Stehplätze im Test?

Ich muss etwas gestehen: Mich beginnt die Debatte über das „sichere Stadionerlebnis“ zu langweilen. Auf der einen Seite regieren Populismus und Drohkulisse, aber von der anderen hört man ebenfalls wenig Konstruktives. Nach der Verabschiedung des überarbeiteten DFL-Sicherheitskonzepts könnte man meinen, der Untergang der Fußballkultur stünde bevor – wenn man den Angstmachern auf Seiten der Fans Glauben schenkt. Dabei sind der Kontrollwahn bei den einen und die Angst vor jeder Veränderung bei den anderen nur die Effekte einer ähnlich gelagerten, medienbefeuerten Paranoia.

Eine der vernünftigsten Aussagen der letzten Tage kam vom Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte Michael Gabriel:

Entscheiden wird sich ohnehin alles damit, wie die Fans in Zukunft behandelt werden. Am wichtigsten ist das Verhältnis zwischen dem jeweiligen Klub und seinen Fans. Dort muss man sich die Mühe machen, gemeinsam gegen die negativen Entwicklungen vorzugehen.

Die Devise kann nur lauten: Abwarten und im Dialog bleiben. Zwar sind die Formulierungen im DFL-Konzept sicher bewusst schwammig, doch kamen bisher aus der Fanszene auch kaum effiziente, konstruktive Vorschläge, was gegen die Gewalt getan werden kann, die – in welchem Ausmaß auch immer – da ist. Bisher war man vor allem gegen die Vorschläge der anderen Seite.

Anderswo sieht es ganz anders aus. In England kämpft die Fanvereinigung „Football Supporters Federation“ (FSF) um die Wiedereinführung der Stehplätze. Vorerst nur probeweise und mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. Neben den Behörden und fast allen Premier League-Clubs gibt es einen besonders bedeutenden Gegner des Stehens im Stadion: Die Hillsborough Family Support Group, eine Vereinigung für die Opfer der Katastrophe von Hillsborough.

Es ist im Mutterland des Fußballs also deutlich umstrittener, sich für Stehplätze einzusetzen. Trotzdem unterstützen neben den aktiven Fans immerhin 13 Profivereine, darunter Aston Villa aus der Premier League und einer meiner englischen Lieblingsclubs, Derby County, einen Feldversuch. Doch der Premier League-Verband lehnt diesen aus durchsichtigen Gründen ab und um ihn zu starten, müsste erst das britische Parlament das entsprechende Gesetz ändern. Diese Debatte finde ich bedeutender und bedeutend spannender als die deutsche.

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4 Kommentare

  1. Der Artikel trifft es ziemlich gut. Auf beiden Seiten wird Unsinn erzählt und mit den größten Ängsten gespielt. Das ist in dieser Debatte, die alle Fußballfans ja doch irgendwie angeht, völlig unangebracht.

    In England gibt es keine Stehplätze mehr aber die Stimmung ist immernoch da, wenn auch anders. Gesungen wird trotzdem und geschrien und gebrüllt auch, wenn es hoch hergeht. Aber auch dort wird die Debatte meines Erachtens emotionalisiert durch die Hillsborough Family Support Group, was auch nicht gut ist. Ein Hillsborough kann sich so nicht mehr wiederholen; die Umstände sind vollkommen andere. Das müssen sie einsehen. Und wie bekannt ist, waren zum einen der desolate Stadionzustand aber auch und vor allem komplettes Versagen der Sicherheitskräfte ursächlich für Hillsborough. Ich will damit die Katastrophe auf gar keinen Fall kleinreden und die Kampagne Justice for the 96 irgendwie diskreditieren. Dazu ist das Thema zu wichtig. Aber ich sehe da einen Hang zum Widerstand nur um des Nein-Sagens wegen.

    Wir werden sehen, wohin dieses neue Sicherheitskonzept der DFL uns führen wird. Jedoch bringt es niemandem etwas, sofort den Untergang jeglicher Fankultur an die Wand zu malen bzw. jeden Stadionbesucher als hooligan und/oder ultra zu bezeichnen, wie es in den 1980ern in UK geschehen ist.

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  2. Es gibt Clubs in England, bei denen die Fans weiterhin laut sind und singen, vor allem auswärts. Es gibt aber nach allem was ich höre auch deutlich mehr stimmungsmäßige Hoffenheime.
    Ich bin mir sicher, so weit wird es in Deutschland nicht so schnell kommen.

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