Strukturelle Unwucht

1. Bundesliga, 21. Spieltag / BVB 1 Hamburger SV 4

Von einer Unwucht spricht man bei rotierenden Körpern, deren Masse nicht rotationssymmetrisch verteilt ist. Unwuchten führen zu Vibrationen und erhöhtem Verschleiß, weshalb sie durch Gegengewichte ausgewuchtet werden. (Wikipedia)

icon_spielberichtfinalNach einer 1:4-Heimniederlage sucht man nach Erklärungen. Die einfache Variante wäre, zu sagen, die Schwarz-Gelben seien nicht konzentriert genug gewesen und hätten zu viele individuelle Fehler gemacht. Doch im Jahr 2013, bei dieser Borussia und diesem Rückserien-Start, reicht das nicht. Deshalb gibt es heute eine steile These aus der Physik, die auf folgendes hinausläuft: Der BVB hat gegen den HSV geeiert.

Natürlich war gestern von Beginn an zu sehen, dass die Gäste im Westfalenstadion einen Plan hatten: früh zu attackieren und die Gastgeber nicht ins Spiel kommen zu lassen. Und da das gegen die Borussia nicht über 90 Minuten funktioniert, ging es auch darum, in der Defensive diszipliniert zu sein und allgemein die Breite des Spielfelds zu nutzen. Ersteres klappte ebenfalls nicht immer: Nach munterem Beginn der in himmelblau angetretenen Hamburger war es zur Freude vieler Borussen Heiko Westermann, der sich nicht richtig mit Torwart Adler abstimmte und es Lewandowski ermöglichte, sich den Ball zu schnappen und aus spitzem Winkel die Führung zu erzielen.

Doch dafür funktionierte der dritte Punkt des Hamburger Gameplans umso besser. Wenn die Gäste das Spiel breit machten, hatten sie unübersehbare Vorteile, gar ein strukturelles Übergewicht auf den Flügeln. Womit wir zur Physik zurückkehren: Der vor und zurück rotierende BVB war außen ungleich besetzt. Jürgen Klopp hatte auf den Ausfall von Marcel Schmelzer und Not-Linksverteidiger Kevin Großkreutz mit einer nicht positionsgetreuen Lösung reagiert und Sven Bender nach links hinten versetzt. Bender war zwar ’nur‘ an zwei der vier Gegentore entscheidend mitschuldig und Piszczeks und Kubas rechte Seite ebenfalls alles andere als sicher. Dass der linke Dortmunder Flügel völlig ungefährlich blieb, war allerdings ein struktureller Vorteil für den HSV.

Man konnte es vor dem 1:2 sehen: Hummels fühlte sich genötigt, von hinten raus ins Mittelfeld zu gehen, um einen Angriff der Gäste über rechts zu unterbinden. Er verlor jedoch seinen Zweikampf gegen Son und so war die Borussia hinten ziemlich offen; gegen den gewandten Hamburger Flügelspieler hatte Bender keine Chance und der Koreaner kam zu seinem Traumtor. Die Unterlegenheit der Dortmunder Außen über weite Strecken gefährdete gestern auch die Disziplin der Innenverteidiger. Jansen, Diekmeier, van der Vaart und Son, dessen Angriffe meistens außen begannen, wurden defensiv zu selten gefordert und hatten deshalb viel Kraft für ihre Laufwege nach vorne übrig.

Ob es nun spielentscheidend war oder nicht: Jürgen Klopp hat sich wie gegen Schalke dagegen entschieden, einem jungen, unerfahrenen Spieler zu vertrauen und ist mit seiner Alternativlösung erneut gescheitert. Im Derby baute er das System um; gestern versuchte er, einen defensiven Mittelfeldspieler in die Position hinten links zu pressen. Natürlich kann Manni als Innenverteidiger aushelfen, das hat er auch gestern bei ein, zwei Szenen gezeigt. Ihn jedoch ohne längere Einführung nach links zu verschieben, hat nicht funktioniert – in erster Linie haperte es am Positionsspiel. Jürgen Klopp wird hoffentlich zukünftig wieder seine Lernfähigkeit unter Beweis stellen und allen Spielern im Kader vertrauen. Wenn man sich nun mal entschieden hat, mit Marcel Halstenberg als Schmelzer-Ersatz in die Rückserie zu gehen, warum setzt man ihn dann zuhause gegen den HSV nicht ein? Wie es ausgegangen wäre, ist spekulativ – schlimmer wohl kaum.

Die Unwucht – oder Unausgeglichenheit – des Dortmunder Spiels war selbstverständlich nicht der einzige Grund für die Niederlage; sie ist aber ein recht tröstlicher. Denn wäre es etwa besser, wenn man die Heimpleite der mangelnden Lernfähigkeit und Aufmerksamkeit der Spieler zuschreibt? Es war doch nicht nur mir sonnenklar, dass man besonders auf Son und den formstarken Rudnevs achtgeben muss. Warum die beiden Hamburger Stürmer so viele Freiräume hatten, muss der Schwerpunkt der Analyse des Klopp’schen Trainerteams sein.

Natürlich war die Rote Karte gegen Robert Lewandowski nicht hilfreich. Der polnische Stürmer ist immer für mindestens ein Tor gut, das hat er auch gestern bewiesen. Doch dann sorgte er selber dafür, dass er nicht so schnell aus den Schlagzeilen kommen wird. Sehr wahrscheinlich war sein Tritt gegen Skjelbred so nicht gewollt, doch für das, was Schiedsrichter Gräfe und zumindest die Fernsehzuschauer sahen – ein grobes Foulspiel – kann man Rot geben. Absicht ist schwer zu bewerten; ein Zusammenprall war es jedenfalls nicht. Genau deshalb hätte vor Jahren auch Bayerns Salihamidzic bestraft werden müssen, als er mit gestrecktem Bein Sebastian Kehl schwer verletzte.

Nicht zu vergessen: Während der Dortmunder Unterzahl fiel überhaupt kein Gegentor. Erst als der Hamburger Innenverteidiger Bruma wegen einer Notbremse gegen Reus ebenfalls zu Recht vom Platz gestellt wurde, gelang den Gästen fast schon als Reaktion umgehend das 1:3. Die Dortmunder hatten durchaus einige Chancen im Spiel, doch vielleicht waren die unter der Woche angeschlagenen Reus und Götze noch nicht wieder präsent genug. Marco war gestern der aktivere, Mario vergab die größte Gelegenheit, als er von halbrechts knapp am linken Pfosten vorbeischob. Bei einer ähnlich guten Chance scheiterte Mats Hummels an Adler und ein Kopfball des erst in der 65. Minute eingewechselten Julian Schieber wurde auf der Linie geklärt. Ansonsten blieb unser Ersatzstürmer leider erneut ineffektiv, zeigte jedoch spielerische Ansätze.

Und wie verlief das Startelf-Debüt von Nuri Sahin? Natürlich bescheiden, bei diesem Ergebnis. Ein paar gute Pässe spielte die neue Dortmunder Nummer 18, ansonsten hatte er wenig Zugriff aufs Spiel. Als der anscheinend angeschlagene Gündogan doch noch in die Partie kam – für den schwachen Piszczek, nicht für Nuri – wurde das BVB-Spiel kurzzeitig besser.

Nach der unerwarteten, bitteren Heimniederlage ist Bayern wohl endgültig durch – die Schale wird trotzdem nicht nach 21 Spielen vergeben. Der BVB bleibt jedoch wegen der Punktverluste der Konkurrenz auf Platz 2. Auch wenn ich Jürgen Klopp – natürlich spekulativ – eine Teilschuld am 1:4 zuschreibe – seine Reaktion nach der Partie war wieder auf den Punkt:

Wir waren heute nicht gut und haben verdient verloren. Am Mittwoch sollten wir besser sein.

Heute wurden die ersten Personalien zur Champions League-Begegnung in Donezk bekannt: Marcel Schmelzer wird ins Team zurückkehren, Kevin Großkreutz jedoch nicht. Der Dortmunder Junge wurde sogar zwei Tage im Krankenhaus behandelt. Der Einsatz von Ilkay Gündogan, den wir sicher gut gebrauchen könnten, ist wegen einer Zehverletzung fraglich.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek (66. Gündogan), Santana, Hummels, Bender – Kehl (65. Schieber), Sahin – Blaszczykowski, Götze, Reus – Lewandowski. Gelbe Karte: Götze. Rote Karte: Lewandowski. Tor: Lewandowski

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4 Kommentare

  1. Es war aber auch eine sehr starke Leistung des Hamburger Sv, dem ich so ein gutes Spiel gar nicht zugetraut hätte. Der BVB fand eigentlich nie richtig seinen Rythmus. Und ich hätte Chris Löwe nicht nach Lautern abgegeben, am Samstag hätte Borussia ihn brauchen können.

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  2. Ohne Zweifel, der HSV war stark, aber vor allem die erwähnten Son, Rudnevs und van der Vaart sowie die (anderen) Außenspieler, weil wir sie gelassen haben. Sie haben unsere Lücken gnadenlos aufgedeckt.

    Löwe hätten wir sicher gebrauchen können, aber Verständnis für seinen Wechsel habe ich schon. Wenn man gar nicht mehr auf ihn setzt (siehe Derby), dann sollte man ihm auch keine Steine in den Weg legen. Allerdings finde ich eben, dass man entweder einen neuen Schmelzer-Back-up hätte holen müssen oder Halstenberg in einem Heimspiel vertrauen sollte.

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  3. Solche Spiele wie am Samstag gibts wohl immer mal, jedoch stören mich vielmehr die folgenden 3 Spiele Sperre für Lewandowski, den wir sicherlich schmerzlich vermissen werden. Von der Aktion Van der Vaarts ganz zu schweigen. Klar ist es leider gang und gebe im Fussball den Schiri verbal zu beeinflussen, aber sich nach dem Spiel noch öffentlich hinzustellen und so eine Aussage zu tätigen war nicht wirklich clever von ihm.

    ich hoffe das wir in Donezk eine bessere Figur abgeben und möglichst nicht verlieren. In der Bundesliga scheint jedenfalls endgültig der Zug abgefahren.
    Aber solange am Ende der direkte Einzug in die Gruppenphase gelingt bin ich zufrieden.

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  4. Ohne Frage eine dumme Aussage von van der Vaart. Andererseits fand ich die Kritik daran von BVB-Seite auch überzogen, denn wie du schon sagst: es ist ja leider Alltag in den Stadien, was er gemacht hat. Hier war der Ehrliche mal wirklich der Dumme.

    Ich fand den Auftritt und das Ergebnis vom Samstag in dieser Form vermeidbar, aber klar war, dass die Niederlagen kommen würden. Und möglicherweise irgendwann auch mal wieder eine Durststrecke. Deswegen wäre ich auch nach wie vor mit jedem der ersten drei Plätze mehr als zufrieden.

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