Überraschungsteam überraschend unterlegen

1. Bundesliga, 22. Spieltag / SC Freiburg 0 BVB 3

Das hatte man sich deutlich schwieriger vorgestellt: Ein sehr spielfreudiger BVB ließ dem bisher so überzeugenden Aufsteiger SC Freiburg keine Chance und musste sich nur vorwerfen lassen, die Partie nicht früher entschieden zu haben. Trotz bester Gelegenheiten gelangen erst nach der Pause Tore aus dem Spiel heraus.

Drei Gedanken zum Spiel

Diese Pause tat gut. Was immer man auch über die Anforderungen an einen hochbezahlten Profisportler denkt: Der ständige Drei-Tages-Rythmus von Spiel zu Spiel fordert irgendwann seinen Tribut. Den schwarz-gelben Jungs hatte die einwöchige Pause sichtlich geholfen. Nicht nur, da taktisch gearbeitet werden konnte. Drei Spieler fielen im Wochenvergleich besonders positiv auf: Ein gesunder und fitter Raphael Guerreiro bringt Flexibilität und internationale Klasse ins Spiel der Borussia. Zum einen, weil er mit Übersicht und Präzision Standards treten kann – wie beim 1:0 zu bewundern. Zum anderen, weil er für Dynamik bis ins letzte Drittel sorgt und damit Marco Reus und Ousmane Dembelé entlastet.

Sokratis war zuletzt ungewohnt erratisch aufgetreten und hatte zudem einiges auf die Socken gekriegt. Letzteres war auch gestern der Fall, doch in der Defensivarbeit machte „Papa“ als Zentrum einer hoch stehenden Dreierkette eine gute Figur. Ebenso wie nach Guerreiros Freistoß vorne, als er per schön ins lange Eck platziertem Kopfball sein erstes Saisontor erzielte. Hilfreich für die Dreierkette war der starke Tag von Julian Weigl, der allerdings von den Freiburgern auch nicht vehement angelaufen wurde. So durchkreuzte er nicht nur manche Angriffsbemühung der Gastgeber, sondern spielte wieder seine anerkannt präzisen Pässe. Weiterlesen →

Ich würde so gerne ein Freiburg-Fan sein

Das Überraschungsteam der bisherigen Bundesligasaison 2016/17 ist nicht RB Leipzig, auch nicht Hertha BSC, die TSG Hoffenheim oder der Effzeh. Nein, diese Auszeichnung gebührt dem SC Freiburg, der als Aufsteiger mit 30 Punkten auf Platz 9 steht – und damit vier Punkte vor Schalke und Gladbach. Die Mittel sind klein, der Kader ist regelmäßig Selbstbedienungsladen für die Großen der Liga und auch die Randlage im Südwesten stellt keinen Standortvorteil dar – trotz gut 226.000 Freiburgern.

Und dennoch trotzt der Sportclub ein wenig den Mechanismen des verrückten Fußballgeschäfts, geht mit Christian Streich in die zweite Liga und kommt direkt zurück. Der Trainer ist nicht nur ein sympathisches Unikat, sondern auch fachlich top, wie sich in dieser Saison wieder zeigt. Das Schwarzwald-Stadion ist mit 24.000 Plätzen nicht groß, aber fast immer ausverkauft. Das Einzige, was fehlt: ein regelmäßiges Fan-Blog (oder?).

Mir ist dieser Verein in seiner Bescheidenheit grundsympathisch und ich fände einen Punktverlust der Schwarz-Gelben gegen den SC weniger schlimm als gegen jeden anderen Ligakonkurrenten. Ja, ich ertappe mich sogar dabei zu überlegen wie es wäre, Freiburg-Fan zu sein. In Tagen wie diesen wäre es leichter, die Breisgau-Kicker zu lieben als den eigenen Verein – wenn man die Wahl hätte. Es wäre leichter, als einer der Kleinen das Modell RB Leipzig zu verurteilen. Auch wenn das Argument, der BVB sei als KgaA irgendwie das Gleiche wie RB natürlich hanebüchen ist. Man könnte angesichts des Tabellenplatzes auch die Transferpolitik der Rot-Schwarzen feiern – und hätte nicht immer die Zahl 55 Millionen im Hinterkopf.

Die Bedeutung der Borussia für die Stadt Dortmund, die Region und die internationale Fangemeinde übertrifft wahrscheinlich die des SC Freiburg für sein Umfeld. Doch die unvergleichliche schwarz-gelbe Fankultur hat Schaden genommen. Es gibt keinen Grund, arrogant gegenüber den 24.000 Stadiongängern und 10.000 Mitgliedern der Breisgauer zu sein.

Natürlich: einmal Schwarz-Gelber, immer Schwarz-Gelber. Nicht nur, weil Freiburg noch weiter entfernt von meinem Wohnort im Osten der Republik ist als Dortmund. Meinen sympathischen Zweitverein gibt es ohnehin schon, er spielt um die Ecke in der Regionalliga Nordost. Aber wenn ich heute zum Fußballfan werden würde, sähe es vielleicht anders aus.

Trotzdem hoffe ich auf drei Punkte morgen – und ein faires Spiel, bei dem sich gern auch die Gastgeber achtbar präsentieren dürfen. Christian Streich hat ein Luxusproblem in der Innenverteidigung – wer spielt neben Söyüncü – und rechnet sich Chancen auf etwas Zählbares aus. Auf der anderen Seite dürfen wir vor allem gespannt sein, ob Sokratis in die Startelf zurückkehrt und Schürrle eine erneute Chance bekommt.

Der Jetzt-erst-recht-Effekt

1. Bundesliga, 21. Spieltag / BVB 3 VfL Wolfsburg 0

Das partielle Geisterspiel verlief doch nicht so fürchterlich wie von manchem erwartet, vor allem sportlich. Der Ausschluss der eigenen Stehplatzfans stachelte die schwarz-gelben Jungs eher noch an und mit etwas mehr Treffsicherheit hätte man die Wolfsburger richtig auseinandergenommen. Die Gäste vergaben die vermeintlich große Chance, in Dortmund etwas zu holen, kläglich.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war kein schöner Anblick, diese leere Südtribüne. Das überzogene, aber vom BVB aus nachvollziehbaren Gründen akzeptierte Strafmaß, sorgte für hoffentlich einmalige Bilder während eines Bundesligaspiels im Westfalenstadion. Wer tatsächlich eine Karte oder Dauerkarte auf der Süd hat(te), wird das Ausgeschlossensein noch mal anders empfinden als die Fans am Bildschirm. Ich maße mir nicht an, für die Karteninhaber zu sprechen, denn ich gehörte zu der zweiten Gruppe. Für mich sah es so aus, als ob alle noch das Beste aus der Situation gemacht haben. Eine größere Anzahl Fans war von der Süd auf die Nordtribüne umgezogen, da der VfL nur rund 1700 Tickets an seine Anhänger verkauft hatte. Und im Lauf des Spiels schien dort ganz ordentliche Stimmung aufzukommen. Nicht nur sportlich, auch stimmungstechnisch herrschte also eine Jetzt-erst-recht-Haltung.

Im Wolfsburger Strafraum muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Vom zarten Aufschwung, den man dem VfL mit gutem Willen zuletzt attestieren konnte, war gestern nichts zu sehen. Erstaunlich, wie frei die Schwarz-Gelben bei vielen ihrer 24 Torschüsse (Wolfsburg: 6) zum Abschluss kamen. Man denke an den Hackentrick von Auba im Strafraum, den kein Schwarz-Gelber nutzen konnte. Allein, es bleibt ein Kreuz mit der Chancenverwertung. Und so hätte es zur Pause tatsächlich 1:1 stehen können, da Yunus Malli kurz vor dem Pfiff nur knapp links verzog. Was der BVB aber besser machte als zuletzt: Das Spielfeld wurde gestern in seiner ganzen Breite genutzt, die Angriffe wurden flexibel vorgetragen. Dafür waren nicht nur die lebendigen Reus und Dembelé verantwortlich, sondern auch Gonzalo Castro, der nach seiner Rückkehr in die Startelf wieder richtig dynamisch wirkte. Und hinten stand wieder eine ordentliche Viererkette.

Thomas Tuchel adressierte nach der Partie eine Ode an Lukasz Piszczek. Der Außenverteidiger erzielte ja nicht nur sein fünftes Saisontor, sondern bereitete auch beide weiteren Treffer mit seinen Hereingaben vor. Tuchel bezog sich aber ebenso auf Lukasz‘ hervorragende Einstellung im Alltag – tatsächlich etwas, das nach Darmstadt und Frankfurt mal hervorgehoben werden durfte. An der Einstellung mangelt es auch André Schürrle nicht, doch der Offensivmann bleibt glücklos und uneffektiv. Der 30-Millionen-Bonus gegenüber Christian Pulisic ist bald aufgebraucht. Und selbst an einem sportlich guten Wochenende muss es gestattet sein, auf die Diskrepanz zwischen links hinten und rechts hinten hinzuweisen: Gerade weil Lukasz Piszczek so glänzte, fiel BVB-Kapitän Marcel Schmelzer mit einer für ihn normalen Leistung deutlich ab.

Gegen Golfsburg läuft und läuft und läuft es also: Vier Siege und 15:3 Tore aus den letzten vier Partien verbuchte der BVB. Nächste Woche geht es zu den freundlichen Freiburgern, bevor die Schwarz-Gelben gegen Leverkusen wieder vor einer vollen Südtribüne auflaufen dürfen. Keine Spiele unter der Woche bedeuten hoffentlich volle Konzentration auf die Bundesliga und Sicherung von Platz 3.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Ginter, Bartra, Schmelzer – Weigl (81. Merino) – Castro – Schürrle, Dembelé (73. Kagawa), Reus (67. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karten: Weigl, Schürrle. Tore: Bruma (ET), Piszczek, Dembelé

Auf der Suche nach dem goldenen Tor

Champions League, Achtelfinale / Benfica Lissabon 1 BVB 0

Das Golden Goal gibt es zum Glück nicht mehr, aber dafür Tore, die Gold wert sind. Ein solches gelang Borussia Dortmund gestern in der portugiesischen Hauptstadt nicht – obwohl die schwarz-gelben Jungs diesmal alles dafür taten, sich ihr Glück zu verdienen. Sie hatten die Partie – immerhin ein CL-Achtelfinale – über weite Strecken im Griff und deutlich mehr Chancen als Benfica, die ihre einzige große Gelegenheit kurz nach der Pause nutzten. Passenderweise war es eine Ecke.

Drei Gedanken zum Spiel

Diese Diskrepanz zur Liga muss man nicht verstehen. Wenn du siehst, welche Welten zwischen Darmstadt und Lissabon liegen, ärgerst du dich schwarz. Einerseits. Andererseits gibt es natürlich Hoffnung auf Besserung, wenn die richtige Mentalität doch mal in den Köpfen der Spieler ankommt. Es spielt ja niemand absichtlich wie gegen Darmstadt. Gestern jedenfalls zeigten die elf Schwarz-Gelben alles, was es am Samstag nicht zu sehen gab: zuvorderst Bissigkeit und Präsenz. Ganz früh wurden die Gastgeber attackiert und zu vielen Ballverlusten gezwungen. Mit Schmelzer und Piszczek kam wieder Ruhe in die Defensive. Auch der Spielaufbau wirkte viel ansehnlicher, Guerreiro und Reus etwa steigerten sich massiv gegenüber Samstag.

Wäre da nicht diese ausbleibende Chancenverwertung. Das geht dann wirklich nicht im Achtelfinale der Champions League: so viel liegen lassen und hoffen, dass nichts passiert. Pierre-Emerick Aubameyang hatte die klarsten Gelegenheiten, die er auch noch selber vergab. Bei seinem Elfmeter musste sich Torwart Ederson weniger anstrengen als etwa bei dem sensationell gehaltenen abgefälschten Pulisic-Schuss. Auch in anderen Szenen reagierte Ederson stark. Dennoch muss sich die Borussia bei allem Lob für die starke Leistung die Niederlage selbst zuschreiben. Neben den vergebenen Chancen zeigten sich beim Benfica-Treffer Piszczek und Sokratis nicht reaktionsschnell genug. Verbesserungswürdig waren übrigens auch die langen, öffnenden Bälle, die mit etwas mehr Präzision und weniger Hast noch mehr Torgefährliches hätten hervorrufen können.

In der Champions League ist Aubameyang die einzige Lösung im Sturm. Alexander Isak wurde für den Wettbewerb nicht gemeldet. Marco Reus und erst recht André Schürrle sind nicht effektiv genug im Torabschluss, um als echte Stürmer durchzugehen. Bleibt Ousmane Dembelé, der schon früher im Sturmzentrum gespielt hat, aber in Dortmund aufgrund seiner Dribbelstärke eher aus dem Raum bzw. von der Seite kommen soll. Trotzdem wäre ein Versuch mit ihm auf der Auba-Position nicht völlig abwegig. Ob die frühe Auswechslung unseres Top-Torjägers aber sinnvoll war, darüber darf diskutiert werden. Sky-Experte Ottmar Hitzfeld sagte nein, Thomas Tuchel erklärte nach dem Spiel seine Beweggründe.

Immerhin relativierte der verschossene Elfer etwas den Ärger über den in der ersten Hälfte nicht gegebenen (Ederson an Dembelé). Schiedsrichter Nicola Rizzoli hätte übrigens später auch reagieren müssen, als Schürrle zu Boden gezogen wurde – nicht die beste Partie des renommierten italienischen Referees.

Nach den Eindrücken von Lissabon glaubt man natürlich trotz fehlendem Auswärtstor an die Chance im Rückspiel. Doch viel wichtiger ist jetzt erst mal das Heimspiel vor leerer Südtribüne gegen den VfL Wolfsburg.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bartra – Durm, Schmelzer – Weigl, Guerreiro (82. Castro) – Dembelé, Reus (82. Pulisic) – Aubameyang (62. Schürrle). Gelbe Karten: Schmelzer, Pulisic, Bartra

Dortmund verdaddelt Platz 2

1. Bundesliga, 20. Spieltag / SV Darmstadt 98 2 BVB 1

Alle Warnungen haben nichts genutzt: Zwischen Pokalfight und Champions League-Achtelfinale hat es der BVB nicht vermocht, genügend Energie für Darmstadt aufzubringen. Viel zu selten dominierten die Schwarz-Gelben die Partie beim Tabellenletzten und ließen so etwas wie Spiellaune aufblitzen. Die Gastgeber ließen sich auch vom Ausgleich kurz vor der Pause nicht entmutigen und schlugen in der 67. Minute zurück.

Drei Gedanken zum Spiel

Thomas Tuchel hatte schon im Vorfeld von einer Frage der Mentalität gesprochen. Seine Mannschaft hat die falsche gezeigt. Es wäre zu billig, die Schuld daran dem Trainer zu geben, à la „er erreicht das Team nicht mehr“. Viele Spieler müssen sich nach dieser Partie hinterfragen. Man kann auch in Darmstadt verlieren, aber es war nicht mal unglücklich. Viel zu viele Fehlpässe, Ballverluste und unerklärliche Passivität – wie beim 0:1 – kennzeichneten heute das BVB-Spiel.

Nennen wir ruhig einige Namen: Sokratis war gegenüber dem Leipzig-Spiel erneut nicht wiederzuerkennen. Julian Weigl gelang es nicht, das Geschehen aus dem defensiven Mittelfeld zu ordnen. Potenziell kreative Spieler wie Raphael Guerreiro und Marco Reus blieben weit unter ihren Möglichkeiten, auch wenn sie mit dem schönen Ausgleich respektive zwei Gelegenheiten auffällig wurden. Letztlich fehlen der Borussia für solche Begegnungen mit einem um alles kämpfenden Gegner auch die Führungsspieler. Wenn es beim heutigen Kapitän Reus nicht läuft, reißt er auch niemand anderen mit. Es müsste auch gar nicht der eine Leader sein; die Rolle können gerne auch mehrere übernehmen. Aber wer fällt uns da ein? Guerreiro nicht und Kagawa oder Schürrle, die später kamen, schon gar nicht. Weiterlesen →

Ein traditioneller Pokalfight

DFB-Pokal, Achtelfinale / BVB 4 Hertha BSC 3 (n.E.)

Es wurde spät: Wer sich nach dem spannenden Pokalabend auch noch die Auslosung des Viertelfinales anschauen wollte, kam erst weit nach Mitternacht ins Bett. Zuvor hatte die Borussia einen nach Chancen und Spielanteilen hochverdienten Sieg gegen Hertha BSC errungen – aber erst im Elfmeterschießen. Die Gäste verteidigten vor allem in der zweiten Halbzeit massiert in der eigenen Hälfte und beließen es weitgehend dabei.

Drei Gedanken zum Spiel

Was ist falsch an der guten, alten Viererkette? Auch wenn Hertha sich überwiegend aufs Verteidigen konzentrierte, hätte dem BVB eine traditionellere Abwehr gut getan. Die Dreier- bzw. Fünferkette mit nur zwei echten Innenverteidigern überzeugt mich nicht. Beim Gegentor ließen die Schwarz-Gelben schlicht die Zuordnung vermissen – sowohl bei der Flanke von Niklas Stark als auch beim Kopfball von Kalou. Nun bin ich kein ausgesprochener Taktikfuchs, aber Marcel Schmelzer schien mir auf seiner vorgezogenen Position im Mittelfeld nicht effektiver als wenn er klassisch Außenverteidiger spielt. Der offensiv ohnehin agilere Erik Durm hat auch schon von der Rechtsverteidiger-Position aus gute Partien gezeigt.

Berliner Mauern wird bestraft. Ich vertrete ja die Meinung, dass jede Fußballmannschaft das Recht hat, innerhalb des Regelwerks so zu spielen, dass sie die größten Erfolgschancen hat. Also darf Hertha BSC im Westfalenstadion selbstverständlich defensiv auftreten. In der ersten Hälfte taten sie das nur primär und nicht ausschließlich, hatten ähnlich viele Chancen wie der BVB und führten denn auch 1:0. Später kamen sie über lange Phasen kaum noch aus der eigenen Hälfte, warteten 15 Meter vor dem eigenen Strafraum auf die Dortmunder Bemühungen, eine Lücke zu finden. Zu diesem Zeitpunkt wäre ein Lucky Punch nicht mehr verdient gewesen. Das Problem: Die Borussia nutzte nach dem schnellen 1:1 nach der Pause die noch entstehenden Gelegenheiten wieder mal nicht. Weiterlesen →

Und wir kritisieren euch doch!

Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

Was Topraks Wechsel für den BVB bedeuten könnte

Wollen wir das mal nicht vergessen: Ömer Toprak wechselt nun definitiv im Sommer von Bayer Leverkusen zu Borussia Dortmund. Die Schwarz-Gelben zahlen gemäß der Ausstiegsklausel im Vertrag des 27-jährigen Innenverteidigers 12 Millionen Euro an den Werksverein. Toprak bekommt einen Vertrag bis 2021. Michael Zorc schätzt die Qualitäten des türkischen Nationalspielers so ein:

Ömer Toprak ist ein starker, international erfahrener Innenverteidiger mit hoher Führungsqualität.

Betrachtet man die aktuelle Transferpolitik der Borussia, fällt Toprak in die Kategorie „gestandener, bekannter Spieler“ – nicht ganz vom Format Mario Götzes oder André Schürrles, aber mit größerem Standing als Sebastian Rode, auch wenn der von Bayern kam. Gemeinsam haben die drei Letztgenannten, dass sie derzeit beim BVB keine Stammspieler sind.

Die andere Transfer-Kategorie ist jene, für die Borussia Dortmund renommiert ist: junge, entwicklungsfähige Spieler mit großem Potenzial. Gerade wurde Alexander Isak verpflichtet, mit Ousmane Dembelé hat man einen Volltreffer gelandet. Marc Bartra spielt relativ regelmäßig. Mit Emre Mor und Mikel Merino gibt es jedoch auch zwei letztes Jahr geholte Talente, die bisher nur selten in der Startelf standen.

Dennoch scheint der BVB – Stand jetzt – mit den jungen Leuten mehr Erfolg zu haben als mit Rückholaktionen und großen Namen, deren große Zeiten schon etwas zurückliegen. Natürlich sollten wir Götze, Schürrle, Rode, Sahin oder Kagawa noch nicht abschreiben, aber im Hintergrundgespräch würde vielleicht auch Aki Watzke zugeben, dass man sich von ihnen mehr versprochen hätte.

Und nun also Ömer Toprak. Ein Fall mit zwei Seiten. Ja, die Abwehr hat mit Bartra oder Ginter neben Sokratis nicht immer einwandfrei funktioniert. Sven Bender war häufig verletzt. Andererseits sind das nach allem was man hört menschlich gute Typen, die auch der Mannschaft gut tun. Nicht, dass das bei Toprak anders sein muss. Aber der „erfahrene Innenverteidiger“ hat in der bisherigen Saison auch nur eine recht durchschnittliche Durchschnittsnote vom Kicker bekommen: 3,43. Vielleicht wird er uns weiterbringen. Vielleicht verdrängt er auch nur junge oder sympathische Spieler. Außer Abwarten hilft da nix!

Rindfleischburger zum Frühstück

1. Bundesliga, 19. Spieltag / BVB 1 RB Leipzig 0

Ein Sieg für die Freunde des Fußballs – da schmecken die Brötchen und der koffeinhaltige Kaffee am Sonntagmorgen besonders gut. Borussia Dortmund fand gegen den Tabellenzweiten die richtige Taktik und die richtige Einstellung, ließ kaum Chancen zu und hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass die beinahe letzte Spielsekunde beinahe noch schrecklich wurde.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war auch ein Sieg des Matchplans. Ein Sieg von Thomas Tuchel über seine Kritiker, die tatsächlich äußerst diffus in ihren Argumenten sind und vor allem das nachplappern, was die Bild-Zeitung kolportiert. Gestern hatte sich der Trainer die richtigen Gedanken vor dem Spiel gemacht und seine Spieler setzten sie um. Gegen bekanntlich sehr früh pressende Leipziger einen spielstarken Innenverteidiger wie Marc Bartra zu bringen, zahlte sich aus – auch wenn der Spanier nicht komplett ohne Fehl und Tadel blieb. In der Offensive setzte Tuchel überspitzt gesagt alles auf einen Flügel: Erik Durm und Ousmane Dembelé bildeten über rechts ein technisch starkes, handlungsschnelles Duo, das vor allem in zwei Situationen, darunter das 1:0, glänzend agierte.

Überhaupt: Dem fantastischen Dembelé gebührt in Normalverfassung ein Stammplatz. Mit Auba und ihm zwei äußerst schnelle Spieler gegen die Pressingmaschine Leipzig zu setzen, war ohnehin goldrichtig. Marco Reus erwischte dagegen einen, nun ja, unglücklichen Tag. Einsatz und Laufwege stimmten, doch der Abschluss kostete die Fans der Schwarz-Gelben einige Nerven. Drei Großchancen gegen RB zu vergeben wäre fast unverzeihlich gewesen. Dennoch: Für mich gehört Reus neben Aubameyang und Dembelé in die BVB-Offensive. Dass damit ein 55-Millionen-Duo auf der Bank Platz nehmen muss, haben andere zu verantworten. Weiterlesen →