Jürgen Klopp geht ohne Pott

DFB-Pokal, Finale / BVB 1 VfL Wolfsburg 3

Pokalfinale2015Als kurz vor zehn eine frustrierende zweite Halbzeit zu Ende gegangen und das Pokalfinale 2015 Geschichte war, trat Jürgen Klopp auf Wunsch der Fans allein vor die BVB-Kurve. Es war für viele Schwarz-Gelbe der endgültige Abschied, das Ende einer Ära im Abendrot von Berlin. Die Pokalübergabe an die Wolfsburger musste man sich nicht antun, eine Feier am Borsigplatz hatte sich erübrigt. Bald wird uns Thomas Tuchel vorgestellt, doch gestern war der Tag des bitteren Abschieds.

Richtig begonnen hatte der Abend mit einer fast schon rührend archaischen Antwort der üblichen Verdächtigen aus der BVB-Fanszene auf die Choreo der zahlenmäßig deutlich unterlegenen Wolfsburg-Anhänger. Mit Nebel und Feuer gegen den Versuch der Autofans, als kreative Szene wahrgenommen zu werden – anders betrachtet war es auch ein trotziges Aufbäumen kindischer Ewiggestriger, das den Sympathievorsprung, den der BVB insgesamt gehabt haben dürfte, deutlich reduziert hat.

Im Spiel fehlte zunächst dem VfL der rechte Durchblick und der Borussia gelang endlich mal wieder ein Traumstart. Bei der Flanke von Kagawa funktionierte die Abseitsfalle der Wölfe nicht und Aubameyang traf mit einem schönen Volleyschuss. Sollte es endlich mal anders herum laufen, anders auch als beim kürzlichen Ligaspiel? Der BVB machte es in den ersten 20 Minuten gut, war präsent und nah am Mann. Und hätte Marco Reus in der 19. Minute freistehend nicht über das Tor gezielt, wäre ein anderes Ende möglich gewesen.

In den folgenden 20 Minuten zeigte sich jedoch, was Wolfsburg kann und was die Schwarz-Gelben in dieser Saison nicht auszeichnet. Defensiv ist die Borussia der Abschlusstabelle gemäß häufig nur noch Mittelmaß. Gegen ein Spitzenteam darf man sich hinten einfach nicht so viele Fehler erlauben. Torwart Mitch Langerak wehrte den Freistoß von Naldo nach vorne ab, so dass Luis Gustavo abstauben konnte und konnte den Schuss von De Bruyne nicht parieren. Andererseits schießt Ersterer bekanntlich sehr hart und Letzterer ließ den Ball bei seinem Abschluss unangenehm holpern. Besonders beim 1:2 war es schon abenteuerlich anzusehen, wie sich die Schwarz-Gelben zuvor abmühten, das Spielgerät aus der Gefahrenzone zu bugsieren, ohne es wegzuschlagen. Und beim 1:3 durfte Ivan Perisic von Marcel Schmelzer ungestört flanken, Neven Subotic verlor bei seinem Klärungsversuch den Zugriff auf Bas Dost, der einköpfen konnte.

Das Pokalfinale gegen den VfL, der die Borussia zunächst mal als Deutschlands Nummer Zwei verdrängt, war auch insofern exemplarisch, als dass es noch mal einige mögliche Fehleinschätzungen der Verantwortlichen in den Fokus rückte. Man fragte sich angesichts der genannten Szenen zum x-ten Mal, wann jemand (ein)sieht, dass Marcel Schmelzer nicht das Niveau für solche Topgegner hat und die Außenverteidiger-Positionen grundsätzlich überdacht werden müssen. Und auch, warum zuletzt regelmäßig Neven Subotic, der unlängst bis 2018 verlängert hat, den Vorzug vor Sokratis erhielt.

Ein zweites Problem zeigte sich über die gesamte Spielzeit: Der BVB nutzt seine Chancen zu selten; Aubameyang ist in dieser Hinsicht zu oft Alleinunterhalter. Reus ist noch nicht wieder in Topform – das kann noch werden. Leider enttäuschte Mkhitaryan nach einigen guten Auftritten ausgerechnet in Berlin und Kagawa, der das Tor vorbereitete, blieb bei seiner Grätsche zum Ball ebenfalls glücklos. Vor allem in der zweiten Hälfte gelang es dann zu selten, die souveränen Wolfsburger in Gefahr zu bringen.

Der Kloppsche Abtritt ohne Schlusspointe wäre nun etwas einfacher zu verkraften, wenn man einfach sagen könnte: Es war nicht unsere Saison und der Gegner war schlichtweg besser. Das ist zwar beides wahr, aber nicht die ganze Wahrheit. Wieder mal gab es enge Szenen, die der Schiedsrichter, Dr. Felix Brych, gegen den BVB auslegte. Der Check von Kehl gegen Perisic vor dem Ausgleich war höchstens ein knappes Foul. Kurz vor der Pause wurde Aubameyang von Rodriguez im Strafraum umgesenst – die Frage war nur, ob der Ball da schon abgefeuert war. Und auch in den letzten 20 Minuten gab es noch zwei Rempler im Wolfsburger Strafraum, die grenzwertig waren. Es schien so, als ob die spielerisch überlegene Mannschaft großzügiger beurteilt wurde.

Den ab dem Wolfsburger Ausgleich ernüchternden Pokalabend hätte man sich natürlich ganz anders vorgestellt. Zumindest spannender. Es hätte ein grandioser Abschied im Olympiastadion werden können – auch von Sebastian Kehl, der dann in der zweiten Halbzeit sang- und klanglos gehen musste. Der einzige Vorteil: Die abgesehen von möglichem Restalkohol nüchterne Stimmung, die seit gestern Abend in Dortmunder Kreisen herrscht, ermöglicht die Vorfreude auf den Neuanfang. Denn hätte Klopp den Pokal tatsächlich geholt, hätten sich alle noch mal ernsthaft die Frage stellen müssen, ob der Abschied wirklich nötig war – allen zurechtgelegten Begründungen zum Trotz.

Die Aufstellung: Langerak – Durm (68. Piszczek), Subotic, Hummels, Schmelzer – Kehl (68. Blaszczykowski), Gündogan – Mkhitaryan, Kagawa, Reus (79. Immobile) – Aubameyang. Gelbe Karten: Mkhitaryan, Schmelzer. Tor: Aubameyang

2 Gedanken zu “Jürgen Klopp geht ohne Pott

  1. Es war eine sehr bittere Niederlage,absolut unnötig, jedoch bezeichnend für unsere Saison. Vorne die Tore nicht gemacht und hinten den Gegner wiederholt eingeladen. Die ersten 20 Minuten haben mir sehr gefallen. Nach dem zwei Tore Rückstand hatten wir dennoch nichts mehr entgegenzusetzen. Es gab wieder einige strittige Szenen doch will ich die Schuld nicht beim Schiri suchen. Wolfsburg war diesmal einfach cleverer und abgezockter. Guckt man sich den Kader an sind sie auf einigen Positionen einfach stärker besetzt. Wo war bitte Gündogan in diesem Spiel und wer soll bitte bereit sein 20 mio. für ihn zu überweisen. Die Schmelle Befürworter bescheinigen ihm ja oft eine solide defensivleistung, doch ähnlich wie bei Durm bekommt er gegen starke Gegner öfter seine Grenzen aufgezeigt. Warum Sokratis in der letzten Zeit auf der Bank saß hab ich auch nie verstanden. Neven ist ein super Typ, doch immer ein Unsicherheitsfaktor in unserem Spiel. Seine kürzlich verkündete Vertragsverlängerung kam sehr überraschend für mich, dachte ich doch das Ginter in der nächsten Saison mehr Einsatzzeiten erhält. Neben dem dritten verlorenen Finale in Folge stört mich am meisten das wir nun unsere Saisonvorbereitung durch diese dämlichen Qualispiele unterbrechen müssen/dürfen.

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