei das Erkennen nicht das Problem sein dürfte, sondern vielmehr das Gegensteuern.

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2 Gedanken zu “Mit Übertreibung, ohne Plan: die DFL-Sicherheitsdiskussion

  1. Beim Gegensteuern kann es mMn nur eine Möglichkeit geben. Der Gesetzgeber (der die Verantwortung den Vereinen zuschustern möchte) muss konsequent gegen Gewalttäter vorgehen. Was bringt ein unkontrollierbares Stadionverbot? Das Leben geht ganz normal weiter, man darf halt nicht mehr zum Fußball (kann aber natürlich schon). Alternativ geht man halt zu anderen Veranstaltungen und benimmt sich daneben. Es ist schließlich keine fußballspezifische sondern gesellschaftliche Problematik.

    Seit vielen Jahren hat man im Stadion die Möglichkeit durch Videoüberwachung Täter dingfest zu machen. Eigentlich reichen auch die geschulten Augen der Ordner. Es sind leider immer wieder die selben Pappenheimer welche sich daneben benehmen. Da sind dann wirklich die Vereine gefragt durchzugreifen und diese Leute rauszufischen. Die Strafen müssen aber im Alltag spürbar sein, alles andere wird keine Wirkung auf solche Menschen haben.

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  2. Weil die Mittel für die einzelnen Akteure begrenzt sind, will man nicht rechtsstaatliche Prinzipien missachten, geht es mMn nur, wenn die Beteiligten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.
    Nehmen wir an, jemand schlägt im Stadion jemand zusammen. Dann wird er vielleicht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und muss Schmerzensgeld zahlen. Es müsste dann eigentlich eine richterliche Anordnung geben, dass der Täter für einen gewissen Zeitraum kein Fußballstadion mehr betreten darf. Ich bin allerdings überfragt, ob so etwas rechtlich möglich wäre. Gibt es keine solche Anordnung, wäre es trotzdem wünschenswert, dass die Person am nächsten Samstag nicht wieder beim Fußball auftaucht und womöglich sein Opfer trifft. Da müssen dann die Vereine handeln, auch wenn es nur symbolisch ist. Die Gesichter von notorischen Wiederholungstätern kennt man dann ja hoffentlich irgendwann.

    Ich bin aber obendrein der Ansicht, dass auch die Fans teilweise mehr tun könnten. Leute, die gewalttätig werden, die sich rassistisch äußern oder die andere durch falschen Umgang mit Pyros gefährden, sollte man nicht in der eigenen Gruppe dulden und falls nötig, dem Verein und den Behörden melden. Ist schade, dass es manchmal so weit kommen muss, aber anders wird man das Problem nicht los.

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