Wie RB Leipzig normal werden soll

Wir schreiben das Jahr 2016. Der deutsche Fußballalltag sieht mittlerweile so aus: Zehn Spieltage der Bundesliga-Saison sind absolviert. Auf Platz 1 steht der FC Bayern, punktgleich auf Platz 2 RB Leipzig. Was bedeutet der schnelle sportliche Erfolg für die Wahrnehmung des ungeliebten Emporkömmlings? Und welche Strategie verfolgt der Brauseklub bei seiner Selbstdarstellung?

Einerseits bestätigt der aktuelle Tabellenstand schlimmste Befürchtungen. Bei denen, die „das Konstrukt“ ohnehin ablehnen. Wird die Liga schon in absehbarer Zeit zu einem Zweikampf zwischen Dauermeister und Retortenklub? So weit ist es vielleicht noch nicht. Doch für die Akzeptanz beim neutralen oder nur leicht skeptischen Publikum ist die sportliche Situation Gold wert. Auch von BVB-Fans habe ich schon gehört, dass RB ja einen gepflegten Ball spiele. Und das im ersten Jahr in der höchsten Spielklasse, mit jungem Kader und einem Gehaltsbudget im Mittelfeld der Liga, wie Sportdirektor Ralf Rangnick gerne betont.

Der schnelle Erfolg ist eine gute Argumentationshilfe für die Leipziger Verantwortlichen, zumindest gegenüber dem Mainstream-Publikum. Denn noch kann ja nicht die Rede davon sein, dass etablierte Vereine wie der BVB, Schalke oder Gladbach von RBL wirtschaftlich überrollt werden. Dass viel Geld auch in die Strukturen und die Infrastruktur geflosen ist, die den derzeitigen Erfolg begünstigen, wird gerne übersehen. So kann dann unkritisch vom frischen Wind fabuliert werden, den der Klub in der Liga und natürlich im Osten verbreite. Einige Medien sind schon auf diesen Trip gekommen.

Die Kommunikationsstrategie der Leipziger ist ansonsten vor allem auf die Gegenwart und noch mehr auf die Zukunft gerichtet. So sagte Ralf Rangnick dem Tagesspiegel vor drei Wochen:

Wir müssen sehen, dass wir weiterhin fleißig Punkte sammeln. Nächstes Jahr wollen wir uns weiter verbessern, das heißt für mich aber noch nicht, dass wir uns ganz hohe Ziele stecken. Im dritten Bundesligajahr, nehmen wir mal an, es käme so, können wir dann vielleicht die internationalen Plätze ins Auge fassen.

Am wenigsten möchte man sich offensichtlich mit der Vergangenheit inklusive der fragwürdigen ‚Vereinsgründung‘ beschäftigen. Auch zur Vereinsstruktur habe ich noch keine freiwillige Wortmeldung aus RB-Kreisen vernommen.

Bezogen auf das Hier und Jetzt übt man sich in Understatement. Dazu gehört auch, die Fanproteste gegen das „Projekt“ kleinzureden. Das kommt ebenfalls bescheiden und weniger arrogant rüber, als wenn man sich übermäßig aufregen würde, etwa über den Bullenkopf der Dresdener. „Das Thema hat sich schon längst beruhigt und wir reden hier nur von kleinen Minderheiten“, meint Rangnick zu den Protesten. Seiner Meinung nach ist diese Entwicklung auf die sportliche Leistung und die Vermittlung der Leipziger Werte und positiven Attribute zurückzuführen. Ganz nebenbei kann man ja trotzdem Stadionverbote verhängen.

Auf die Frage des Tagesspiegel nach der Kommerz-Debatte möchte Rangnick wissen, wo darüber noch ernsthaft diskutiert würde. Man tue sich in Deutschland halt „schwer mit Neuerungen, schwerer als andere Länder“. Und der RB-Sportdirektor zieht auch Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim zum Beweis heran, dass Leipzig doch fast schon normal sei. Über die Unterschiede wird natürlich nicht geredet.

Die Strategie der „Bullen“ ist nachvollziehbar kühl kalkuliert. Es ist die Aufgabe der kritischen Fans und wenigen kritischen Medien, nicht nur über die sportlichen Erfolge zu berichten, sondern nach wie vor auch über die Konstruktion von RBL. Das ist schwierig, weil die entscheidenden Handlungen in der Vergangenheit liegen. Aber dort ist der Klub angreifbarer, als wenn man sich nur auf die Geldfrage beschränkt.

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