Junger Retter für Oldham

Was für einen Unterschied ein paar Tage im Fußball machen können, kriegen Vereine weltweit immer wieder zu spüren – nicht nur Schalke 04. Ein paar Tage und einen Trainerwechsel nach einer tristen 0:1-Niederlage gegen Bournemouth sieht die Welt auch für den englischen Drittligisten Oldham Athletic schon wieder ganz anders aus. Am Sonntag trat der mit 31 Jahren jüngste Trainer im englischen Profifußball seinen Job an: Lee Johnson leitet mit den ‚Latics‘ seinen ersten Verein und ist der Sohn von Gary Johnson, der kurioserweise den Ligarivalen Yeovil Town trainiert.

Vor der Partie gegen Hartlepool United am Dienstag stand Oldham auf einem Abstiegsplatz und man konnte es den Fans nicht verdenken, dass sie die Ernennung eines völlig unerfahrenen Trainers kritisch sahen. Doch Johnson konnte noch vor seinem ersten Spiel Punkte sammeln: Zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden und Club-Finanzier Simon Corney traf er sich mit einigen Fans und legte seine Vision für den Abstiegskampf dar. Seine klaren Vorstellungen und die Referenzen aus der Trainerausbildung überzeugten.

Das Wesentliche folgte am Dienstagabend in Oldhams Boundary Park: Die Latics schlugen den Abstiegskonkurrenten Hartlepool mit 3:0. Fans und Trainer lobten danach die positive Spielweise und Körpersprache, die unter Johnsons Vorgänger Paul Dickov und Interimslösung Tony Philliskirk verloren gegangen waren. Held des Abends war Jose Baxter: Der Offensivmann bereitete die ersten beiden Kopfballtore mit seinen Flanken vor und erzielte den dritten Treffer mit einem satten Schuss von der Strafraumgrenze. Die Anhänger im Stadion trugen ihren Teil  zum Erfolg bei, auch wenn nur 3200 in den gut 10.600 Zuschauer fassenden Boundary Park gekommen waren.

Oldham Athletic ist einer jener Profivereine, die so gar nichts mit dem Glamour der Premier League zu tun haben. Was vielleicht genau daran liegt, dass die gut 100.000 Einwohner zählende Stadt Oldham nur elf Kilometer von Manchester mit seinen beiden Superclubs entfernt liegt. Im Schatten der Großen gedeiht nicht viel – dabei gehörten die Latics Anfang der Neunzigerjahre tatsächlich zu den Gründungsmitgliedern der Premier League und konnten sich in der neuen Eliteklasse zwei Spielzeiten halten. Doch danach passierte, was seither vielen Absteigern passiert ist, die nicht den direkten Wiederaufstieg schafften: Finanzielle Probleme sorgten für sportlichen Niedergang.

Genau genommen ist es erstaunlich, dass sich Oldham inzwischen seit über 15 Jahren in der League One hält. Das Geld ist schon lange knapp. Mitte des letzten Jahrzehnts rettete Simon Corney zusammen mit zwei weiteren in den USA lebenden Expatriates den Verein vor der Zahlungsunfähigkeit. Doch die Infrastruktur lässt weiterhin arg zu wünschen übrig. Eine Tribüne des Boundary Parks wurde im Zuge einer geplanten Totalrenovierung abgerissen, das Projekt dann aber aus finanziellen Gründen nicht weiter verfolgt. Seitdem hat das Stadion nur drei Tribünen. In diesem Jahr wollen die Latics einen neuen Anlauf für eine neue Nordtribüne starten; bei der Stadt wurde ein Baugesuch eingereicht.

Mit einer bezahlbaren Modernisierung des Boundary Parks hoffen die Vereinsverantwortlichen, wieder mehr Zuschauer ins Stadion zu locken – und in der Konsequenz in der Tabelle endlich mal wieder nach oben schauen zu können. In der aktuellen Saison hat Oldham mit einem Durchschnittsalter von 23,9 Jahren den zweitjüngsten Kader der Liga. Doch häufig verlassen die Talente, die zu Höherem berufen sind, den Club noch bevor sie richtig Geld bringen. Da ist viel Kreativität gefragt – und der behutsame Einsatz von Leihspielern.

Lee Johnson war bereits dafür verantwortlich, dass der junge Mittelfeldspieler Korey Smith vom Premier League-Club Norwich kam, obwohl er selber zu dem Zeitpunkt noch nicht in Oldham unterschrieben hatte. Bis zur Deadline für Leihgeschäfte in einer Woche könnten ein oder zwei weitere Spieler verpflichtet werden – ansonsten möchte der neue Mann auf der Trainerbank auf den vorhandenen Kader setzen.

Neun Spiele hat Johnson Zeit, die übrig gebliebenen Zweifler zu überzeugen. Deren Zahl könnte schlagartig wieder steigen, wenn die nächste Partie gegen einen Konkurrenten im Abstiegskampf, Shrewsbury Town, am Samstag deutlich verloren geht. Doch zumindest bis dahin hat der 31-jährige Trainerdebütant die Leute, die für Oldham arbeiten oder denen der Verein etwas bedeutet, mit seiner frischen, positiven Herangehensweise angesteckt. Endgültig abgerechnet wird ohnehin erst nach Abstieg oder Klassenerhalt.

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