Wie ich beinahe Lothar Matthäus lieben lernte

1. Bundesliga, 11. Spieltag / BVB 3 Bayern München 2

An so einem Abend geschehen Zeichen und Wunder: Sky-Experte Lothar Matthäus führte nach dem Topspiel ein engagiertes Interview mit Marco Reus, stellte interessante Fragen mit zuvor gut beobachteten Inhalten und wirkte generell begeistert von der Dortmunder Leistung und der Partie insgesamt. Das war erfreulich weit entfernt vom üblichen Standard-nach-dem-Spiel-Gefrage der TV-Journalisten. Für einen kurzen Moment wünschte ich mir – wohl vergeblich – dass Lothar meinen bald Trainer-losen Zweitverein SV Babelsberg 03 übernimmt.

Über die ganze Breite der Südtribüne war gestern ein Banner gespannt, das sich unmissverständlich gegen die Teilnahme von Borussia Dortmund an einer Elite-Liga aussprach. Es passte perfekt zur Gelegenheit: Ein solches Topspiel ist so nur in der Bundesliga denkbar; in einer European Super League wäre dieselbe Begegnung entwertet. Auch wenn das einige RB Leipzig-Fans vielleicht nicht verstehen.

BVB gegen Bayern bot gestern Abend alles, was sich die weltweit zuschauenden Menschen und übertragenden TV-Sender erhofft hatten. Es war mal wieder eine Partie auf Augenhöhe – zum Nägelkauen, auf dem Sitz hin- und herrutschen, Aufregen. Und am Ende jubelten die Schwarz-Gelben, nachdem Robert Lewandowski uns kurz die Hände vors Gesicht schlagen ließ, ehe sein Treffer in der 90+5. Minute zurecht als Abseits gewertet wurde.

Robert Lewandowski – ein guter Ansatzpunkt, um noch mal an den Anfang der Partie zurückzukehren. Der Stürmer hatte die BVB-Fans in doppelter Hinsicht in Atem gehalten: Er war mal wieder brandgefährlich – und lamentierte nach jeder kleinen Berührung und jedem verlorenen Zweikampf mit Schiedsrichter Manuel Gräfe. Nichts Neues bei den Bayern, aber in dieser Intensität schon bezeichnend. Dennoch musste man den Gästen zugestehen, dass sie die erste Hälfte weitgehend dominiert hatten und zu Recht führten. Eine Überraschung war das höchstens für sehr kurzfristig denkende Beobachter.

Wechseln als Taktik

Die Bayern nutzten die Räume über die Außen – nach wie vor ist die Borussia dort am ehesten verwundbar. Weil Achraf Hakimi offensiv derzeit noch ein bisschen stärker ist als im defensiven Positionsspiel und Lukasz Piszczeks Höchstleistungen schon eine Weile zurückliegen. Wieder brauchte es eine Halbzeitpause und Auswechslungen von Lucien Favre, um die Mannschaft auf den rechten Pfad zu führen. Es ist eine interessante Diskussion, ob die Eingewechselten wie der gestern starke Dahoud und Paco Alcacer nicht auch von Beginn an hätten überzeugen können. Oder ob sie als Impact-Spieler gegen müde werdende Kontrahenten besser funktionieren.

Es war eine atemberaubende zweite Hälfte. Erst ein berechtigter Elfer, den Marco Reus cool genauso verwandelte wie in letzter Minute im Pokal gegen Union. Dann kurz danach schon die erneute Bayern-Führung. In der 67. und 73. Minute die Wende durch das wunderschöne zweite Reus-Tor und den bei seiner zweiten dicken Chance wunderbar coolen Paco Alcacer. Am Ende noch ein großer Schreck mit folgender großer Erleichterung und ein unter dem Strich verdienter Erfolg der Schwarz-Gelben wegen der Leistungssteigerung. Der BVB war irgendwann einfach schneller, spielte flüssiger – so wie die Bayern in der ersten halben Stunde und besser.

So weit die nüchterne Beschreibung. Jetzt mal anders: Es war ein vielleicht bald legendäres Spiel, Bundesligafußball vom feinsten. Sieben Punkte vor dem FC Bayern zu stehen ist schon ziemlich lässig. Aber so oft wie das gestern und heute gesagt wurde, fehlt mir dabei der Gedanke, dass Gladbach nur vier Punkte hinter uns steht, RB Leipzig sich stabilisiert hat – und sieben Punkte 23 Spieltage vor dem Saisonende nun wirklich noch nichts zu bedeuten haben. Direkt nach der Länderspielpause spielen die Bayern zu Hause gegen Düsseldorf, während der BVB nach Mainz muss. Schon da könnte der Abstand wieder ein anderer sein. Also: Feiern wir, solange wir können!

Die Aufstellung: Hitz – Piszczek, Akanji, Zagadou, Hakimi – Weigl (46. Dahoud), Witsel – Sancho, Reus, Bruun Larsen (82. Delaney) – Götze (59. Paco Alcacer). Gelbe Karten: Weigl, Akanji. Tore: Reus (2), Paco Alcacer

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s