Sheffield sucht den Supertrainer

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Klar, es ist zuletzt alles etwas unglücklich gelaufen beim englischen Drittligisten Sheffield United. Im April wurde Trainer Danny Wilson entlassen, der den Club immerhin in ein extrem unglücklich verlorenes Play-Off-Finale geführt hatte. Zum Zeitpunkt der Trennung lagen die ‚Blades‘ erneut auf einem Play-Off-Platz, mit Tuchfühlung zu den direkten Aufstiegsplätzen. Sie steckten allerdings in einer kleinen Ergebniskrise, spielten zu häufig Unentschieden und erzielten zu wenige Tore.

Schon damals wurde die Entlassung Wilsons kurz vor Saisonende kontrovers diskutiert. Immerhin hatte die Vereinsführung in der Winter-Transferphase Top-Torschütze Nick Blackman verkauft und die andere Sturm-Hoffnung Shaun Miller war verletzt. Wilsons Nachfolger wurde Chris Morgan, der noch bis vor kurzem für die Blades gespielt hatte und ihr Kapitän gewesen war. Doch eine Trendwende gelang auch ihm nicht – in den Play-Offs scheiterte United im Halbfinale am späteren Sieger Yeovil Town, den vor der Saison kaum jemand als Aufsteiger auf der Rechnung gehabt hatte.

Wie es nun auf der Trainerbank weitergeht, ist auch Anfang Juni noch offen. Chris Morgan ist als permanente Lösung noch im Rennen, doch der Verein hat auch andere Kandidaten im Visier. Bei den Fans steigt die Ungeduld und viele werfen Clubbesitzer Kevin McCabe, einem Unternehmer aus der Immobilienbranche und lebenslangem Blades-Fan, fehlende Investitionen vor, die potenzielle Kandidaten abschreckten.

Komisch wirkte auch die Rückkehr von Julian Winter als Geschäftsführer im Mai. Nicht weil ihm die Kompetenz abgesprochen werden kann – Winter ist schon jahrelang im Fußball tätig und spielte selber bei Huddersfield. Doch der CEO war erst acht Monate zuvor von seinem Posten bei den Blades zurückgetreten. Manche sagen, er habe sich damals aus Kostengründen selber geopfert. Nun leitet er zusammen mit McCabe-Sohn Scott und David Green wieder das Tagesgeschäft an der Bramall Lane.

Viel Vertrauen haben diese Personalrochaden bei den Fans freilich nicht erzeugt. Die aktuelle Trainersuche wird in den Kommentarspalten der lokalen Boulevardzeitung „The Star“ sehr kritisch gesehen. Die Ungeduld steigt und mit ihr die Befürchtung, keinen erfahrenen, kompetenten Mann mehr zu bekommen. Zuletzt sagte Ex-Blades-Spieler Stuart McCall ab, der in dieser Saison den schottischen Erstligisten Motherwell in die Europa League geführt hat. In England sind seine Referenzen allerdings weniger überzeugend: Dort verpasste er mit dem Viertligisten Bradford City mehrere Jahre lang die Play-Offs – inzwischen haben die ‚Bantams‘ mit Trainer Phil Parkinson das Play-Off-Finale gewonnen und werden 2013/14 in der League One auf Sheffield treffen.

Der aktuelle Stand der Dinge bei der Trainersuche laut „Star“: Neben der internen Lösung Chris Morgan sollen noch Ex-Nationalspieler Gareth Southgate und ein unbekannter Mann im Gespräch sein. Als Favorit galt zuletzt allerdings Robert Page vom ebenfalls in die dritte Liga aufgestiegenen FC Port Vale. Was einen Teil der Blades-Fans jedoch irritiert: Page war keineswegs als Chef beim Viertligisten tätig, sondern ’nur‘ als Assistenztrainer und Leiter der Jugendabteilung. Dieser kritische Teil der Fans hätte wohl lieber einen erfahrenen Mann wie Neil Warnock zurück, der während des letzten Premier League-Jahres United trainierte, allerdings auch berüchtigt für seine Schimpftiraden gegen Schiedsrichter, Verband oder Gegner ist.

Doch vielleicht braucht Sheffield United gerade jemanden wie Page: Einen unverbrauchten Mann, der sich nicht scheut, die neuen Vorgaben der Vereinsführung umzusetzen. Abgesichts knapper Kasse und der Financial Fair Play-Vorgaben dringen die Verantwortlichen darauf, mehr Spieler aus der eigenen Jugendakademie in die Mannschaft einzubauen. Chris Morgan hatte diesen Prozess am Ende der Saison mit Stürmer Joe Ironside oder Mittelfeldspieler Callum McFadzean begonnen. Und immerhin bringt die Nachwuchsarbeit der Blades mehr Talente hervor als die des Stadtrivalen Sheffield Wednesday – der einzige Trost für die Fans, da die ‚Owls‘ nun im zweiten Jahr in Folge eine Klasse über den Blades spielen werden.

Neben dem eigenen Nachwuchs soll der neue Trainer vor allem auf unverbrauchte Gesichter aus der dritten und vierten Liga setzen. Gut bezahlte Spieler, die bei höherklassigen Vereinen ausgemustert wurden, sollen nur noch im Ausnahmefall geholt werden. Die Konsequenzen sind klar: In der nächsten Saison wird United nicht automatisch zu den Aufstiegsfavoriten gehören. Egal ob Robert Page den Trainerjob bekommt oder jemand anderes – es wird kein einfacher Weg zum Erfolg. Die ungeduldigeren Blades-Fans sehen die Entwicklung mit großem Argwohn. Andere hoffen, dass es endlich einen konsistenten Plan gibt, auch wenn der erst mittelfristig zum Erfolg führt.

Wohin der Weg von Sheffield United als nächstes führt – zu einem überraschenden Aufstieg, in die ungeliebten Play-Offs oder eher in Richtung Abstiegszone, wird eine der spannendsten Fragen der kommenden League One-Saison.

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