An diesen Tag werden wir noch denken: Tuchel weg

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Borussia Dortmund und sein bisheriger Trainer haben heute Mittag bestätigt, dass die Zusammenarbeit sofort und somit ein Jahr vor Vertragsablauf beendet wird. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, soll der griechische Philosoph Sokrates gesagt haben. Diese Erkenntnis täte im Fall Tuchel auch vielen Sportjournalisten und manchem Fan gut. Der Verein hat nämlich nicht vor, an diesem Wissensstand der Öffentlichkeit etwas zu ändern, wie in der oben verlinkten Mitteilung deutlich wird. Hans-Joachim Watzke hat sich etwas später in einem offenen Brief an Mitglieder und Fans des BVB gewandt. Der zentrale Satz:

Wir haben in der gegenwärtigen personellen Konstellation leider keine Grundlage mehr für eine auf Vertrauen ausgelegte und perspektivisch erfolgreiche Zusammenarbeit gesehen.

Was aus der offiziellen Stellungnahme des Klubs deutlich wird oder werden soll: Die Entfremdung war ein längerer Prozess, der schon vor dem Bombenanschlag begann. Die Entlassung wird angeblich „von allen Klubgremien“ getragen. Ihre Ursache war nicht nur eine Meinungsverschiedenheit zwischen Tuchel und Watzke. Und den Entscheidern ging es um das Wohl des Vereins, „den viel mehr als nur der sportliche Erfolg ausmacht“.

Damit will man den Vorwürfen entgegentreten, die jetzt unweigerlich kommen: Dass man den vom Punkteschnitt erfolgreichsten BVB-Trainer entlässt, der soeben den ersten Titel seit fünf Jahren geholt hat. Glaubhaft an der Verlautbarung ist sicher, dass es nicht nur eine Privatfehde zwischen zwei Alphatieren war, die zu der Entscheidung geführt hat. Davon konnte man spätestens nach den Äußerungen von Marcel Schmelzer am Samstag ausgehen. Diese hätte der BVB-Kapitän nicht getätigt, wenn er nur einmalig mit einer Personalentscheidung des Trainers unzufrieden gewesen wäre.

Was wussten die Medien wirklich?

Nun kommen wir zurück zum Nichtwissen: Als weitgehend gesichert darf gelten, dass es erhebliche Differenzen zwischen Tuchel und dem Chefscout Sven Mislintat gab. Weitere Gerüchte schwebten in der Mediensphäre herum und verfestigten sich im Glauben eines Teils der Öffentlichkeit. Am Montag hat der Kicker die menschlichen Fähigkeiten von Thomas Tuchel in Grund und Boden geschrieben. Das erschien sehr einseitig und tendenziös, obwohl die sportlich-taktischen Qualitäten des Trainers pflichtbewusst gewürdigt wurden. Sollte das Sportmagazin wirklich belastbare Erkenntnisse zu allen Vorgängen haben – was ich nicht glaube – wären seine Schlussfolgerungen vielleicht gerechtfertigt. Dann wiederum müsste sich jedoch der BVB unangenehme Fragen gefallen lassen: Warum gab man entsprechende Informationen an die Medien weiter, anstatt im internen Gespräch eine Lösung zu finden?

Diskutabel ist auch die Behauptung, Thomas Tuchel sei im Kreis der Mannschaft unten durch. Es dürfte eher so sein, dass das nur auf einen Teil des Kaders zutrifft. Marc Bartra etwa äußerte sich nach dem Pokalfinale positiv über den Trainer, Roman Bürki machte beim Feiern auf dem Truck ein Selfie mit ihm. Das sind keine Be-, aber Hinweise, dass Tuchel von den Spielern, die er förderte, auch geschätzt wurde. Spieler, die keine Stammkräfte waren, und das größtenteils zu Recht, sahen das wahrscheinlich anders.

Es stellt sich also die Frage, ob der erreichte sportliche Erfolg in Zukunft gefährdet worden wäre, hätte man mit Tuchel weitergemacht. Waren die menschlichen Defizite des Trainers so groß, dass er etwa wichtige Spieler oder andere Angestellte vertrieben hätte? War das Arbeiten mit ihm unzumutbar? War er so beratungsresistent, dass man die Dinge nicht im Gespräch hätte klären können? Ich bin da skeptisch, aber maße mir aufgrund der Informationslage kein abschließendes Urteil an. Nur eins habe ich am Sonntag schon geschrieben: Rechtfertigen lässt sich die Entlassung nur, wenn die Nachfolge sitzt.

Wer tritt das Erbe an?

Sollte tatsächlich Lucien Favre vom OGC Nizza der Favorit sein, dann wäre das eine Notlösung, die uns noch leid tun kann. Er hätte zwar wie fast jeder Kandidat eine Chance verdient, aber wo hat Favre denn bewiesen, langfristig Erfolg zu bringen? In Gladbach blieb er einige Jahre, aber das Ende war fragwürdig, das in Berlin unrühmlich. Einfach soll auch Favre nicht sein. In Nizza arbeitet er derzeit erfolgreich, aber vielleicht hilft ihm dabei auch die Muttersprache. Spieler, die unter ihm gediehen sind, wie Marco Reus oder unser Neuzugang Mahmoud Dahoud, schätzen ihn scheinbar. Für mich reicht das nicht als Nachweis, dass er die Borussia wenigstens auf dem derzeitigen Niveau halten kann.

Es gibt derzeit vier andere Namen, die kolportiert werden; weitere könnten hinzukommen. Julian Nagelsmann will angeblich seinen Vertrag in Hoffenheim erfüllen, gilt außerdem als eher Bayern-affin. Ein zweifelsohne fähiger Trainer, der jedoch noch keine Erfahrung mit einem großen Verein hat. Peter Stöger ausgerechnet jetzt aus Köln wegzuholen wäre grenzwertig bis unangenehm; ansonsten wäre er eine brauchbare Lösung. Niko Kovac kommt gut rüber und ist eloquent, hat aber in der Bundesliga bisher nur eine gute Halbserie vorzuweisen. Könnte man, die entsprechende Entwicklung vorausgesetzt, in einem Jahr drüber sprechen. Und dann wäre da noch Peter Bosz, der Ajax Amsterdam ins Europa League-Finale und mit einem Punkt Rückstand auf Feyenoord auf Platz 2 der niederländischen Eredivisie geführt hat. Eine für mich charmante, aber auch riskante Lösung. Bosz kann gut deutsch, aber Ajax ist sein erster Spitzenklub. Größtes Hindernis: Er hat einen Vertrag bis 2019 – und müsste erst mal zum BVB wollen.

Egal was war, egal was sein wird: Heute ist der Tag, um sich bei Thomas Tuchel zu bedanken. Zuvorderst für den Pokalsieg, für das Pokalhalbfinale. Das hat schließlich auch der Verein gemacht.

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