Zerfetzte Nerven beim Derbysieg

Standard

1. Bundesliga, 10. Spieltag / FC Schalke 1 BVB 3

Eigentlich war es ein perfektes Derby: Zeitweise spannend, emotional und doch wurde ganz deutlich, wer die Nummer 1 im Pott ist. Wären da nicht die Minuten vor dem verzögerten Anpfiff gewesen. Die hier aus chronolgischen Gründen an den Anfang gestellt werden.

Eine niedrige dreistellige Zahl von Menschen, die behaupten, sie wären BVB-Fans begriff das Auswärtsderby mal wieder als Lizenz zu asozialem Verhalten. Was im Stadion vor sich ging, übertraf die Ereignisse bei den Derbys der letzten Jahre deutlich. Wäre es bei gelbem Rauch im BVB-Block geblieben, hätte sich kaum jemand groß darüber aufgeregt. Doch dann flog eine Rauchbombe und eine Leuchtrakete aufs Spielfeld – wo unser Torwart Roman Weidenfeller gerade versuchte, auf die eigenen Fans einzuwirken. Und es wurde eine Leuchtrakete in den vollbesetzten gegnerischen Block geschossen. Das ist nur noch kriminell – und ohne den ’schönen‘ gelben Rauch wäre es für die Täter womöglich schwieriger gewesen, das durchzuziehen.

Was wir Fans jetzt am wenigsten gebrauchen können, sind irgendwelche Apologeten, die die Vorkommnisse verharmlosen oder von einer vorherigen Eskalation durch die Polizei sprechen – die anreisenden Ultras am Bahnhof Essen West womöglich nicht deren freien Willen gelassen hat. Selbst wenn dort überreagiert wurde, darf das niemals als Erklärung oder gar Entschuldigung für den Beschuss von Menschen in der Turnhalle gelten. Ich habe von den verantwortlichen Gruppen und der Opferrolle, die sie gerne einnehmen, die Schnauze voll bis oben hin. Um ein Haar hätten sie uns den Derbysieg kaputt gemacht und es wird Zeit, dass sie keine Solidarität mehr bekommen. Es sind Einzeltäter, aber ihre Taten funktionieren nur aus dem Schutz einer Gruppe heraus. Die BVB-Verantwortlichen haben gesagt, was gesagt werden musste und Hans-Joachim Watzke verdient die Unterstützung der echten Fans, wenn er ankündigt:

Es wird etwas von unserer Seite geschehen, das ist sicher. Wir können einschätzen, wer die Rädelsführer waren, und wir werden handeln.

Cut. Zum Fußball. Schwer, aber bei einem Derbysieg durchaus machbar. Die Mannschaft hat sich durch den verzögerten Beginn nicht beeindrucken lassen. Schnell wurde deutlich, dass der FC Schalke derzeit weder die Torgefahr noch die defensive Sicherheit ausstrahlt, die nötig wäre, um an der Ligaspitze mitzuhalten. Nach zwei Derbypleiten zuletzt war der Wille bei den Schwarz-Gelben zu 100 Prozent vorhanden. Das zeigte sich an Laufbereitschaft und Gegenpressing – der BVB legte beides an den Tage wie in den Spielen, in denen das zum Markenzeichen des Klopp’schen Fußballs wurde.

Ein schneller Angriff führte bereits in der 14. Minute zur Führung. Der Ball wurde gut von hinten heraus gespielt. Der sensationelle Mkhitaryan, der alle drei Treffer vorbereiten sollte, passte aus zentraler Position nach halbrechts zu Reus, der in der Mitte Aubameyang und Lewandowski als freie Anspielstationen hatte. Pierre-Emerick stand näher zu Reus und lenkte den Ball ins Tor. In der Folge spielten die Schwarz-Gelben die Gastgeber phasenweise an die Wand und hätten weitere Tore erzielen müssen. Aubameyang kam einen Schritt zu spät, Lewandowski traf ein paar Mal falsche Entscheidungen. Schön zu sehen war trotz der ausbaufähigen Chancenverwertung, dass die zentrale Achse gut funktionierte: Hummels und Subotic spielten von hinten viele gute Pässe, die Kreativspieler Sahin und Mkhitaryan waren glänzend aufgelegt. Beweis: das spätere 2:0, als der Neuzugang den zentral freien Sahin fand, der dann mit einem wundervollen Schuss ins rechte Eck traf.

Doch noch in der ersten Hälfte hatte Schalke die große Chance zum Ausgleich. Subotic traf Fuchs im Strafraum bei einem Tackling leicht am Fuß, Schiedsrichter Kircher deutete vertretbarerweise auf den Punkt. Heilsbringer Boateng trat an, schoss kräftig, aber in einer für den Torwart dankbaren Höhe – trotzdem ein von Weidenfeller toll gehaltener Elfer. Erstaunlich, dass Roman vom chancenlosen Hinterherflieger zum Elfmetertöter geworden ist. Spätestens nach diesem emotionalen Highlight war aber klar, dass das Derby trotz Dortmunder Dominanz nicht zum Selbstläufer werden würde. Schalke kam besser ins Spiel, hatte zunächst aber nur eine halbe Chance durch Boateng. Nach dem 2:0 in der 51. Minute ließ die Borussia den Gastgebern zu viel Raum, was diese zumindest in viel Ballbesitz und einen gewissen Druck umzusetzen verstanden. Der Anschlusstreffer durch das kurz zuvor eingewechselte Talent Meyer war daher nicht unverdient.

Dass die Schwarz-Gelben bei vollem Einsatz mit den derzeit zur Verfügung stehenden Spielern und Trainern deutlich vor den Blauen stehen, zeigte sich jedoch in der Folge. Unsere Jungs standen wieder sicherer und nutzten eine sich bietende Gelegenheit in der 74. Minute brillant zur Entscheidung. Mkhitaryan diesmal nach Ballverlust von Draxler mit einem Lauf über den ganzen Platz und der Übersicht, nicht in die Mitte, sondern auf den weiter rechts völlig freien Kuba zu legen. 3:1. Danach war die Luft ziemlich raus, einige Akteure wirkten auch etwas platt, was aber verständlich und nicht weiter schlimm war.

Sportlich war es ein überzeugender, toller Derbysieg; nach dem Erfolg in London die gelungene Fortsetzung einer heißen Saisonphase. Nach gestern, dem zehnten Spieltag, kann man sagen, dass alle Neuzugänge – Sokratis vielleicht mit leichten Abstrichen – sich bisher als wichtige Verstärkungen erwiesen haben. Hoffen wir auf ein weises Vorgehen der DFL und des Vereins hinsichtlich der Ausschreitungen – freuen wir uns auf ein tolles Freitagabendspiel gegen den VfB Stuttgart!

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz, Subotic, Hummels, Schmelzer (46. Durm) – Bender, Sahin – Aubameyang (71. Blaszczykowski), Mkhitaryan, Reus (89. Hofmann) – Lewandowski. Gelbe Karte: Schmelzer. Tore: Aubameyang, Sahin, Blaszczykowski

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7 Gedanken zu “Zerfetzte Nerven beim Derbysieg

  1. PeterchensMondfahrt

    Gutes Statement zur Pyro-Aktion. Solidarität mit den Spinnern ist einfach nicht mehr angebracht. Das sollten die Nebenleute spätestens dann begreifen, wenn wir alle bei einem möglichen Geisterspiel vorm Fernseher sitzen müssen!

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  2. „Ich habe von den verantwortlichen Gruppen und der Opferrolle, die sie gerne einnehmen, die Schnauze voll bis oben hin. Um ein Haar hätten sie uns den Derbysieg kaputt gemacht und es wird Zeit, dass sie keine Solidarität mehr bekommen. Es sind Einzeltäter, aber ihre Taten funktionieren nur aus dem Schutz einer Gruppe heraus. “ –> Du sprichst mir aus der Seele. Genau so ist es. Und letztlich wird man auch nur so etwas bewirken. Strafen sind auch nötig, aber mit Strafen allein drängt man die Leute nur wieder in die Märtyrerrolle, die sie ja nur allzu gerne spielen.

    Zum Spiel noch: Was du über Weidenfeller schreibst, finde ich auch bemerkenswert. Früher war ein Elfmeter gegen uns ja gleichbedeutend mit Gegentor. Jetzt hält er ja doch fast die Hälfte aller Elfmeter! Nicht die einzige Sache, in der er sich weiter entwickelt hat!

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  3. Ja, eigentlich unfassbar, dass er nicht schon längst mindestens die Nummer 2 im deutschen Tor ist. Ist für mich persönlich zwar zweitrangig, aber sportlich eben nicht zu erklären.

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  4. Toller Blog! Schau doch mal hier: weletuknow.wordpress.com rein. Ein Blog im Aufbaustadium über Wissenswertes aus verschiedensten Bereichen (Fußball, Filme, Lifestyle). Wir würden uns über Follower freuen!

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