Teilerfolg, aber keine Erlösung

1. Bundesliga, 14. Spieltag / Bayer Leverkusen 1 BVB 1

Es kam wie meistens in solchen Make-it-or-break-it-Spielen: Am Ende geht es Unentschieden aus. Ob das 1:1 auswärts bei einem formstarken Gegner nun ein Fortschritt war, ist angesichts des Spielverlaufs schwer zu beurteilen. Klar ist jedoch: Es war kein Grund, jetzt Peter Bosz zu feuern.

Ein Spiel der zwei Hälften

Nichts ganz Neues für Schwarz-Gelb: Wieder mal sahen wir zwei sehr unterschiedliche Halbzeiten. Doch es lief andersrum als im Derby: Nach ein paar ordentlichen Anfangsminuten mit viel Ballbesitz bekamen die zuletzt so erfolgreichen Gastgeber die Partie in den Griff. Das äußerte sich vor allem in zielstrebigeren, effektiveren Angriffen. Während der BVB Muster zeigte, die wir in dieser Saison schon häufiger, und gelegentlich auch davor schon gesehen haben: lange Bälle nach vorne im Aufbauspiel, weil Kreativität und Anspielstationen fehlten.

Zu diesem Zeitpunkt war Maximilian Philipp schon lange nicht mehr auf dem Feld, sondern auf dem Weg ins Krankenhaus. Jenseits von allem Gerede vom Berufsrisiko eines gut bezahlten Profisportlers ist die wahrscheinliche schwere Knieverletzung einfach bitter. Ich mag den Jungen; er tickt richtig, hat genügend Ehrgeiz und auch die Fähigkeiten, um den zu rechtfertigen. Gute Besserung, Maximilian!

Natürlich änderte die Rote Karte gegen Wendell nach Videobeweis die Partie. Sie war berechtigt und ihr folgte der zweite verletzungsbedingte Wechsel bei der Borussia: Kagawa kam noch vor der Pause für Castro. Die Schwarz-Gelben spielten die Überzahl in Hälfte 2 gut aus und dominierten die Begegnung. Ja, es gelang nur ein Treffer, so dass es nur für einen Punkt reichte. Aber natürlich hätten auch letzten Samstag die Blauen niemals noch einen Punkt geholt, wenn es den fälligen Platzverweis für Kehrer gegeben hätte.

Den Gamechanger im Kader gibt es nicht

Zwei Vorwürfe, die unter den vielen nicht immer gut gemeinten Fehlerdiagnosen in diversen Kommentarspalten zu finden waren, halte ich für berechtigt: Die BVB-Verantwortlichen haben bei ihrer Transferpolitik den Fokus zu sehr auf die Offensive gelegt und die Defensive vernachlässigt. Und: Den Typen, der ein Spiel an sich reißt und entscheidet, scheinen wir nicht im Kader zu haben.

Als am Samstag die Aufstellung feststand, war ich komplett zufrieden. Gut, über Dahoud anstelle von Sahin oder Weigl hätte man noch diskutieren können. Aber die Chance für den erfahrenen Subotic und das Weglassen von Schürrle las ich mit Wohlwollen. Schürrle kam dann schon nach acht Minuten für Philipp. Er hatte in der 73. Minute genügend Übersicht für die Torvorlage auf Yarmolenko. Es brauchte allerdings noch eine Portion Können und Glück, damit der Ukrainer diese verwerten konnte. Ansonsten behält die Dauerdiagnose für unseren Rekordeinkauf Gültigkeit: Laufleistung 100%, Torgefahr null.

Neven Subotic verursachte mit einem Ballverlust im Mittelfeld das 0:1 mit. In vielen anderen Situationen war er zur Stelle, aber ein Quantensprung für die Abwehrstabilität war seine Hereinnahme nicht. Neben der vor allem in der ersten Hälfte fehlenden Kreativität aus dem Mittelfeld war eine weitere große Enttäuschung die Leistung von Raphael Guerreiro. Vielleicht ist er nach seiner Verletzung noch nicht so weit. Er leistete sich jedenfalls unheimlich viele Ballverluste und etwas Entscheidendes nach vorne gelang ihm nicht.

Bosz auf der Suche nach der Idealtaktik

Wohl niemand wird Peter Bosz noch vorwerfen, dass er stur bei seinem extrem offensiven 4-3-3 bleibt. Gestern experimentierte der Trainer erneut mit einer Dreierkette aus Sokratis, Subotic und Schmelzer. Wie der Weisheit letzter Schluss wirkte diese nicht. Das lag auch an den Leistungen der Innenverteidiger, aber vor allem daran, dass die Leverkusener die Räume auf den Seiten ausnutzen konnten. Guerreiros Leistung habe ich schon erwähnt, aber auch Castro, ehemals Rechtsverteidiger bei den Gastgebern, hatte bis zu seiner Verletzung arge Probleme mit Bailey.

Bei aller Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte muss sich der BVB beim richtig starken Roman Bürki bedanken, dass es überhaupt zum Punktgewinn reichte. Selbst in Unterzahl wäre Kevin Volland fast noch das 2:0 gelungen, doch Bürki reagierte in der Szene glänzend. So geraten auch einige riskante Abspiele des Schweizers in Vergessenheit. Unser Torwart war schon in den letzten Wochen nie das eigentliche Problem; gestern war er ein Hauptverantwortlicher für den Teilerfolg.

Wo bleibt die Lösung?

Nach dem gestrigen Spiel ist der Glaube nicht geschwunden, dass es einen Ausweg aus der Abwärtsspirale mit Peter Bosz geben kann. Aber es wirkt wie ein Puzzle und nur wenn der Niederländer alle Teilchen richtig zusammensetzt, könnte er wieder das Maximum aus diesem BVB herausholen. Er muss ja nicht nur die Taktik finden, die zu den zur Verfügung stehenden Spielern passt. Die Ansprache muss stimmen und es gibt jede Menge Positionen, auf denen Qualität, Konstanz oder beides fehlen: Innen- und Außenverteidigung sowie zentrales Mittelfeld sind die drängendsten Problemzonen.

Bosz muss jetzt entscheiden, auf welchen Positionen er den vorhandenen Spielern die Lösung zutraut. Und dann muss er auch mal auf einen von ihnen länger setzen. Oder er fordert in der Winterpause Verstärkungen. Was punktuell verständlich wäre. Zu viel sollte er aber nicht fordern, denn das dieser Kader mehr kann als zuletzt gezeigt, darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Gegen Bremen muss nun ein Sieg folgen.

Die Mannschaft: Bürki – Sokratis, Subotic, Schmelzer – Castro (44. Kagawa), Weigl (65. Dahoud), Sahin, Guerreiro – Yarmolenko, Philipp (8. Schürrle), Pulisic. Gelbe Karten: Sahin, Schmelzer, Subotic. Tor: Yarmolenko

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