Der lange Prozess des Wiederaufstehens

Boxing Day 2016. Gut 16.000 Zuschauer verfolgen im Macron Stadium den 2:1-Heimsieg der Bolton Wanderers über Shrewsbury Town bei windigem Wetter und einstelligen Temperaturen. Der 29-jährige Innenverteidiger David Wheater reagiert in der ersten Hälfte nach zwei Standards am schnellsten und sorgt für drei Punkte. Die Spielstätte der Wanderers ist mehr als halb voll und die Besucherzahl an diesem beliebten Spieltag die dritthöchste der Liga.

Dennoch: Shrewsbury hat bei allem Respekt nicht den gleichen Glamour-Faktor wie der FC Bayern, den die „Trotters“ noch 2007 im Europapokal mächtig ärgerten – Stichwort: Fußball ist keine Mathematik. Als Any Given Weekend vor genau zwei Jahren zum letzten Mal über Bolton berichtete, war der Verein bereits in die zweite Liga abgestiegen und steckte bis zum Hals in Schulden. Doch immerhin gab es in Eddie Davies einen scheinbar geduldigen Besitzer, der viele Millionen investiert hatte und selber Fan war. Damals war nicht abzusehen, wie viel schlimmer es noch kommen konnte.

Inzwischen spielt Bolton drittklassig in der League One. Doch für die größten Negativschlagzeilen sorgte das Geschehen abseits des Platzes. Die finanzielle Situation spitzte sich so zu, dass sowohl die Steuerbehörden als auch die Football League tätig wurden. Wegen Verstößen gegen das Finanical Fair Play – es ging um nicht eingereichte Unterlagen – wurden die Trotters mit einem Transferembargo belegt, das ihnen verbietet, Transfer- oder Leihgebühren zu bezahlen. Sie dürfen allerdings Spieler kostenlos verpflichten und natürlich Gehälter zahlen. Noch dramatischer waren die Steuerschulden: Wäre es nicht zu einer Reduzierung der Verbindlichkeiten gekommen, hätte Bolton in die Insolvenz gehen müssen. Besitzer Davies suchte inzwischen nach einem Käufer für den Klub.

Ex-Spieler übernimmt Klub

Die Rettung erfolgte im März 2016: Wenige Tage, nachdem Anwälte der Wanderers vor Gericht einen letzten Aufschub für die Steuerschuld in Höhe von beinahe drei Millionen Pfund erwirkten, verkaufte Davies seine Anteile am Klub an ein Konsortium, das von Ex-Spieler Dean Holdsworth und dem früheren Spielerberater Ken Anderson angeführt wurde. Dabei schrieb Davies den größten Teil seines Geldes, das ihm der Verein schuldete, ab.

Mit der massiven Reduzierung der Verbindlichkeiten war die Grundlage für eine langsame Gesundung der Wanderers gelegt, doch über den Berg waren sie noch nicht, wie sich im Herbst zeigte. Weitere Zahlungsschwierigkeiten, unter anderem gegenüber Spielerberatern, traten zu Tage, konnten jedoch gütlich geregelt werden. Neueste Wendung: Anderson – derzeit Vorsitzender der Trotters – möchte die Anteile von Holdsworth – derzeit CEO – übernehmen. Eine Einigung über das Vorhaben steht noch aus. Der potenzielle neue starke Mann stellte sich bei einer Podiumsveranstaltung den Fragen der Fans, enthüllte aber nicht bis ins letzte Detail die Gründe für den Deal.

Rivale kauft Trainingsgelände

Ist nun das Schlimmste überstanden? Die Fans mussten schon viel schlucken: Im März wurde kurz vor der Übernahme des Klubs durch Holdsworths und Andersons Konsortium auch noch ein vereinseigenes Trainingsgelände an den Lokalrivalen Wigan Athletic verkauft. Ken Anderson versicherte nun, dass es eine vergleichbare Notlage nicht mehr geben sollte. Sportlich scheint – erneut – der Tiefpunkt überwunden. Könnte der Abstieg im Fall Bolton tatsächlich einmal heilsam gewesen sein? Durch die Transfersperre begünstigt gedeihen in der laufenden Spielzeit auch Talente aus dem eigenen Nachwuchs wie Josh Vela und Zach Clough – so sehr, dass man schon wieder befürchten muss, zu viel Interesse an ihnen geweckt zu haben.

Der neue Mann auf der Bank ist der sympathische Phil Parkinson, der schon Bradford City wieder auf die Beine geholfen hat. Als ehemaliger Erstligist dümpelte der Klub aus Yorkshire jahrelang durch die vierte Liga. Dank Parkinson spielen sie nun wie die Wanderers in der League One. Und auch mit Bolton peilt Parkinson den Aufstieg an: Nach 23 Spieltagen, zur Hälfte der Saison, liegt man auf Platz 3. Zwei Vereine steigen aus der League One direkt auf, ein dritter über die Play-Offs. Und nun treffen die Trotters im letzten Spiel des Jahres an Silvester zu Hause auf Scunthorpe United, mit nur zwei Punkten Vorsprung auf die Gastgeber Tabellenführer.

Die Fragezeichen über Boltons Zukunft werden jedoch nicht so schnell kleiner. Schließlich ist nach dem Abstieg auch eine Reihe von Spielern geblieben, deren Verträge höher dotiert sind als man es sich im Macron Stadium in Zukunft leisten kann und will. Viele dieser Kontrakte laufen kommenden Sommer aus und dürften nur im Einzelfall verlängert werden. So wird es einen großen Umbruch im Kader geben, egal ob in der League One oder der angestrebten Championship. Ken Anderson plant unter anderem mit mehr jungen, frischen Leihspielern aus der Premier League. Die treuen Fans, die für den dritthöchsten Zuschauerschnitt der Liga sorgen, werden hoffen, dass auch Josh Vela, Zach Clough oder ihre Nachfolger aus dem eigenen Nachwuchs eine Rolle spielen.

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