Ein spätes Tor zu Weihnachten

1. Bundesliga, 17. Spieltag / BVB 2 TSG Hoffenheim 1

Das war so ein Tag, an dem man gerne mal wieder auf der Südtribüne gewesen wäre: Letztes Heimspiel vor der Winterpause, die gebeutelte Borussia wackelt gegen einen starken Gegner und dann macht jemand wie Christian Pulisic, gerade noch US-Fußballer des Jahres geworden, das Siegtor in der 89. Minute. Mit Klasse. Und die Bierfontänen sind selbst im Fernsehen zu sehen.

Aber stellen wir erst mal ganz nüchtern fest: Peter Stöger tut das Nötige, um den Schwarz-Gelben so viel defensive Stabiliät wie möglich zu verleihen. Mit einer Viererkette und für ein Heimspiel ungewöhnlich tief stehend präsentierte sich der BVB über weite Strecken. Manchem mag das ängstlich vorgekommen sein, aber eigentlich war es nur die Umkehrung des Prinzips, wie andere Teams zuletzt gegen die Borussia Erfolg hatten. Es gab auch keinerlei Veränderungen zur Startelf von Mainz. Das ist man so gar nicht mehr gewöhnt, das wirkte auch nicht die ganze Zeit wie die richtige Entscheidung – aber am Ende zahlte sich Peter Stögers Ruhe aus.

Typisch Shinji

Es hätte mal wieder einer dieser gebrauchten Tage für Shinji Kagawa werden können. Denn der Hauptkritikpunkt, seit der Japaner aus England nach Dortmund zurückgekehrt ist, besteht doch darin: Shinji ist ein Mitschwimmer geworden. Gelegentlich sprüht er vor Spielwitz, aber wenn die Borussia sich insgesamt schwer tut, taucht er häufig unter. Gestern schien es eine Zeit lang genauso zu laufen: Als kreativem Mittelfeldmann fehlten ihm spätestens nach der Gästeführung die Ideen und einige Angriffe mit seiner Beteiligung waren einfach grottig zu Ende gespielt.

Doch dann eben das: Nach Yarmolenkos Pass war Shinji in der 62. Minute zur Stelle und wurde im Strafraum durch das Bein von Posch gestoppt. Elfmeter, 1:1 durch Auba. Und in der magischen 89. Minute verwertete Kagawa ein ebenfalls starkes Zuspiel von Dahoud hervorragend, steckte zu Pulisic durch. And the rest is history, na fast zumindest.

Glück oder Klasse?

Der Tenor in den Medien sieht einen glücklichen Sieg für den BVB. Peter Stöger hat dem nicht direkt widersprochen. Natürlich ist ein Sieg kurz vor Schluss per se schon ein wenig glücklich. Und auch ansonsten muss man Hoffenheim zumindest das flüssigere und reifere Passspiel zugestehen. Aber es war in Wahrheit ein ziemliches Auf und Ab. Vor dem 0:1 hatten die Gastgeber ja schon mehrere, teils durch TSG-Patzer bedingte, gute Szenen. Stögers Taktik des Lockens funktionierte zeitweise gut. Allerdings war der Rückstand ein Rückschlag für das Selbstbewusstsein, das war schon noch zu spüren.

Die Defensive machte es gar nicht so schlecht gestern. Beim Gegentreffer ließen leider Schmelzer und Toprak außen Kaderabek ziehen, indem sie zu weit herausrückten. Für Schmelle war es wieder so ein Spiel, in dem die zuletzt besseren Eindrücke etwas zurechtgerückt wurden. Aber das ist ein Thema für die Winterpause. Ansonsten waren die Hoffenheimer Torannäherungen in der Mehrzahl Distanzschüsse, die Roman Bürki keine großen Sorgen bereiteten. In einigen Szenen waren die Gäste zum Glück auch zu eigensinnig.

Nicht dass sie damit allein waren. Gerade habe ich noch geschrieben, wie gut die BVB-Offensive eigentlich ist, zumindest statistisch. Gestern brachten sie einen zeitweise um den Verstand. Entweder mit Alleingängen, denen dann auch noch ein brauchbarer Abschluss fehlte (Yarmolenko) oder mit Angriffen, in denen der offensichtliche Moment für einen tödlichen Pass verpasst wurde. Die Spielanlage für diese schnellen Gegenstöße war ja da, aber die Ausführung lange Zeit schwach.

Sechs Punkte: Peters Wunder wirken

Fragen wir nicht warum. Das konnte auch Aki Watzke im Sportstudio nicht schlüssig erklären und gab das auch zu. Aber die Borussia hat nun aus zwei Spielen sechs Punkte geholt und steht mindestens bis heute Nachmittag auf Platz 3. Das ist ein wirklich schönes Weihnachtsgeschenk. Zeit für Analyse und möglicherweise Taten auf dem Transfermarkt ist in der Winterpause.

Was mich am wenigsten interessiert: Das Trara der Medien um den Trainer für 2018/19. Ich nehme Peter Stöger voll ab, dass er mit der offenen Situation gut zurechtkommt. Und auch der Verein hat doch keine Eile. Gut möglich, dass es Dietmar Hopp ernst meint, wenn er sagt, Julian Nagelsmann müsse bis 2019 in Hoffenheim bleiben. Das tangiert mich nicht. Nagelsmann soll ruhig noch mal eine Saison zeigen, was er drauf hat. Und wenn er es weiter so gut und im Europapokal noch besser macht, dann wird er wahrscheinlich sowieso am Ende ein Roter.

Ach ja, da war ja noch was. DFB-Pokal. Unser Dauergegner. Dramaturgisch passt das eigentlich nicht mehr so gut rein in Peter Stögers Winter-Wunderland. Ohne Zweifel wird es extrem schwierig, die Glanztaten vergangener Tage am Mittwoch zu wiederholen. Es ist immer bitter, als Pokalsieger auszuscheiden. Aber es gäbe in der jetzigen Situation auch Schlimmeres. Mal schauen.

Die Mannschaft: Bürki – Toljan, Sokratis, Toprak, Schmelzer – Weigl – Yarmolenko (73. Dahoud), Kagawa, Guerreiro, Pulisic (90. +3 Subotic) – Aubameyang. Tore: Aubameyang (EM), Pulisic

(Bild: Marvin Ronsdorf/Unsplash)

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