Ist Mario Götze der verlorene Sohn?

Er ist wieder da: Der Kicker vermeldet heute Abend, dass die Rückkehr von Mario Götze zu Borussia Dortmund perfekt sei – für einen „Basisbetrag“ von 26 Millionen Euro. Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge hatte am Rande des Testspiels gegen Manchester City verlauten lassen, dass morgen eine Einigung erfolgen könne. So scheint tatsächlich wahr zu werden, was sich viele nicht vorstellen konnten und viele nicht vorstellen wollten. Wobei die erste Gruppe nicht ganz kongruent mit letzterer ist.

Des Weiteren sollen auch die Verhandlungen mit dem VfL Wolfsburg wegen André Schürrle weit gediehen sein. Es ist wahrscheinlich, wenn auch noch nicht komplett sicher, dass die beiden Protagonisten des WM-Siegtors von 2014 bald in schwarz-gelb spielen. Für die zwei Freunde Schürrle und Götze dürfte der BVB dann rund 56 Millionen ausgegeben haben. Diese Transfers würden in Dortmunder Fankreisen polarisieren wie kaum eine andere Vereinsentscheidung der letzten Jahre. Zeit für einige Diskussionsanstöße.

Woher dieser Hass?

Wer in den letzten Monaten Internetforen oder die Leserkommentare in Sportportalen zum Thema BVB-Transfers gelesen hat, wird zweifellos auf eine Reihe äußerst kritischer bis gehässiger Beiträge zu Mario Götze und André Schürrle gestoßen sein. Während Götze sich nachweislich ungeschickt bis unfein aus Dortmund verabschiedet hat, ist Schürrles einziges Vergehen, dass er zeitweise seine Leistung nicht abrief und der BVB nun viel Geld für ihn bezahlen soll.

Eine kritische Betrachtung der beiden wahrscheinlichen Neuzugänge folgt sogleich, doch ich habe ein Problem damit, wenn sich im Netz Stimmungen hochschaukeln, aus Abneigung Hass wird, in dem sich die Nutzer gegenseitig bestärken. Es führt – leider – kein Weg daran vorbei, das Fußball-Business mit ein wenig Realitätsnähe zu betrachten. Mario Götze wollte (noch) höher hinaus, es ist in mehrfacher Hinsicht schlecht gelaufen, jetzt kehrt er wohl nach Dortmund zurück. Ist es völlig absurd, ihn wie den verlorenen Sohn aus der Bibel zu betrachten – egal ob man gläubig ist oder nicht?

Was bedenklich stimmt

Vor allem zwei Punkte lassen Zweifel aufkommen. Bis zuletzt schien Götze nicht überzeugt von einer Rückkehr ins schwarz-gelbe Trikot zu sein. Die Bayern, in persona Karl-Heinz Rummenigge, mussten ihn mehrmals hinauskomplimentieren – in einer Art und Weise, die früher in ihrem Verein verpönt war. Vermutlich hätte Götze auch eine Reihe anderer Champions League-Klubs dem BVB vorgezogen, doch das ist Spekulation. Kann der Spieler sich nun trotzdem voll auf seinen alten Arbeitgeber einlassen? Sollen dabei Freunde wie Marco Reus und womöglich bald Schürrle helfen?

Es kommt hinzu, dass die letzten Rückholaktionen der Borussia keine Erfolgsgeschichte waren. Einige nostalgisch eingestellte Fans werden jetzt auf das ein oder andere gute Spiel von Nuri Sahin und Shinji Kagawa verweisen, doch im Großen und Ganzen haben diese beiden nicht an ihre Leistungen in früheren Dortmunder Zeiten anknüpfen können. Auch deshalb bin ich skeptisch, wenn jetzt die Rückkehr von „Kuba“ Blaszczykowski verklärt wird – so sensationell war seine EM auch nicht.

Mario Götze würde auf ein sehr stark verändertes Dortmunder Umfeld treffen. Ob er sich darin besser einfinden kann als in München? Nicht ausgeschlossen, wenn es in der Mannschaft und mit dem Trainer stimmt. Doch aus Fankreisen wird er sich einiges anhören müssen. Ob das dann noch Sinn macht, ob es echte Enttäuschung oder einfach nur Lust an der Hetze ist, spielt effektiv keine Rolle.

Wie durchdacht ist die Transferpolitik des BVB?

Kommen Mario Götze und André Schürrle, wären sie vermutlich Anwärter auf ihre stärksten Positionen, im zentralen bzw. linken offensiven Mittelfeld. Es ist möglich, dass Thomas Tuchel die beiden wieder hinkriegt. Dennoch stellt sich die Frage, warum der BVB noch mal 56 Millionen ausgibt, obwohl die Kaderdichte im Mittelfeld hoch ist. Den Weg, vor allem mit aufregenden jungen Spielern den Umbruch zu wagen, wären viele Fans begeistert mitgegangen. Der Weg mit zwei teuren Nationalspielern ist weniger riskant, doch wie sieht es mit der mittelfristigen Entwicklung der jungen Talente aus? Bekommen Mor, Merino oder Dembelé trotzdem ihre Einsatzzeiten? Was ist mit den Jungs aus dem Nachwuchs – Pulisic, Passlack und anderen?

Ich halte keine der beiden Personalien Götze und Schürrle für absolute No-Gos. Aber müssen es beide sein? Wir hätten damit zu viele Mittelfeldakteure mit Stammplatzanspruch. Der Kader ist bereits aufgebläht. Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc müssen Spieler loswerden, was schwieriger als eine Neuverpflichtung sein kann. Nur ein Beispiel: Moritz Leitner.

Man bekommt in diesem Sommer zum ersten Mal seit langem wieder das Gefühl, dass die BVB-Verantwortlichen mehr Getriebene als Akteure sind. Noch im Frühling war das anders und es trifft Tuchel, Zorc und Watzke auch nur eine Teilschuld daran. Doch wenn Mario Götze und André Schürrle – sollte es zu diesem Doppelwechsel kommen – nicht funktionieren, werden Fans und Medien kritischere Fragen stellen als in der Krisensaison 2014/15. Man wird nach den genauen Verantwortlichkeiten fragen – wer wollte wann wen und warum? Hatte man zuletzt doch Angst vor der eigenen Courage oder arbeitete man immer auf die Mega-Transfers hin? Vor allem dann, wenn die Borussia klar formulierte Saisonziele wie das erneute Erreichen der Champions League verpasst, könnte es ungemütlich werden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s