Keine Wissenschaft

1. Bundesliga, 26. Spieltag / BVB 5 SC Freiburg 1

icon_spielberichtfinal„Fußball ist keine Mathematik“, hat Karl-Heinz Rummenigge einmal gesagt. Aus den falschen Gründen zwar, aber recht hatte er trotzdem. Und manchmal ist Fußball mit überhaupt keiner Wissenschaft erklärbar, jedenfalls keiner, die auf Logik und Vorhersagbarkeit basiert. Denn Taktikfüchse, Sportwissenschaftler und Psychologen dürften es allesamt schwer haben, zu erklären, warum Borussia Dortmund ausgerechnet heute den dritthöchsten Sieg der Bundesliga-Saison geschafft hat.

Allzu lange hatte der Auftritt der Schwarz-Gelben zu wünschen übrig gelassen. Die offensive Ausrichtung des Mittelfelds mit Sahin und Gündogan schien zunächst ein Fehler zu sein, denn die beiden vermochten es nicht, die Zentrale zu kontrollieren. Mutige, engagierte und erstaunlich passsichere Freiburger zeigten die deutlich reifere Spielanlage, die Gastgeber verzettelten sich dagegen mit unpräzisen, teils leichtsinnigen Zuspielen, langen Bällen und fruchtloser Trickserei. Eine Erklärung fällt auch mir schwer. Oft muss als Begründung die ‚fehlende Einstellung‘ herhalten, aber das ist immer reichlich spekulativ und bei diesen Jungs nach wie vor schwer vorstellbar. Oder ist Jürgen Klopp näher dran, der nach der Partie vermutete, die erneute Derbyniederlage könne – trotz einer Woche Pause – noch in den Köpfen gesteckt haben?

Die Führung der Gäste nach 28 Minuten war jedenfalls nicht unverdient, auch wenn sich die Borussen in dieser Phase etwas gefangen zu haben schienen. Neven Subotic reagierte schlafmützig auf die lange Flanke von Schuster und den deutlich wacheren Kruse, so dass dieser links vom Tor für Schmid in die Mitte vorlegen konnte. Auch Roman Weidenfeller wirkte gegen Kruse etwas unentschlossen. Ein symptomatischer Treffer.

Trotz des schwachen Eindrucks, den der BVB hinterließ, war jedoch klar, dass ein Tor wie so oft alles ändern könnte. Doch wie sehr es das würde, das war doch überraschend. Tolle verrückte fünf Minuten vor der Pause sorgten dafür, dass die Borussia schon beim Halbzeitpfiff wie der sichere Sieger in die Kabine ging. Ein Standard half den Gastgebern und besonders Nuri Sahin in die Spur. Denn der bis zu dem Zeitpunkt enttäuschende Rückkehrer schlug einen Freistoß von rechts weit in den Strafraum, wo Robert Lewandowski sich per Kopfball durchsetzte. Drei Minuten später die endgültige Erlösung für Nuri: Nach Vorarbeit von Schmelzer und vor allem dank Kuba kam die Nummer 18 aus etwa 14 Metern frei zum Schuss. Der war sehr gut und passte ins rechte Eck. Und in der Nachspielzeit zahlte sich aus, dass die Borussia sofort weiter drückte: Nach einigem Hin und Her im Strafraum kam Lewandowski zum Schuss und erhöhte auf 3:1!

Was wären wir überhaupt ohne die Polen? ‚Kuba‘ Blaszczykowski war vor allem in der zweiten Hälfte wieder sehr präsent und gut dabei. Und Robert Lewandowski ist sowieso ein Phänomen oder schlicht und einfach der beste Stürmer der Liga. 19 Treffer hat er nun dort erzielt und doch ist er so viel mehr als nur die Summe seiner Tore. Das sah man am besten beim 5:1 in der 78. Minute, als er sich über links durch den Strafraum dribbelte und mit dem Außenrist präzise für den kurz davor eingewechselten Bittencourt vorlegte. Der zählt zu den weiteren Highlights der zweiten 45 Minuten: Mit viel weniger Einsatzzeit imponiert der Deutsch-Brasilianer deutlich mehr als etwa Moritz Leitner.

Von den Freiburgern kam nach dem Tiefschlag vor der Pause nicht mehr viel. Das war vorherzusehen. Dennoch war Hälfte 2 keine reine Freude, denn von der 50. bis etwa zur 65. Minute fiel die Borussia in die Schlampigkeit der ersten Halbzeit zurück. Nur war nun niemand mehr da, der es ausnutzte. Meckern gilt trotzdem nicht, denn die Schwarz-Gelben machten den Deckel doch noch ganz fest drauf. Nuri Sahin trat einen Abpraller Karate-mäßig aus der Luft ins Tor und komplettierte einen für sich persönlich tollen Tag. Wenn er die Leistung der letzten 50 Minuten auf annähernd 90 ausdehnen kann, wird der Sinn seiner Verpflichtung bald doch noch überdeutlich werden.

Sein 4:1 fiel nur kurz nachdem Schiedsrichter Weiner eine Elfmeterentscheidung zugunsten der Borussia nach Rücksprache mit seinem Assistenten zurückgenommen hatte. Angesichts des nur leichten Schubsers gegen Götze war das richtig und half möglicherweise den Schwarz-Gelben, ihre Entschlossenheit wiederzufinden.

Weitere Erkenntnisse aus einem am Ende doch sehr schönen Spiel: Die Worte Hans-Joachim Watzkes, Robert Lewandowski könne für den BVB in der nächsten Saison wertvoller sein als die 30 Millionen, die man mit einem Verkauf verdienen würde, ergeben mehr und mehr Sinn. Vertrauen in Spieler aus der zweiten Reihe wie Leonardo Bittencourt kann sich auszahlen – deswegen hoffe ich auf einen Verbleib und keine Ausleihe. Und wir lieben diesen Sport, weil jedes Wochenende alles wieder anders sein kann, auch wenn man das nicht zu erklären vermag. Fragen Sie Schalke!

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Santana, Schmelzer – Gündogan, Sahin – Blaszczykowski (76. Großkreutz), Götze (76. Bittencourt), Reus (81. Schieber) – Lewandowski. Gelbe Karte: Subotic. Tore: Lewandowski (2), Sahin (2), Bittencourt

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