Vom Zypern-Freund zum Supercupsiegerbesieger

Champions League, 3. Spieltag / BVB 4 Atletico Madrid 0

Es ist erstaunlich bis atemberaubend wie sich die Europapokal-Geschicke von Borussia Dortmund gewandelt haben. Nach Nikosia und dem Ausscheiden gegen Salzburg nun der dritte Sieg in der Champions League, mit 4:0 gegen Atletico. Der Mannschaft, die angeblich so wenig zulässt.

Lucien Favre probierte es mit einem recht klassischen 4-2-3-1, wobei Marco Reus ganz vorne seine Rolle doch etwas anders spielte als Paco Alcacer. Zeitweise fehlte die Präsenz eines echten Neuners den Schwarz-Gelben: Wenn es keinen Abnehmer für die Flanken der flotten Außen gab. Dass unter den Torschützen des BVB letztendlich nur ein echter Offensivmann war, ist aber schon ein Hinweis, wie die Mannschaft des Fehlen von Paco ausgleichen konnte: mit einer fantastischen Mannschaftsleistung.

Wie so oft – außer in der letzten Saison – wirkte das Auftreten der Borussen in der Champions League noch etwas spritziger und engagierter als in der Bundesliga. Favre hatte es offensichtlich geschafft, die immense Qualität von Atletico allen klarzumachen. Wenn man jemand herauspicken will aus der Mannschaft, muss man mindestens diese Namen nennen: Witsel, Hakimi, die Innenverteidiger Diallo und Zagadou und Marco Reus. Auch dessen Kumpel Mario Götze hielt gut mit.

Die vier Tore fielen, weil das Team in entscheidenden Momenten heiß, schnell und kombinationssicher war. Sie fielen weniger durch herausragende Einzelleistungen. Es gab auch die Phase, in der die Partie wackelte und Madrid den Ausgleich hätte schießen können. Die Borussia kam gar nicht mehr ordentlich hinten raus. Mehr als ein Elftel Schuld daran hatte der für den verletzten Delaney eingewechselte Mahmoud Dahoud. Dessen Passspiel war zunächst absolut gruselig, nicht zum ersten Mal. Doch später bereitete er immerhin das 3:0 durch Sancho mit vor.

Aber ansonsten: Was waren das wieder für Einwechslungen von Favre? Okay, von Jadon Sancho erwartet die Fußballwelt das inzwischen fast schon. Aber zwei Tore vom schon ins zweite Glied gerückten Guerreiro? Klar: Das 0:2 in einer für sie bis dahin positiven zweiten Hälfte beeindruckte Atletico und euphorisierte Schwarz-Gelb sowie das Westfalenstadion. Aber wie das dann zu Ende gespielt wurde, war trotzdem extrem beeindruckend. Es spielte auch keine Rolle, dass Roman Bürki nur einen ordentlichen und keinen bockstarken Tag wie zuletzt immer erwischt hatte. Nicht jeder Pass und Abschlag von ihm saß.

Ein sehr großes Spiel also. Natürlich aber noch kein Fingerzeig, dass es der BVB auch in der Champions League weit bringen kann. Nun kommt mit Hertha BSC erst mal eine der derzeit unangenehmsten Mannschaften der Bundesliga nach Dortmund.

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Das Jahr nach Wembley

Am 27. Mai bestritt Shrewsbury Town das Play-Off-Finale der League One in Wembley. Die Mannschaft aus der westenglischen Grafschaft Shropshire hatte zeitweise den niedrigsten Marktwert von Englands dritter Liga gehabt. Es war ein Verein ohne große Namen, der alle Erwartungen übertroffen hatte und plötzlich vor dem ganz großen Coup stand. Doch die Partie gegen Rotherham United ging verloren und der unbestrittene Vater des Erfolgs, der 44-jährige Trainer Paul Hurst, verließ die Shrews wie erwartet in Richtung Ipswich und zweite Liga.

Eigentlich wusste jeder, auch die Fans, dass Shrewsbury ein klassischer Overachiever war. Wembley war eine einzigartige Chance, die nicht so schnell wiederkommen wird. Und doch ist es schwer zu schlucken, wie es einem kleinen Verein nach solch einer verpassten Gelegenheit oft geht. Verlässt mit dem Trainer der allseits anerkannte Erfolgsgarant den Klub, ist es noch schwieriger, Spieler zu halten, die aufgrund des verpassten Aufstiegs sowieso auf gepackten Koffern sitzen.

So kam es, dass ‚Salop‘, wie Town auch genannt wird, 17 neue Leute holte und dazu drei eigene Jugendspieler beförderte. Nur zwei Stammspieler aus dem aktuellen Kader sind schon länger, seit 2015, dabei, Kapitän und Innenverteidiger Mat Sadler und Flügelspieler Shaun Whalley. Beide sind über 30.

Treue Seele, doch auch der richtige Trainer?

Der neue Trainer kam vom Fünftligisten Macclesfield Town. John Askey hatte die ‚Silkmen‘ allerdings zum Abschluss zurück in den Profifußball geführt. Das Bemerkenswerteste am neuen Mann ist seine Vereinstreue. Als Spieler lief er sagenhafte 19 Jahre am Stück für Macclesfield auf. Im Anschluss übernahm er den Verein 2003 als Trainer und blieb 15 Jahre – bis zum vergangenen Juni.

Mit so einem Mann kann man etwas aufbauen, werden sich die Verantwortlichen in Shrewsbury gedacht haben. Der Verein mag klein sein, aber seine seriöse Führung ist über fast jeden Zweifel erhaben.  Die Shrews sind einer der ganz wenigen schuldenfreien Vereine im englischen Profifußball. Wie wichtig wäre für einen Klub mit diesem Profil Kontinuität? Doch die ist in Gefahr. Denn der Start in die Saison 2018/19 verlief nicht vielversprechend. Mit nur zwei Siegen aus 13 Partien in der League One liegt Town derzeit auf Platz 17 (von 24), nur zwei Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Vor allem die Tore wollen nicht fallen. Und Trainer Askey wird nicht nur als farblos wahrgenommen, sondern scheint mit dem Niveau der Liga noch seine Probleme zu haben. Nach der jüngsten 1:2-Niederlage in Fleetwood gab er immerhin offen zu, dass er zunächst die falsche Taktik gewählt hatte. Er begründete seinen Wechsel zu einem 4-4-2 unter anderem mit den schlechten, stürmischen Wetterverhältnissen, die am Spieltag im Nordwesten Englands geherrscht hatten. Man kann das als bewundernswerte Ehrlichkeit, aber gleichzeitig die taktische Umstellung als Herumprobieren einstufen.

Würde John Askey die Fans auch emotional mehr mitnehmen, hätte er wahrscheinlich einen etwas leichteren Stand. So wie es ist, wird die Ungeduld spürbar. Das Publikum im „New Meadow“ gilt zwar als freundlich, allerdings nähern sich die Zuschauerzahlen der 5000er-Grenze, von oben. Knapp 10.000 passen ins Stadion. Wembley ist weit weg, der Alltag so trüb wie das Wetter am gestrigen Spieltag.

P.S.: Wer wissen will, wie es weiter geht, dem sei der wöchentliche Podcast Salopcast sehr ans Herz gelegt.

Borussia kompakt: Die neue Reife

Champions League, 2. Spieltag / BVB 3 AS Monaco 0

Nach dem Gewinn der High-Speed-Oper in Leverkusen zeigt Borussia Dortmund ein zweites Mal, dass das 7:0 gegen Nürnberg keinesfalls so bizarr war wie es sich nach der langen Wartezeit auf sieben eigene Tore zunächst anfühlte. Natürlich war es wieder nicht durchweg gut, was die Schwarz-Gelben spielten. Die erste Hälfte gehörte nach etwa einer Viertelstunde überwiegend den Monegassen. Doch der BVB 2018/19, der Favre-BVB, kann reagieren und findet Lösungen.

Auch heute hing das auch mit dem Gegner zusammen. Monaco hatte in den ersten 45 Minuten viel investiert und war wie in der Liga auch an der Chancenverwertung gescheitert. Normalerweise hätten sie über 90 Minuten ein, zwei Dinger machen müssen. Aber neben Roman Bürki überzeugten bei der Borussia auch die Innenverteidiger, Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou. Die spielen zwar nicht komplett fehlerfrei, aber weit souveräner, als man es aufgrund des Alters bzw. der bisherigen Einsatzzeiten vermuten würde.

Wieder schlug ein Wechsel von Lucien Favre voll ein. Unglaublich, wie Jacob Bruun Larsen sich selbst in der Champions League zurechtfindet. Ein Tor, eine herrliche Vorarbeit – wie schön, dass so eine Nachwuchs-Geschichte mal wieder funktioniert, auch wenn Larsen mit sechs Jahren noch kein Schwarz-Gelber war. Jadon Sancho, der gerade bis 2022 verlängert hat, legte Larsen das erste Tor vor. Die Zukunft kann kommen.

Stark auch, wie sich Paco Alcacer von seinem Elfmeter an die Latte erholte und umso entschlossener kurz danach das 2:0 machte. Weniger stark auch über 90 Minuten dagegen Axel Witsel, der mir in den letzten Partien öfter zu zögerlich wirkte und manchmal ins Fußgänger-Tempo verfiel. Für was die Borussia in dieser Saison reif ist? Sollen sich andere überlegen. Das CL-Achtelfinale erscheint jedenfalls möglich.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Akanji, Zagadou, Diallo – Witsel, Delaney (65. Weigl) – Sancho (84. Philipp), Reus, Wolf (46. Larsen) – Paco Alcacer. Tore: Larsen, Alcacer, Reus