Tradition, Leidenschaft, Abstiegskampf

Ein 146-jähriger Fußballverein aus der Stadt des ältesten Klubs überhaupt. Fans, die zu Tausenden zu Auswärtsspielen fahren und ein eigenes Stadion, das fast in jedem Spiel mit über 20.000 Menschen gefüllt ist. Und das, obwohl sich der englische Zweitligist Sheffield Wednesday wie in der vergangenen Saison am unteren Ende der Tabelle herumdrückt. Dabei hatten die ‚Owls‘ im Sommer auf mehr gehofft. Die Bestandsaufnahme nach 21 absolvierten Spieltagen ergibt jedoch Platz 22, den ersten Abstiegsrang in der Championship (die wegen Starkregens abgebrochene Partie gegen Wigan Athletic muss allerdings noch nachgeholt werden).

Die Aufbruchstimmung in der Liga wich im Herbst schnell der Ernüchterung: Erst Anfang November gelang Wednesday der erste Sieg. Trainer Dave Jones holte in Jeremy Hélan zwar einen jungen Flügelspieler von Manchester City permanent nach Hillsborough, doch insgesamt sind seine sommerlichen Transferaktivitäten bestenfalls als durchwachsen einzuschätzen. Der Einkauf des 24-jährigen albanischstämmigen Österreichers Atdhe Nuhiu für den Sturm hat sich noch nicht richtig ausgezahlt. Auf mehreren Positionen kommen Leihspieler zum Einsatz, die teilweise nach jetzigem Stand am Jahresende zu ihren Heimatklubs zurückkehren müssen. Außerdem wurden mehrere ältere vereinslose Spieler verpflichtet.

Inzwischen hat Jones ohnehin nicht mehr das Sagen: Anfang Dezember hatte der exzentrische Owls-Besitzer Milan Mandaric genug und entließ den Aufstiegstrainer. Sein Nachfolger Stuart Gray, zuvor First Team Coach bei Wednesday, gilt als Interimslösung. Aus fünf Spielen unter der Regie des 53-jährigen holte die Mannschaft sieben Punkte, darunter war ein Sieg gegen Aufstiegsaspirant Leicester City. Da dem Vorsitzenden Mandaric derzeit der Wille zu fehlen scheint, erneut eine größere Summe zu investieren – und dies wegen der künftigen Financial Fair Play-Regeln auch nicht opportun erscheint – könnte Gray den Job bei entsprechenden Resultaten allerdings sogar permanent kriegen. Oder bis Saisonende.

Allgemein wird im Umfeld des Vereins angenommen, dass Milan Mandaric seine Anteile an Sheffield Wednesday lieber heute als morgen loswerden und sich vielleicht sogar ganz aus dem Fußballgeschäft zurückziehen möchte. Äußerungen des Klub-Retters, der die Owls 2010 vor der Insolvenz bewahrte, gehen in diese Richtung. Hals über Kopf im Stich lassen wird er Wednesday nicht – den Verein endlich wieder in die Premier League führen aber wohl ebenso wenig.

Die nachlassenden Ambitionen Mandarics dürften auch dafür sorgen, dass in der Transferphase im Januar keine großen Geschäfte getätigt werden. Ein akutes Problem könnte sich im Sturm ergeben: Top-Torschütze Connor Wickham ist nur ausgeliehen und muss am 1.1. zurück zum Premier League-Klub Sunderland. Matty Fryatt ist schon wieder bei seinem eigentlichen Klub Hull City. Gray hat bereits den Schotten Chris Maguire von seiner Leihe beim Drittligisten Coventry City zurückbeordert, doch wenn Nuhiu weiter so selten trifft, müssen sich die Owls etwas einfallen lassen. Erste Option wäre wohl eine Verlängerung von Wickhams temporärem Aufenthalt – wenn die abstiegsbedrohten ‚Black Cats‘ ihn entbehren wollen.

Am traditionellen Boxing Day-Spieltag (26. Dezember) schlug sich Wednesday achtbar: Bei den ambitionierten Blackburn Rovers erarbeitete man sich ein 0:0. Nach der enttäuschenden Heimniederlage gegen Aufsteiger Bournemouth kurz vor dem Fest hatten damit die wenigsten gerechnet: Die zwei Online-Fanzines „Owls Alive“ und „Owlsonline“ sagten jeweils ein 1:3 vorher. Der zuletzt zugunsten der Arsenal-Leihgabe Damian Martinez auf die Ersatzbank versetzte Stammtorhüter Chris Kirkland durfte zurück zwischen die Pfosten und zeigte eine starke Leistung; der erfahrene Glenn Loovens überzeugte nach Verletzung in der Innenverteidigung.

Gut möglich, dass sich Sheffield Wednesday auch in dieser Spielzeit wieder aus dem Schlamassel zieht. Doch eigentlich ist es Zeit für den Traditionsverein, nach seiner Konsolidierung einen konzeptionellen Neuaufbau des Teams zu starten. Fragt sich nur, welcher Eigentümer die Geduld dafür hat und welcher Trainer das Vertrauen dafür kriegt.

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