Und die Defensive gewinnt Meisterschaften

Hans-Joachim Watzke ist an allem schuld: Das ist die Erklärung einer nicht unerheblichen Zahl von Kommentatoren für die derzeitige und bis vor zwei Wochen noch schwierigere Situation der Schwarz-Gelben. Zumindest kann man im Internet und  in sozialen Netzwerken diesen Eindruck gewinnen. Die wirken ja bekanntlich als Meinungsverstärker und ‚Polemisatoren‘. Wie viele der entsprechenden Beiträge von BVB-Fans stammen, ist noch mal eine andere Frage.

Was in ihnen als Begründung angeführt wird, ist häufig haarsträubend oberflächlich. Thomas Tuchel war erfolgreich, deshalb hätte man ihn nicht entlassen dürfen, sondern Aki hätte mal sein Ego zurückstellen sollen. Und überhaupt fing doch alles damit an, dass der Geschäftsführer den damaligen Trainer belog, als er ihm und der Öffentlichkeit sagte, Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan würden nicht in einem Sommer verkauft.

Beide Vorwürfe verkennen, wie das Fußball-Business heute funktioniert. Einerseits arbeiten in ihm immer noch Menschen. Wenn es zwischen denen nicht stimmt, dann wird es schwierig. Wie irreparabel das Verhältnis zwischen Thomas Tuchel und eben nicht nur Aki Watzke beschädigt war, können nur absolute Insider beurteilen. Genauso wie die Schuldfrage. Der ehemalige Chefscout Sven Mislintat hat sich hierzu recht eindeutig geäußert, die anderen Beteiligten haben sich offensichtlich zum Schweigen verpflichtet.

Die Macht der Spieler

Der zweite Aspekt: Es gibt nur eine Handvoll von Vereinen, die gegen die Launen ihrer Spieler immun sind. Denen der einzelne Spieler, und sei er noch so gut, letztlich egal sein kann. Die sagen können: Wir lassen dich gehen oder streiken oder auf der Tribüne sitzen und es macht uns nichts aus. Weil wir auf jeden Fall gleichwertigen Ersatz finden. Borussia Dortmund gehört nicht zu diesen Vereinen. Hans-Joachim Watzke weiß das sicher, hat aber womöglich die Ausstrahlung und Macht des eigenen Klubs ein wenig überschätzt – damals, als die drei Leistungsträger gingen. Eine Fehleinschätzung, aber keine unverzeihliche.

Von Fehlern der BVB-Führung – noch dazu welchen, die über Jahre gemacht wurden – müssen wir bei der Transferpolitik dennoch sprechen. Die Verantwortlichen hatten wohl selber eine Spielweise im Kopf, der die Mannschaft folgen sollte: grundsätzlich offensiv. Dafür steht der BVB, hatte man sich wohl gedacht. Es wurden Prioritäten bei der Besetzung des Kaders gesetzt. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Außenverteidigerpositionen seit vielen Jahren für einen europäischen Top 10-Klub nicht adäquat besetzt werden.

Immerhin: Es stimmte in der Innenverteidigung. Dank Mats Hummels, der nicht nur ein ausgesprochen fähiger Spieler war, sondern auch als Typ schwer zu ersetzen ist. Als der plötzlich wegging, setzten Watzke und Zorc auf ihr in der Offensive bewährtes Beuteschema: Jung und entwicklungsfähig sollten die Neuen sein. Marc Bartra zeigte gewisses Potenzial, doch heute darf man wohl sagen, dass er Hummels nicht gleichwertig ersetzen kann. Einen möglichen Einfluss des Bombenanschlags auf den BVB-Bus will ich bei dieser Einschätzung überhaupt nicht ausschließen. Mikel Merino ist inzwischen bei Newcastle United recht erfolgreich, allerdings auf einem anderen Niveau und einer anderen Position. Auch der angebliche Tuchel-Spieler Ömer Toprak brachte keine Konstanz auf den Platz neben ‚Papa‘ Sokratis.

Falsche Prioritäten?

Die Gründe, warum die BVB-Defensive zu DER Schwachstelle der Schwarz-Gelben geworden ist, liegen natürlich nicht nur in einer bewussten Prioritätensetzung der Führung. In manchem Spieler hat man sich auch getäuscht. Doch letztlich haben es Watzke, Zorc und die jeweiligen Trainer geschehen lassen, dass man heute keinen der defensiv orientierten Akteure mehr als jederzeit verlässliche Stütze bezeichnen kann, auch nicht im defensiven Mittelfeld. Am ehesten ist hier in dieser Saison tatsächlich noch Roman Bürki zu nennen.

Dieser Status Quo ist nicht nur mit der Besetzung der Hintermannschaft, sondern selbstverständlich auch mit der taktischen Ausrichtung und der Spielweise anderer Spieler zu erklären. Einiges lässt sich sicher ohne personelle Änderungen korrigieren. Und doch müssen sich Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc, Peter Stöger und dessen möglicher Nachfolger ernsthaft Gedanken machen, wer den Schwarz-Gelben hinten wirklich Stabilität verleihen kann. Jetzt einen Innenverteidiger zu holen, wäre ein erster Schritt. Aber die strukturelle Schieflage liegt nicht (nur) an dieser Position.

Mögliche Neuzugänge für innen und außen sollten im Idealfall auch noch eine Portion Führungsstärke mitbringen. Deutsche Sprachkenntnisse wären dabei hilfreich. Wenn die Defensiv-Problematik als eine grundlegende erkannt wird – was das Eingestehen eigener Fehleinschätzungen erfordern würde – bräuchte sich kein Borusse Sorgen machen. Noch immer sind Lücken in der Abwehr preiswerter zu korrigieren als in der Offensive. Wir werden sehen, was 2018 in dieser Hinsicht bringt. Frohe Weihnachten!

 

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