Letzte Chance Derbysieg

Borussia Dortmund hat in Gelsenkirchen gewonnen und wir freuen uns alle sehr. Auf den sportlichen Wettbewerb bezogen, um den es geht, ist die Bedeutung des Derbysiegs jedoch weitaus geringer als beispielsweise am legendären 33. Spieltag der Saison 2006/07. Schließlich traf am Samstag der Tabellenzweite auf einen Verein, der bereits mit einer zweistelligen Punktzahl im Rückstand war und nun ins Mittelfeld der Liga abgerutscht ist.

Wie viel dramatischer war die Ausgangssituation da im Nordosten Englands. Das Tyne-Wear-Derby zwischen Newcastle United und dem AFC Sunderland gehört ohnehin zu den heißesten lokalen Begegnungen im englischen Fußball. Am Samstag stand das Aufeinandertreffen unter ganz besonderen Vorzeichen, denn die Gastgeber aus Sunderland hatten einen absoluten Katastrophenstart in die Premier League-Saison hingelegt und aus acht Partien genau einen Zähler geholt.

Es lohnt sich hier etwas weiter auszuholen: Trainer der ‚Black Cats‘ war bis einschließlich des fünften Spieltags Paolo di Canio – jener notorische ehemalige Lazio-Spieler, der vor der Fankurve schon mal den Arm zum faschistischen Gruß erhob. Diese Gestik und die Tatsache, dass sich di Canio immer nur von den Auswüchsen der Ideologie distanzieren mochte, wurden nach seiner Ernennung im Frühjahr dieses Jahres natürlich auch im Nordosten sowie im Rest von England eifrig diskutiert. Viele Fans sahen die Personalie jedoch eher unpolitisch (di Canio hat überdies in England aufgrund seiner Zeit als Spieler dort den Ruf, ein guter Sportsmann zu sein) und waren spätestens dann vom Italiener überzeugt, als er die Black Cats tatschlich zu einem 3:0-Auswärtssieg beim letzten Derby im St. James Park führte. Di Canios anschließender Jubel auf Knien ging ebenso in die Derby-Folklore ein wie die Ereignisse nach dem Spiel, als unter anderem ein frustrierter Newcastle-Fan auf ein Polizeipferd einschlug.

Der Trainer hielt Sunderland in der Folge in der Premier League und hatte im Sommer ein ansehnliches Budget zur Verfügung, um das Team zu verstärken. Zur Seite standen ihm dabei zwei weitere Italiener, die der Club verpflichtete: Sportdirektor Roberto de Fanti und Chefscout Valentino Angeloni. Wie genau die Verpflichtung der 14 Neuzugänge  zwischen den dreien abgestimmt war, ist nicht bekannt und hier soll auch nicht auf einzelne Namen eingegangen werden. Im Ergebnis gelang es di Canio jedoch nicht, aus den vielen Spielern eine Mannschaft zu formen, die seinen Idealen – Kampf und hundertprozentiges Engagement – genügte.

Viele Beobachter machen dafür die gelinde gesagt gewöhnungsbedürftige Menschenführung des 45-jährigen verantwortlich. Das Führen könnte di Canio in der Tat zu wichtig gewesen sein: Auf dem Trainingsgelände verbot er seinen Spielern Handys, Ketchup und sogar Eiswürfel in der Cola. Entscheidender für die sich in dieser Saison rapide verschlechternden Beziehungen zu wichtigen Spielern dürfte allerdings die harsche Kritik sein, die der Trainer öffentlich an ihnen äußerte. Seinen vermeintlich hehren Idealen konnte scheinbar niemand genügen. Das Ende von di Canios kurzer Amtszeit kam bezeichnenderweise, nach dem sich angeblich mehrere Führungsspieler an Geschäftsführerin Margaret Byrne wandten und eine weitere Zusammenarbeit für aussichtslos erklärten.

Zum Nachfolger des Italieners wurde mit Billigung des amerikanischen Clubbesitzers Ellis Short erneut ein Trainer erkoren, der zuvor noch nicht in der Premier League tätig war – zumindest nicht in dieser Funktion. Der Urugayaner Gus Poyet war im Mai unter etwas seltsamen Umständen beim Zweitligisten Brighton & Hove Albion entlassen worden, wo er zuvor vier Jahre erfolgreich gearbeitet hatte. Das erste Spiel unter Poyet – zuvor hatte Co-Trainer Kevin Ball zweimal das Sagen – endete in einer 0:4-Klatsche bei Swansea City. Dann kam das Derby.

Ein Punkt aus acht Spielen, der neue Trainer mit einem denkbar schlechten Start – mit solch einer Ausgangsposition will wohl niemand gegen den großen Lokalrivalen antreten. Und doch kann man mit einem Sieg so viel wieder wettmachen – zumindest vom Feeling her. Und genau das gelang den Black Cats. Steven Fletcher hatte die Gastgeber im Stadium of Light früh per Kopf in Führung gebracht, nach etwa einer Stunde gelang Newcastle durch Debuchy der Ausgleich. Fünf Minuten vor Schluss steckte Stürmer Jozy Altidore den Ball zum eingewechselten, von Liverpool ausgeliehenen Fabio Borini durch, der einen wunderbaren Schuss im Kasten von Torwart Krul versenkte. Und den Großteil des Stadions zum Ausrasten brachte.

Es war ein wahrhaftig essenzieller Derbysieg, wie wir Schwarz-Gelbe ihn wohl tatsächlich zuletzt 2007 erlebt haben. Und doch nur ein erster Schritt für Gus Poyet und seinen quantitativ gut bestückten Kader. Erst in den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, wie gut der Premier League-Novize mit dem bisher eher zusammengewürfelt wirkenden Erbe von Paolo di Canio umzugehen versteht.

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2 Gedanken zu “Letzte Chance Derbysieg

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