Es gibt manchmal Wichtigeres als den BVB

Regionalliga Nordost, 20. Spieltag / Babelsberg 03 4 BSG Chemie Leipzig 0

Es war ein Freitag, an dem eine Entscheidung fallen musste: Schaue ich Borussia Dortmund auf Eurosport, im ersten Spiel nach der Transferphase, die einem noch mal die negativen Entwicklungen im Spitzenfußball knallhart vor Augen geführt hatte? Oder unterstütze ich meinen örtlichen Regionalligaverein im ersten Spiel nach der Winterpause und im womöglich letzten vor dem Zwangsabstieg? Keine einfache Frage trotz aller Dramatik in Potsdam-Babelsberg, schließlich bin ich seit knapp 25 Jahren BVB-Fan.

Am Ende sollte ich noch etwa ein Viertel der spannenden Partie in Köln mitbekommen, aber zuvor stand ich 90 Minuten plus im Karl-Liebknecht-Stadion. Was Babelsberg 03 drohte, hatte am Freitag deutschlandweit den Weg in die Medien gefunden. Die Kurzversion: In der letzten Saison hatte sich der Besuch von Energie Cottbus im „Karli“ zu einem „Skandalspiel“ entwickelt. Mit Pyrotechnik auf beiden Seiten, versuchtem Platzsturm einiger Gästefans und vor allem rechten Parolen und Hitlergrüßen aus dem Cottbusser Block. Daraufhin waren von einem 03-Fan „Nazischweine raus“-Rufe zu hören.

Der Nordostdeutsche Fußballverband NOFV verurteilte im Anschluss Cottbus zu einem Geisterspiel und 16.000 Euro Geldstrafe – allerdings für Vergehen aus mehreren Spielen und ohne Einbeziehung der rechtsradikalen Vorkommnisse. Die Strafe wurde im Berufungsverfahren auf 6000 Euro ohne Geisterspiel reduziert. Eine nachträglich verhängte Strafe für die Hitlergrüße wurde wegen Verfahrensfehlern zurückgenommen. Nicht aber die 7000-Euro-Strafe für den SV Babelsberg 03, der nun für Pyro-Vorfälle UND die „Nazischweine“-Rufe 1000 Euro mehr als Energie bezahlen soll. Beiden Clubs droht im Wiederholungsfall noch ein Geisterspiel.

Zweierlei Maßstäbe

Diese Ungleichbehandlung und die Gleichsetzung von antifaschistischen mit faschistischen Sprüchen haben den Vorstand von 03 dazu bewogen, die Zahlung der Geldstrafe in dieser Höhe und mit dieser Urteilsbegründung abzulehnen. Sogar der DFB hatte sich zugunsten von Babelsberg eingeschaltet. Doch der NOFV droht dem Verein nun mit Zwangsabstieg, da am Freitag eine zweite Zahlungsfrist abgelaufen ist. Der SVB beklagt in einem offenen Brief an den Verband, man habe weder die Möglichkeit zur Revision noch zu einer persönlichen Anhörung bekommen.

Unter diesen Vorzeichen traf 03 also am Freitagabend auf den Aufsteiger BSG Chemie Leipzig, wie Lokalrivale Lokomotive die Neugründung eines alten Traditionsvereins. Chemie ist wie Babelsberg für seine eher linke Fanszene bekannt. So verwunderte es nicht, dass auch im mit 600 Fans gut gefüllten Gästeblock etliche Transparente auftauchten, die sich gegen das NOFV-Urteil richteten. Insgesamt kamen 2738 Zuschauer ins Karl-Liebknecht-Stadion – eine für Regionalliga-Verhältnisse sehr ansprechende Kulisse.

Gästeblock im Karl-Liebknecht-Stadion, BSG Chemie-Fans
Auch die Chemie-Fans mögen den Verband nicht besonders.

Und nun – endlich – zum Spiel. Das war zum Glück auch von der ansprechenden Sorte. Die ersten Minuten gehörten allerdings den grün gekleideten Gästen, ehe 03 richtig in der Partie war. Es ging flott zu, man bemühte sich, allerdings wirkten die Bemühungen meist nur bis zum Strafraum gefährlich. Babelsbergs Top-Stürmer Andis Shala, in dieser Saison ohnehin noch nicht vom Glück verfolgt, fehlte verletzt. Und das merkte man.

Ein unwahrscheinlicher Torjäger

Während die Gastgeber mehr vom Spiel hatten, brachten die Chemiker wiederholt gute Standards vor das 03-Tor. Doch kurz vor der Pause zahlte sich die insgesamt höhere Qualität im Babelsberger Spiel aus: Lukas Knechtel, am Freitag links offensiv unterwegs, initiierte einen schnellen Angriff und war am Ende zur Stelle, um den Ball per Kopf knapp links oben im Dreieck unterzubringen.

In der zweiten Hälfte hatten die 03er die Partie ganz gut im Griff, ehe sich einige Fehlpässe und Unkonzentriertheiten einschlichen. Gerade in dieser schwierigen Phase fiel dann aber das 2:0 durch Shala-Ersatz Beyazit, der sich zuvor kaum hatte in Szene setzen können. Da Chemie nun mehr machen musste, aber gleichzeitig etwas die letzte Überzeugung vermissen ließ, klingelte es in den letzten Spielminuten noch zweimal im Gästetor. Der rundum starke Lukas Knechtel traf erneut und mit dem Schlusspfiff auch noch Tino Schmidt, der in dieser Spielzeit auch zu den besseren Akteuren in Babelsberg zählt.

4:0 – geglückte Revanche für die unglückliche Hinspielniederlage. Nach sportlichen Maßstäben wird es für 03 in der restlichen Saison darum gehen, noch ein paar Plätze zu klettern. Man steht im Niemandsland der Tabelle, Platz 3 ist allerdings nur vier Punkte entfernt. Doch das unmittelbare Schicksal des SVB wird nicht auf dem Platz entschieden: Am Montag will der NOFV sein Konto auf einen Zahlungseingang aus Potsdam-Babelsberg überprüfen – und dann reagieren.

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