The English Game

Hillsborough 25.3.2014Was wissen wir eigentlich über den Fußball in dessen Mutterland? Klar, die Premier League läuft im Pay-TV, aber dort wählen die Programmverantwortlichen meistens die Partien der fünf bis sechs Topklubs für die Live-Übertragungen aus. Wer sich für die Vereine aus der unteren Tabellenhälfte oder aus niedrigeren Ligen interessiert, muss schon etwas Spürsinn und Enthusiasmus zeigen, um umfassend informiert zu werden. Ich nehme das für mich in Anspruch, andererseits war ich seit zwölf Jahren in keinem englischen Fußballstadion mehr. Es wurde also höchste Zeit. Deshalb habe ich, ohne ein Groundhopper zu sein, in meinen England-Urlaub im März zwei Stadionbesuche eingebaut.

22.3.2014, League One / Walsall 1 Leyton Orient 1 / Bescot Stadium

Walsall ist ein eher kleiner Klub, der aufgrund seiner Aussprache selbst im Englischen schon mal mit „Warsaw“, der polnischen Hauptstadt, verwechselt wird. Die Stadt Walsall liegt unweit von Birmingham in den West Midlands, im sogenannten „Black Country„. Sie ist eher unspektakulär; auf jeden Fall empfehlenswert ist jedoch ein Besuch der New Art Gallery in der Nähe des Bahnhofs. Das Stadion hat einen etwas gewöhnungsbedürftigen Standort. Es liegt etwas außerhalb an der viel befahrenen Autobahn M6. Zum Glück gibt es jedoch einen Bahnhof, der nur durch die Autobahnbrücke und eine weitere Straße vom Stadion getrennt ist. Dort halten die Regionalzüge aus der Stadt in Richtung Birmingham / Wolverhampton.

Bescot Stadium an der M6
Der Weg vom Bahnhof zum Stadion.

Die „Saddlers“ – der Spitzname bezieht sich auf die Tradition der Stadt in der Lederwaren-Herstellung – sind einer jener Vereine, die aus arg überschaubaren Möglichkeiten durch überdurchschnittlich gute Arbeit mehr machen müssen. Der Vorsitzende und Geldgeber Jeff Bonser hält sich aus dem Tagesgeschäft raus, seit er sich 2010 mit den Fans überworfen hat. Normalerweise kommen rund 4000 Zuschauer zu den Heimspielen – in der Nähe gibt es schließlich mit West Bromwich Albion, Aston Villa, Birmingham City und den Wolverhampton Wanderers gleich vier größere Klubs. Bei unserem Besuch im März waren immerhin gut 5700 Fans im offiziell Banks’s Stadium benannten Stadion – an lokalen Schulen waren erfolgreich verbilligte Tickets verkauft worden.

Walsall hatte Ende März noch Ambitionen auf das Erreichen der Play-Off-Plätze, obwohl die Wochen zuvor eher durchwachsen gelaufen waren. Der sympathisch wirkende Trainer Dean Smith hat aus vielen Spielern mit Ein- oder Zwei-Jahres-Verträgen und mehreren Leihgaben eine spielerisch gut funktionierende Mannschaft geformt, der es jedoch immer wieder an Effizienz mangelt. Der Gegner an diesem Samstagnachmittag war Leyton Orient, ein Klub aus dem Londoner East End, der um den direkten Aufstieg mitspielte. Dementsprechend schwer schien die Aufgabe, doch die Saddlers gingen sie sehr beherzt an und spielten mutig nach vorne. Nach 14 Minuten hatten wir schon einen Aluminiumtreffer von Milan Lalkovic und einen geblockten Schuss von Brandy gesehen, als Abwehrspieler Paul Downing nach einer Ecke von Westcarr zur Stelle war und den nicht richtig geklärten Ball zur Führung einschob.

Wir verfolgten das Spiel auf dem Tile Choice Stand, der mit Abstand größten Tribüne des Bescot Stadiums hinter dem nördlichen Tor. Während man von dort gute Aussicht aufs Spielfeld, die nahe Autobahn und die dahinter liegenden flachen Hügel hat, ist diese exponierte Stelle auch sehr windanfällig, so dass es trotz eher heiteren Wetters ganz schön kalt wurde. Zum Glück war das Spiel lange Zeit recht lebhaft. Vor allem in der ersten Hälfte hätte Walsall die Führung ausbauen können. Bei einer weiteren Ecke hätte Downing fast erneut getroffen.Walsall-Leyton Orient-smallAuch nach der Pause hatten die Saddlers noch ihre Chancen, vor allem als Lalkovic allein vor Keeper Jakupovic auftauchte, der allerdings das Eins-gegen-Eins-Duell gewann. Doch nachdem Heimtorwart O’Donnell in der 65. Minute noch eine tolle doppelte Rettungstat vollbracht hatte, war er in der 77. machtlos: Ein Weitschuss von Clarke wurde unglücklich und unhaltbar abgefälscht – ähnliches Pech für die Saddlers wie im Spiel zuvor. Im Anschluss waren die Gäste aus London dem Siegtreffer näher als Walsall. Trotzdem: Es war ein beherzter Auftritt der Gastgeber, ein lange Zeit lebendiges Spiel. Die Stimmung im gut 11.000 Zuschauer fassenden Bescot Stadium lebte dann auf, wenn das eigene Team am Drücker war. Applaudiert wurde regelmäßig, angefeuert nur gelegentlich. Den Vereinsverantwortlichen würde es sicher schon reichen, wenn sie zu jedem Heimspiel diese Besucherzahlen hätten.

25.3.2014, Championship / Sheffield Wednesday 1 Brighton & Hove Albion 0 / Hillsborough

Gerade hat sich die Stadion-Katastrophe von Hillsborough, bei der 1989 96 Liverpool-Fans starben, zum 25. Mal gejährt. In England begannen aus diesem Anlass alle Spiele des Wochenendes sieben Minuten verspätet. Natürlich war das vermeidbare Unglück auch in Deutschland Thema. Wenig überraschend verbindet man den Namen des Sheffielder Stadions hierzulande hauptsächlich mit jenem Ereignis und nicht mit den Hauptnutzern Sheffield Wednesday, die dort seit 1899 ihre Heimspiele austragen. Mit knapp 40.000 Plätzen ist Hillsborough das größte Stadion außerhalb der Premier League.

Einige Wochen vor dem bewegenden Gedenktag war ich bei einem Dienstagabend-Ligaspiel vor Ort. Wednesday, 1867 gegründeter Traditionsklub, hatte sich durch eine gute Ergebnisserie unter dem neuen Trainer Stuart Gray aus dem Abstiegskampf befreit; mit Brighton kam jedoch ein Gegner, der um die Play-Off-Plätze mitspielte. Hillsborough ist der Name des Vororts, in dem das Stadion nur vermeintlich liegt – denn eigentlich gehört es zum benachbarten Stadtteil Owlerton, daher der Spitzname des Klubs: „the Owls“. Aus dem Stadtzentrum kommt man per Tram oder Bus zum Stadion – je nachdem muss man noch ein paar Minuten laufen. Aus dem Stadtteil Broomhill, wo unser Hotel lag, dauert die Fahrt eine Viertelstunde.

Hillsborough ist ein Stadion mit viel Charakter und natürlich Tradition. Allein die Uhr am Dach des South Stand ist da schon Beweis genug. Unsere Plätze in der 10. Reihe auf dem gegenüberliegenden North Stand boten hervorragende Sicht für 27 Pfund, also rund 32 Euro. Nicht wenig für ein Zweitligaspiel, aber in England zahlt man in vielen langweiligeren Stadien mehr. Normalerweise liegen die Zuschauerzahlen bei Heimspielen über 20.000, doch da es ein Spiel unter der Woche gegen ein Team von der Südküste war, kamen nur gut 18.000. Die Owls haben nicht nur mit die reisefreudigsten Auswärtsfans der Championship – auch daheim wird versucht, Stimmung ins große Stadion zu bekommen. Es gibt Trommeln, einen Trompeter und immer wieder Gesänge, hauptsächlich vom Spion Kop, der Tribüne der engagiertesten Heimfans.

Anpfiff in Hillsborough
Anpfiff in Hillsborough

Das Spiel selbst war nun nicht gerade geeignet dazu, große Begeisterungsstürme zu verursachen und so blieb die Stimmung eher durchschnittlich. In der ersten Halbzeit war es bei den Owls vor allem Flügelspieler Jeremy Helan, der für Gefahr sorgte, während auf der anderen Seite Innenverteidiger Onyewu eine Hereingabe von Buckley im letzten Moment klären konnte. In der zweiten Hälfte hatte Brighton die besseren Szenen und Wednesday-Keeper Kirkland konnte sich zweimal mit exzellenten Reaktionen auszeichnen. Eigentlich gab es nur eine erwähnenswerte Gelegenheit für die Owls, als Torwart Kuszczak einen Schuss von Arsenal-Leihgabe Afobe abwehrte und Liam Palmer bei seinem Nachschuss die Latte berührte.

Doch dann kam die 90. Minute und ein Traumfinale für dieses sonst mäßige Spiel an einem kühlen Abend in South Yorkshire. Leon Best, Leihstürmer vom Ligakonkurrenten Blackburn, trieb den Ball über die linke Seite in Richtung Strafraum und schloss mit dem linken Fuß ab. Das Leder rollte mehr als es flog und ich hätte nicht gedacht, dass der Schuss reingeht. Doch er war tatsächlich so platziert, dass Kuszczak nicht ran kam und der Ball am langen Pfosten einschlug. Riesenjubel, klar, und in der Nachspielzeit noch eine Verletzungsunterbrechung, da Brightons Einwechselspieler LuaLua gegen Torwart Kirkland überhart eingestiegen war.

Wie in vielen deutschen Stadien gibt es auch in Sheffield Zuschauer, die schon Minuten vor dem Abpfiff gehen – und damit gerechterweise manchmal Entscheidendes verpassen. Auffällig ist außerdem, dass sich die Stadien in England nach dem Schlusspfiff schneller leeren. Langes Feiern mit den Spielern war nach dem späten Sieg der Owls nicht zu beobachten – wobei eine Rolle spielen könnte, dass es Dienstagabend um zehn war und die Mehrzahl der Fans sicher nicht in unmittelbarer Umgebung des Stadions wohnt.

Zwei nicht repräsentative Stadionbesuche in Walsall und Sheffield – was lernt man daraus über den englischen Fußball? Vor allem, dass er Spaß macht, wie fast überall. Die in den ersten beiden Ligen (noch) fehlenden Stehplätze sind ein Nachteil, wobei es in manchen Stadien Blöcke gibt, in denen das Stehen stillschweigend toleriert wird. Ansonsten gibt es überall enthusiastische Fans, auch wenn sie nicht alle singen. Etwa die ältere Dame hinter uns in Hillsborough, die das ganze Spiel über die Aktionen der Owls mit einer herrlichen Mischung aus Naivität und Fachkenntnis kommentierte. Unübersehbar sind natürlich Unterschiede in Sachen Fankultur, Zuschauerzahlen und Finanzkraft der Klubs – doch seit RB Leipzig brauchen wir in Deutschland uns über nichts mehr aus dem englischen Spiel zu mokieren.

Was dann geschah: Walsall hat die Play-Offs deutlich verpasst, und je weiter sie in die Ferne rückten, umso mehr verloren die Saddlers ihre Form. Vor dem letzten Spieltag ist allenfalls ein einstelliger Tabellenplatz noch machbar – Mindestvoraussetzung ist ein Heimsieg gegen Colchester. Von den Schlüsselspielern haben nur Torwart O’Donnell und der junge Mittelfeldmann Sam Mantom längerfristige Verträge. Mit fast allen anderen muss verhandelt werden – und dann gibt es noch die, die man gehen lassen wird. Viel Arbeit für Dean Smith und den Geschäftsführer mit dem passenden Namen, Stefan Gamble.

Auch Sheffield Wednesday ließ nach dem endgültig geschafften Klassenerhalt nach und konnte sich nicht in Richtung Top 10 hoch arbeiten. Das Höchste der Gefühle am letzten Spieltag: Mit einem Auswärtssieg in Ipswich könnte man sich noch am neben Sheffield United größten Rivalen Leeds vorbeischieben. Der muss zu Hause gegen den Tabellendritten Derby County antreten – auch diese beiden Klubs können sich nicht so gut leiden. Allerdings würde Leeds schon mit einem Punktgewinn Platz 15 behaupten.

Ein Gedanke zu “The English Game

  1. […] Letztes Jahr war ich in den West Midlands, in Walsall in der Nähe von Birmingham. Der dortige Drittligist Walsall FC ist ein recht sympathischer Verein, der über seine Verhältnisse spielt, aber nicht lebt. Das Bescot Stadium hat gut 11.000 Plätze, die normalerweise zu etwa 40 Prozent gefüllt sind. Der Vorsitzende und Geldgeber Jeff Bonser ist wohlhabend, aber kein Scheich oder Abramowitsch. Wer mehr über den Klub und das Ligaspiel, das ich damals besuchte, lesen möchte, klickt hier. […]

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