Buchkritik / Alina Schwermer: Wir sind der Verein

Buch Alina Schwermer: Wir sind der VereinWelchem halbwegs kritischen Fußballfan ging es in den letzten ein, zwei Jahren nicht so, dass er oder sie mal die Nase voll hatte: von Neymar, RB, Dembelé, Scheichklubs, Oligarchenklubs etc.? Wie ein Gegenmodell kommen einem da die aus den verschiedensten Gründen fangeführten Vereine vor, die es in immer mehr Ländern gibt. Ein Hoffnungsschimmer? Die Berliner Journalistin Alina Schwermer, unter anderem bei der Taz für den Berlin-Sport verantwortlich, hat im Februar ein Buch zum Thema veröffentlicht: Wir sind der Verein. Wie fangeführte Klubs den Fußball verändern wollen.

Erschienen ist es im Verlag Die Werkstatt. Der hat zweifellos schon viele lesenswerte Fußball-Bücher veröffentlicht. Was aber immer wieder zu wünschen übrig lässt, ist die Cover-Gestaltung. Ob beim jüngsten Werk von Christoph Ruf oder eben hier: Muss es denn etwas so offensichtlich schnell Zusammengeschustertes sein? Gebt doch ein paar Euro mehr für den Umschlag aus – in unserer visuellen Welt wirkt sich das mit Sicherheit auf die Verkaufszahlen aus und das Geld kommt wieder rein.

Nun aber schnell weg vom Äußerlichen, denn Wir sind der Verein ist das Lesen wert. Alina Schwermer hat neun Vereine in sechs Ländern besucht, in denen Fans mitbestimmen. Man muss das so vorsichtig sagen, weil Schwermer auch dem FC Schalke ein Kapitel widmet. Der ist natürlich kein Fanverein im eigentlichen Sinne, doch gibt es eben bei den Blauen Gremien, in denen so etwas wie Mitbestimmung in der Theorie möglich sein müsste. Wie weit die wirklich geht, damit beschäftigt sich die Autorin in diesem Abschnitt. Dennoch wird die Einbeziehung der Gelsenkirchener nicht jedem einleuchten – sie fällt aber keinesfalls negativ aus dem Rahmen.

International unterwegs

Ansonsten hat Schwermer in England den AFC Wimbledon, einen der Vorreiter für Fanvereine, sowie Telford United besucht. In Deutschland war sie bei Fortuna Köln und der HSV-Abspaltung HFC Falke, in Österreich bei der Salzburger Austria und in Israel bei Beitar Nordia. Den Rest könnt ihr nachlesen – es ist auf jeden Fall ein internationaler Eindruck, den man als Leser gewinnt.

Schnell merkt man: Alina Schwermer kann auch Bücher. Die Kapitel zu den einzelnen Vereinen lesen sich wie lange Reportagen. Ihr Stil ist journalistisch-lebendig – nicht ganz unwichtig, wenn sich alles um ein Thema dreht. Das soll gerade nicht heißen, dass sich hier übermäßig viel wiederholt. Die Klubs sind gut ausgewählt, denn sie sind aus ganz unterschiedlichen Gründen und Zusammenhängen entstanden. Manchmal gründeten Fans aus Unzufriedenheit über gewisse Vorgänge in ihren früheren Vereinen neue (Wimbledon, HFC Falke, Austria Salzburg), der CAP Ciudad de Murcia aus Spanien ist dagegen ein Phönix-Klub, der einen verlorengegangenen Verein ersetzen sollte.

Wir sind der Verein ist auch deshalb so lesenswert, weil die Autorin sich mit vielen Insidern aus den beschriebenen Klubs getroffen hat. Sie gibt aber eben nicht nur deren Storys wieder, sondern hinterfragt und ordnet ein. Natürlich sind die Wege der Fanvereine nicht selten steinig und oft alles andere als reine Erfolgsgeschichten. Und das liegt nicht immer nur am anderswo grassierenden Kommerz, gegen den man eben nicht ankommt. Fanvereine werden also nicht als die Lösung aller Probleme des Fußballs dargestellt, sie werden nicht glorifiziert, aber eben als eine mögliche Alternative vorgestellt.

Mir als Anhänger des englischen Fußballs haben die beiden Kapitel über Wimbledon und Telford natürlich besonders gefallen. Aber wirklich jedes andere ist ebenso kurzweilig und informativ geschrieben, in jedem findet man neue Aspekte, lernt die Akteure ein wenig kennen. Der einzige Abschnitt, der etwas redundant wirkt, ist der abschließende „Ausblick“: Mehr als eine kurze Zusammenfassung des schon Gesagten ist er nicht.

Trotzdem: Wer sich auch nur ein wenig für Alternativen zum großen Fußball-Kommerz-Rummel interessiert, findet hier spannenden Lesestoff. Nichts wird beschönigt, aber jeder Klub wird ernst genommen. Außerdem ist Wir sind der Verein eine Einladung zur weitergehenden Beschäftigung. Schließlich gibt es noch eine ganze Menge anderer spannender fangeführter Vereine, wie in England Exeter City (die Schwermer auch kurz erwähnt) oder Hereford FC, die gerade in die sechstklassige National League North aufgestiegen sind.

Irgendjemand scheint jedoch etwas gegen Schwermers Buch zu haben: Bei Amazon finden sich um den 15. Februar herum sehr seltsame, gleichförmige Rezensionen, in denen Wir sind der Verein sehr kurz und argumentativ schlicht verrissen wird. Davon sollte sich niemand beirren lassen.

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Ein Gedanke zu “Buchkritik / Alina Schwermer: Wir sind der Verein

  1. Pingback: Der Sommer der Fanvereine – Any Given Weekend

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