Dortmunder Mut wird spät bestraft

Champions League, Finale / BVB 1 Bayern München 2

Der Traum ist vorbei. Borussia Dortmund hat das Champions League-Finale in Wembley verloren. Auf solche besonders bitteren Niederlagen gibt es ja verschiedene Reaktionsmöglichkeiten: Der Eine vergräbt sich zuhause und trauert wirklich tagelang, der Andere versucht zu verdrängen und sich mit völlig fußballfremden Dingen abzulenken. Oder man wacht am nächsten Tag auf und realisiert, dass das Ganze tatsächlich ein Traum war – im doppelten Sinn.

Wer konnte denn vor der Saison ernsthaft damit rechnen, dass die Schwarz-Gelben im Finale stehen würden? Ganz ohne Zweifel hätten sie den Henkeltopf verdient gehabt, wenn sie ihn geholt hätten. Doch meistens zerschellen Träume irgendwann an der harten Realität – das waren in diesem Jahr die noch effektiveren und viel finanzkräftigeren Bayern. Natürlich hätte es dennoch klappen können. In einem tollen, sehr spannenden Endspiel hat die Borussia mit ihrer mutigen Spielweise sicher mindestens genauso viele Sympathien gewonnen wie der späte Sieger. Eine grandiose CL-Kampagne fand einen würdigen Abschluss.

Jürgen Klopp sagte kürzlich, dass der Mut seiner Spieler gegen Bayern entscheidend sein werde. Tatsächlich hatte die Mannschaft den blöden letzten Liga-Spieltag wunderbar weggesteckt und ging voller Intensität in das Endspiel. Und der Trainer hatte sich etwas ausgedacht. Der Plan war einfach, aber zunächst sehr wirkungsvoll: Die Bayern mit extrem starkem Pressing nicht zu ihrem Spiel kommen zu lassen und ein Stück weit ihrer momentanen Selbstsicherheit zu berauben. Eine halbe Stunde lang war der BVB das dominierende Team und zwar in einer Art und Weise, wie sie die Bayern lange nicht erlebt haben. Mehrmals musste Manuel Neuer für seine geschlagene Abwehr retten. Selbst als die Münchener besser ins Spiel und zu Chancen kamen, hatte Lewandowski noch mal eine Riesengelegenheit.

Klopps Plan war vermutlich die einzig Erfolg versprechende Taktik gegen diese Bayern. Es ging darum, Heynckes und seine zuletzt auf Sieg programmierte Mannschaft zu überraschen, zu erschüttern. Wäre ein frühes Tor für die Schwarz-Gelben gefallen, hätte das zwar noch keine Erfolgsgarantie bedeutet, aber eine ökonomischere Spielweise ermöglicht. Und eingedenk der starken Leistung der Jungs wohl auch die Möglichkeit eröffnet, Lücken in einer attackierenden Bayern-Formation auszunutzen. Allerdings fehlte zum Gelingen des Plans ein Tor. Der BVB war nahe dran, aber Neuer dazwischen. Am Ende kam es, wie es zwar nicht unbedingt, aber doch mit gewisser Wahrscheinlichkeit kommen musste: In der letzten Viertelstunde fehlte den Jungs ein wenig die Kraft und Arjen Robben schloss einen späten Bayern-Angriff mit dem Siegtor ab.

Die Bayern hatten sich in das Spiel hinein gefunden und ihrerseits zahlreiche Chancen gehabt. Roman Weidenfeller präsentierte sich mit diversen Paraden erneut in sensationeller Form und könnte bald doch noch zur Nationalmannschaft eingeladen werden. Nicht dass mich das am heutigen Tag interessieren würde. Eine unfassbare Abwehraktion gelang auch Neven Subotic, als er in der 72. Minute einen Ball mit einem waghalsigen Sprung in Pfostennähe noch von der Linie grätschte. Das war ein ähnliches Gefühl wie bei einem Dortmunder Tor. Doch zweimal waren die Bayern selbst für Weidenfeller und die BVB-Abwehr zu gut. Beim 0:1 war auch Pech dabei, dass der von Robben kommende und von Weide noch abgelenkte Ball wirklich zu Mandzukic gelangte.

Bei allem Respekt vor der ebenfalls starken Vorstellung des FCB brauchen wir nicht zu unterschlagen, dass Schiedsrichter Rizzioli Dante für sein mit Elfmeter geahndetes Foul an Reus mit Gelb-Rot hätte vom Platz stellen müssen. Es handelte sich immerhin um einen Tritt – so nicht unbedingt absichtlich, aber grob fahrlässig. Der weiterhin extrem unsympathische Ribery wäre nach einem Ellbogenschlag gegen Lewandowski in der ersten Hälfte mit Gelb noch gut bedient gewesen – stattdessen gab es Freistoß für die Bayern, weil Robert zuvor etwas gehalten hatte. Auch der weiter für Spekulationen sorgende Stürmer hatte allerdings später eine Aktion, die unappetitlich aussah, als er Boateng auf den Fuß trat – doch im Gegensatz zur Ribery-Aktion bleiben Zweifel, ob Absicht im Spiel war.

Alles in allem gibt es nichts, wofür sich unsere Mannschaft nach diesem Auftritt schämen müsste und sehr viel, auf das sie stolz sein kann. Hätte am Ende doch – wie von mir erträumt – Kevin Großkreutz das späte 2:1 gemacht, hätte niemand von einem unverdienten Sieg sprechen können. Obwohl es vielleicht doch einige gemacht hätten. Es kam anders. Das ist unglaublich schade, weil man so dicht dran war. Trotzdem ist Jürgen Klopp vollkommen zuzustimmen, wenn er es besser findet, auf diese Weise zu verlieren als eine 0:4-Packung zu bekommen. Es ist kurzfristig womöglich bitterer, aber langfristig – und eigentlich schon jetzt – gewinnen Stolz und neue Motivation die Oberhand. Der BVB war mit den Liga-Dominatoren wieder auf Augenhöhe – und das ohne Mario Götze. Wie jetzt alles weitergeht, wird das Thema eines Artikels, der später am heutigen Tag erscheint.

Die Mannschaft: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Bender (90. Sahin), Gündogan – Blaszczykowski (90. Schieber), Reus, Großkreutz – Lewandowski. Gelbe Karte: Großkreutz. Tor: Gündogan (EM)

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4 Kommentare

  1. Auch wenn man zurecht stolz sein kann auf das was die Mannschaft in dieser Saison geleistet hat, so wird bei mir doch ewig folgende Floskel hängen bleiben:“ was wäre wenn“..
    Sicher ist es müßig darüber zu diskutieren ob man das Spiel mit 11 gegen 9 ( oder von mir aus auch 10 gegen 9 Spielern) hätte drehen können, doch gerade im Hinblick auf die fehlende Kraft in den letzten 20 Minuten wäre es sicherlich nicht hinderlich gewesen.
    Im Endeffekt fehlte uns einfach das nötige Glück das du für so ein Spiel brauchst..

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  2. Du hast vollkommen recht. Wenn dieses „was wäre wenn“ nicht wäre, könnte man den Bayern zugestehen, am Ende frischer gewesen zu sein. Dann könnte man einfach sagen, wir haben es mit einem viel versprechenden Plan versucht, aber das Tor in der ersten Hälfte nicht erzielt und deswegen hat es am Ende nicht gereicht. Aber so werden diese Spekulationen immer bleiben, auch wenn wir darüber hinwegkommen.
    Der Gedanke an 11 gegen 9 ist mir allerdings fern – das Spiel wäre sicher anders gelaufen, wenn Ribery Rot bekommen hätte. Aber ein Viertel des Spiels ohne Dante hätte womöglich auch gereicht.

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