Die nebulöse Zukunft des BVB

Lieber DFB, es war doch nur eine Metapher.
Lieber DFB, es war doch nur eine Metapher.

Am Mittwoch um 12 Uhr stellt sich Thomas Tuchel in Dortmund der schwarz-gelben Öffentlichkeit als neuer BVB-Trainer vor. Die meisten Fans dürften dem Termin trotz oder auch wegen des gerade erst verlorenen Pokalfinales mit großer Spannung entgegenblicken. Doch dass sich dann die Zukunft der Borussia so schnell klärt wie die gelben Nebelschwaden am Samstagabend im Olympiastadion ist nicht zu erwarten. Zwar ist nicht auszuschließen, dass Tuchel als Antrittsgeschenk einen weiteren festgeklopften Transfer bekommt – etwa 1860-Talent Julian Weigl – doch werden in den nächsten Monaten noch viele wichtige Entscheidungen fallen.

Die wichtigste Weichenstellung wird sein, ob die verbleibenden Vereinsverantwortlichen eine weithin verbreitete Rechtfertigung für den Klopp-Abgang wirklich glauben. Die besagte, dass ein echter Umbruch in der Mannschaft nicht mehr nötig sei, wenn der prominente Kopf der Schwarz-Gelben weg wäre. Diese Ansicht könnte sich als Trugschluss herausstellen. Es geht gar nicht darum, viel Geld für neue Spieler auszugeben oder wirklich zehn Mann auszutauschen. Nötig ist aber, wie schon gefordert, eine harte, ehrliche Analyse – ohne Schonung von Akteuren, über die bisher eher die Hand gehalten wurde.

Es ist kein Geheimnis, dass ich damit vor allem die in dieser Saison eingesetzten Außenverteidiger meine. Schmelle, Piszczu, Kevin, ja selbst Erik sind alles Jungs, die gefühlsmäßig zu uns gehören, aber auch auf den Prüfstand. Da muss man ja niemand direkt wegschicken, man sollte sich aber um die vorhandenen und eventuell verfügbare neue Alternativen kümmern. Um die defensive Stabilität wiederherzustellen muss Tuchel natürlich alle relevanten Positionen in den Blick nehmen – und die bisherigen Hierarchien überdenken.

Zu einer ehrlichen Analyse gehört auch anzuerkennen, dass etwa Shinji Kagawa in dieser Saison kaum mehr Positives zu den BVB-Zielen beigetragen hat als ein Ciro Immobile. Man darf die Einsatzzeiten bei der Beurteilung nie aus den Augen verlieren. Ciro könnte laut „Kicker“-Spekulationen nach Italien zurückkehren, unser Kult-Spieler wird dagegen öffentlich weit weniger hinterfragt. Das soll nicht heißen, dass Tuchel, Zorc und Watzke auf ihn verzichten sollten – es muss aber eine realistische Einschätzung aller Positionen erfolgen.

Ilkay Gündogan wird beim BVB nicht verlängern und soll den Verein deshalb im Sommer verlassen. Es könnte auch Neujahr werden, wenn er tatsächlich zum FC Barcelona geht. Ganz gewiss ist jedoch nur ein möglicher Nachfolger: Gonzalo Castro kommt von Bayer Leverkusen. Für die kolportierten elf Millionen Euro festgeschriebene Ablöse ist der nach Kicker-Noten drittbeste Mittelfeldspieler der Bundesliga eine gute Verpflichtung.

Viele Transfers im zweistelligen Millionenbereich wird sich die Borussia in diesem Sommer aber wohl nicht leisten. Schließlich steht noch nicht mal fest, ob man die halbwegs lukrative Gruppenphase der Europa League erreicht. Am 29. Juli beginnt die 3. Qualifikationsrunde, die die Schwarz-Gelben bereits bestreiten müssen, in der zweiten August-Hälfte folgen im Erfolgsfall die Play-Offs. Im Anschluss würde sich dann zeigen, wie der veränderte Kader damit zurechtkommt, nur einen Monat Sommerurlaub gehabt zu haben. Denn am 29. Juni ist aus naheliegenden Gründen bereits Trainingsauftakt unter Thomas Tuchel.

Es wird also eine lange Saison, für die man nach den Erfahrungen der letzten Jahre personelle Alternativen braucht. Diese müssen nicht teuer sein. Es wäre schön, einige Talente aus dem Nachwuchs regelmäßig auf dem Spielfeld zu sehen. Um sich durchzusetzen, müssen diese eingesetzt werden und dann nach und nach ihre Leistung bringen – sonst droht der Weg von Leonardo Bittencourt oder gar Moritz Leitner. Gerade Letzterem ist der Sprung in die BVB-Startelf nach seiner Ausleihe nicht zuzutrauen. Da sollte man dann auch ehrlich sein und auf unverbrauchte Nachwuchskräfte setzen.

Die Nebel werden sich nur nach und nach lichten. Vielleicht braucht Borussia Dortmund 2015/16 Anlaufzeit, vielleicht wird es eine Übergangssaison. Möglich oder sogar wahrscheinlich ist, dass es mit Tuchel funktioniert – aber wann? Das wird er uns am Mittwoch nicht sagen – spannend wird die Pressekonferenz trotzdem.

Und was macht Jürgen Klopp? Doch erst mal Pause. Wie lange weiß er wohl selbst noch nicht genau. Gut möglich, dass ihn sich möglicherweise 2016 im Inland ergebende Perspektiven reizen. Gut möglich, dass es mit seiner Bindung zum BVB und den Gefühlen nach dem endgültigen Abschied zu tun hat.

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