Läuft nicht… bis zum Derbysieg

Anderen geht es ja noch schlechter. Das muss man sich bei allem Frust über die Leistungen und sonstigen Probleme des BVB immer wieder sagen. Nein, hier geht es nicht um den HSV. Einer der ältesten Profiklubs der Welt steckt im Jahr nach seinem 150-jährigen Jubiläum ebenfalls in einer Reihe von Schwierigkeiten. Sheffield Wednesday hat zum Glück keinen Klaus-Michael Kühne, dafür aber einen Dejphon Chansiri. Der ist seit 2015 ganz offiziell Klubbesitzer – wie es in England gang und gäbe ist.

Chansiri investierte beim Zweitligisten und strebte den Aufstieg in die Premier League bis 2018 an. Fast hätte es unter Trainer Carlos Carvalhal schon vorzeitig geklappt. Doch 2016 verloren die ‚Owls‘ das Play-Off-Finale gegen Hull City – mittlerweile sind die ‚Tigers‘ bereits wieder aus der höchsten Spielklasse abgestiegen. Und letztes Jahr scheiterte man im Halbfinale an David Wagners Huddersfield.

In dieser Saison braucht man sich über den Aufstieg schon lange keine Gedanken mehr zu machen. Die Realität heißt Platz 17, mit satten 21 Punkten Rückstand auf die Play-Off-Ränge und acht Punkten Vorsprung auf Platz 22, den ersten Abstiegsrang in der Championship. Zum Glück acht Punkte – noch bis vor kurzem hätte kaum ein Wednesday-Fan gegen ein Abrutschen in den Abstiegskampf gewettet. Pleite reihte sich an Pleite und die Stimmung rund um den Verein war aus verschiedenen Gründen schlecht.

Verletzte, Niederlagen und ein eigenwilliges Statement

Alles fing ganz klassisch mit einer Ergebniskrise an. Das glückliche Händchen des weltgewandten portugiesischen Trainers Carvalhal verließ ihn in der aktuellen Spielzeit – so sahen es jedenfalls viele Fans. Am 17. Spieltag standen die Owls zum letzten Mal in den Top 10. Seitdem ging es langsam, aber nahezu stetig bergab – zumindest was den Abstand zu den Abstiegsplätzen angeht. Zur Wahrheit gehört aber, wie so oft bei Krisenklubs, auch eine Verletztenkrise größeren Ausmaßes. Mit Fernando Forestieri fehlt der wohl kreativste Offensivmann schon seit Monaten. Gerade erst sind in Sam Hutchinson und Barry Bannan zwei Mittelfeldspieler zurückgekehrt, die Eigenschaften verkörpern, wie sie auch der BVB derzeit schmerzlich vermisst. Verletzte Abwehrspieler und Stürmer? Ebenfalls check!

Je weiter die Play-Offs und schließlich die einstelligen Tabellenplätze in die Ferne rückten, desto düsterer wurde naturgemäß die Stimmung bei den ambitionierten Owls. Bald wandten sich größere Teile der Anhängerschaft gegen Carvalhal – und veranlassten damit Klubbesitzer Chansiri zu einem ellenlangen Monolog über seine Sicht der Dinge und sein Engagement bei Wednesday. Das Traktat wurde an Weihnachten in Gänze auf der Vereinshomepage veröffentlicht. Obwohl Chansiri den Trainer darin in Schutz nahm, wurde er am selben Tag entlassen – was allerdings erst in einer weiteren Meldung auf der Webseite bekanntgegeben wurde.

Womit wir beim Thema „unberechenbare Investoren und Eigentümer“ wären, was bald auch dem letzten in Sheffield klar werden sollte. So rechnete jeder Fan damit, dass Interimstrainer Lee Bullen nur eine Kurzzeitlösung für ein paar Tage bleiben würde. Chansiri hatte den ehemaligen Spieler des Vereins gebeten, bis Anfang Januar auszuhelfen. Doch mit Ausnahme eines Erfolgs über Nottingham Forest am Boxing Day wurde schnell deutlich, dass Bullen auf der Trainerbank in Hillsborough nicht in seinem Element war.

Persona non grata verpflichtet

Anstatt zeitnah einen neuen Trainer zu präsentieren, verkündete der Klubbesitzer jedoch zunächst eine andere Personalie. Und die hatte es in sich: Am 1. Januar trat Katrien Meire ihren Posten als neue Geschäftsführerin von Sheffield Wednesday an. Die 33-jährige Belgierin hatte die gleiche Position zuvor vier Jahre beim Londoner Vorstadtverein Charlton Athletic inne. Dort war sie bei den Fans bald genauso umstritten und unbeliebt wie ihr Landsmann Roland Duchâtelet, dem die ‚Addicks‘ seit 2014 gehören. Immerhin standen eine schnelle Abfolge von Trainern und der Abstieg in die drittklassige League One auf Meires Sündenkonto. Man kann sich allerdings trefflich darüber streiten, wer von den beiden größere Verantwortung für die unzweifelhaften Fehlentscheidungen trägt.

Die Wednesday-Fans waren also nicht grundlos besorgt. Sie reagierten aber besonnener als einige Anhänger der Addicks, die sogar Meires Elternhaus in Belgien aufgesucht hatten, um dort zu protestieren. Eine knappe Woche nach der Ernennung der neuen Geschäftsführerin wurde in Hillsborough endlich auch ein neuer Trainer präsentiert: für deutsche Fußballfans ein alter Bekannter, für die meisten Engländer aber ein unbeschriebenes Blatt. Jos Luhukay, hierzulande schon bei Gladbach, Augsburg, Hertha und dem VfB als Übungsleiter tätig, übernahm zum ersten Mal eine Team auf der Insel.

In den ersten Partien stabilisierte Luhukay zumindest die Abwehr ein wenig: Dreimal trennten sich die Owls von ihren Gegnern torlos. Doch so richtig angekommen schien er noch nicht in der Championship – einer Liga, die zumindest in England wegen ihrer Leistungsdichte manchmal als die schwerste der Welt bezeichnet wird. Auch das Englisch des Trainers ist zwar gut verständlich, aber nicht perfekt, eher etwas schwächer als sein Deutsch.

Derbysieg und Zukunftshoffnung

Zuletzt, vor dem vergangenen Wochenende, war die Stimmung rund um den Klub wieder gedrückt – dank vier Niederlagen und einem in letzter Minute verschenkten Sieg gegen die Bolton Wanderers. Nur das Unvermögen der Vereine auf den Abstiegsplätzen, den Abstand zu verkürzen, gab Hoffnung. Manchmal kommt in einem solchen Moment ein Derby gerade recht. Es kann natürlich auch grandios schief gehen. Tat es jedoch nicht.

Zwar ging es am Samstag nicht gegen den großen Stadtrivalen Sheffield United, aber weit mussten die Owls trotzdem nicht reisen. An der Elland Road traf man sich mit Leeds United zum Yorkshire-Derby. Auch mit den ‚Whites‘ ist man eher in Abneigung verbunden. Umso schöner, dass ausgerechnet an dieser Stelle endlich wieder drei Punkte verbucht wurden. Noch schöner, wenn das in letzter Minute passiert. So pflügte sich in der Nachspielzeit der baumlange kosovarische Stürmer Atdhe Nuhiu durch den Schnee, schüttelte einen hilflosen Verteidiger ab und schob den Ball am Keeper vorbei ins Netz. Eine Energieleistung, wie sie im Buche steht. Ein Lebenszeichen, das auch deswegen Hoffnung auf mehr macht, weil Spieler wie Hutchinson und Bannan wieder involviert waren. Und auch Fernando Forestieri sollte noch im Saisonendspurt zurückkehren.

Selbst Katrien Meire wird inzwischen bei aller Vorsicht etwas positiver beurteilt. Auf einem für das Herz der Fans nicht unbedeutenden Nebenschauplatz könnte sie für Fortschritte gesorgt haben. Der Verein konnte sich im Winter mit dem 19-jährigen Nachwuchsspieler George Hirst nicht auf einen neuen Vertrag einigen. Der gilt nicht nur als großes Sturmtalent, sondern ist auch der Sohn von Klublegende David Hirst. Seit dem Disput spielte Hirst nicht mehr für die U23 von Wednesday. Doch inzwischen haben sich die Fronten wieder aufgeweicht, die Verhandlungen sollen fortgeführt werden und der Spieler trainiert sogar mit der ersten Mannschaft. Ohne das Zutun der Geschäftsführerin wäre das kaum möglich gewesen, sagen sich zumindest Teile der Fans.

Ob Luhukay und Meire bald nicht nur vertraute Gesichter in Sheffield werden, sondern auch Gesichter, denen man vertraut?

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