Die Kosten für die Kleinen

Was macht Corona mit dem Fußball? Neben der Leere in diesem Blog, die die Krise wenigstens mitzuverantworten hat, sorgt sie auch für riesige Belastungen der Vereine. Und doch wird immer wieder auch die Hoffnung oder Erwartung geäußert, dass Covid-19 längerfristig etwas Positives bewirken kann. Wenn selbst DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über die Deckelung von Gehältern nachdenkt und eine „Taskforce Zukunft“ einsetzen will, könnte sich nicht tatsächlich etwas zum Besseren ändern?

Hoffen darf man, aber neben den rechtlichen Hürden dafür ist momentan sowieso eher die Zeit, an Andere zu denken, die Schwächeren. Clubs in den unteren Ligen, an der Schwelle vom Amateur- zum Profisport. Clubs, die höhere Kosten haben als echte Amateure, aber keine oder nur äußerst geringe Fernseheinnahmen verbuchen können. Werfen wir einen Blick nach England, auf zwei Vereine, die vor der Pandemie auf dem Weg der Besserung waren und dazu ansetzten, erhebliche Lasten der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Gloucester ist die sehenswerte Hauptstadt der Grafschaft Gloucestershire. Die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, die hier steht, war sogar bei Harry Potter zu sehen. Den lokalen Fußballclub Gloucester City AFC kennen mit Sicherheit deutlich weniger Menschen. Die „Tigers“ haben in ihrer 137-jährigen Geschichte noch nie im Profibereich gekickt; diese Saison bestritten sie in der sechstklassigen National League North. Nachdem die Spielzeit unterhalb der vier Profiligen für beendet erklärt worden ist, kann sich Gloucester City immerhin eines Nichtabstiegsplatzes sicher sein. Was in Sachen Auf- und Abstieg in der National League (Klassen 5+6) geschieht, ist noch nicht geklärt.

Der Fußballverein im Exil

Doch die Tigers haben ihre eigenen Herausforderungen zu bewältigen. Seit 2007 muss der Club erzwungenermaßen Groundsharing betreiben, nachdem im Juli jenes Jahres das Stadion Meadow Park bis zu 2,50 Meter überflutet und dadurch dauerhaft unbenutzbar wurde. Einige Versuche, anderswo in der Stadt unterzukommen, scheiterten; die Rückkehr in einen Neubau im Meadow Park wurde zunächst wegen zu teurer Hochwasserschutzmaßnahmen verworfen. So waren die Tigers jahrelang  Nomaden, spielten bei den Forest Green Rovers in Nailsworth, in Cirencester, Cheltenham und zuletzt in Evesham in der benachbarten Grafschaft Worcestershire. Für einen Verein, der selbst im letzten Jahr im eigenen Zuhause nur einen Zuschauerschnitt von knapp 400 hatte, stellte das Exil natürlich ein ernsthaftes Dauerproblem dar.

Die Heimkehr blieb nicht nur deswegen stets auf dem Radar. Schon seit den ersten Jahren dieses Jahrtausends leitet der lokale Bauunternehmer Eamonn McGurk die Geschicke des Vereins, inzwischen zusammen mit seinem Co-Vorsitzenden Alex Petheram. McGurk kennt also auch noch das alte Heimstadion. Er verfolgte die Pläne für eine Rückkehr in den Meadow Park weiter; diese wurden in den Jahren 2014-16 endlich vom Stadtrat von Gloucester abgesegnet. Ein wesentlicher Bestandteil davon war die Anhebung des Untergrunds um mehrere Meter, um sicher vor künftigen Fluten zu sein.

In dieser Saison nahmen die Bauarbeiten für das neue Stadion am alten Platz richtig Fahrt auf. Dank der Nutzung von umgebauten Containern und eines noch bestehenden Gebäudes sollen sich auch die Kosten in Grenzen halten. So entsteht vielleicht nicht direkt ein echtes Schmuckstück, aber ein brauchbares Stadion in der alten Heimat. Zur Vorbereitung auf die Rückkehr nach Gloucester gehörte auch eine Änderung des Vereinswappens, das nun keinen Tiger mehr zeigt, sondern die Silhouette der Heimatstadt. Und sogar die Trikotfarben änderten sich: von gelb und schwarz zurück zu rot, mit gelben Applikationen. In rot waren die Tigers schon bis in die Achtziger aufgelaufen. Die neuen Hemden stammen vom lokalen Unternehmen Raging Bull, dessen Logo lustigerweise ein wenig an das eines österreichischen Brause-Herstellers erinnert. Nicht jeder Fan dürfte hinter diesen Änderungen stehen, aber so ziemlich alle freuen sich darauf, Gloucester City bald wieder in Gloucester spielen zu sehen.

Die Idee war ursprünglich, schon zur hoffentlich kommenden Saison in den Meadow Park zurückzukehren. Als Fallback-Option hat man eine Vereinbarung mit Bath City über ein Groundsharing in deren Twerton Park getroffen. Co-Vorsitzender Alex Petheram, der ebenfalls Geld in das neue Stadion investiert, klingt in seinem jüngsten Blog-Post zum Fortgang der Arbeiten allerdings optimistisch, dass das Stadion fertig sein könnte, bevor der Sechstliga-Fußball wieder beginnt. Tatsache sei aber auch, dass es Verzögerungen etwa bei der Anlieferung des Flutlichts gäbe. Es wird also eine echte Hängepartie in Gloucester und der Virus bestimmt natürlich auch hier mit, wann die Fans endlich wieder im Meadow Park stehen und sitzen dürfen.

Downgrading in Chesterfield

Andere Gegend, andere Probleme: Chesterfield FC hat ein Stadion in der eigenen gleichnamigen Stadt, sogar ein ziemlich neues, das in diesem Jahr zehnten Geburtstag feiert. Das Proact Stadium ist zwar eher unspektakulär, ein typischer Neubau, ausgerichtet an den Bedürfnissen eines Klubs, der schon seit vielen Jahren nicht oberhalb der League One gespielt hat. Knapp 10.500 Plätze, gelegen neben einem Supermarkt – aber eben noch gut von der Innenstadt aus in 20 Minuten zu Fuß erreichbar.

Das Problem ist eher, dass der Verein inzwischen nur noch fünftklassig kickt und damit nicht mehr Teil der Football League ist. Die „Spireites“, deren Spitzname vom größten Wahrzeichen der Stadt, ihrem krummen Kirchturm, kommt, standen nach dem Abstieg in die National League mit Profistrukturen im halbprofessionellen Bereich da. Und konnten manches plötzlich nicht mehr finanzieren.

So wird die Jugendakademie gerade umgewandelt – oder, weniger euphemistisch, in ihrer bisherigen Form abgewickelt. Genügte sie bisher den Standards des Elite Player Performance Plans von Premier und Football League, der einheimische Talente fördern soll, wird die neue Chesterfield FC Junior & Youth Academy außerhalb von dessen Vorgaben operieren. Sie wird außerdem nicht direkt vom Verein, sondern vom Chesterfield FC Community Trust, einer von Fans gegründeten Stiftung, geführt. Vor allem die jüngeren Jahrgänge werden zusammen von Chesterfield und ihren Herkunftsvereinen betreut. Die Älteren sind häufiger vor Ort im Proact Stadium, bekommen ein Vollzeittraining und Wettkampfpraxis, allerdings niedrigklassiger als bisher.

Der „schlimmste Klubbesitzer“ des Landes?

Wie es zum Abstieg 2018 kommen konnte? Viele Fans sehen eine Mitschuld bei Noch-Clubbesitzer Dave Allen, der in Chesterfield investierte, als er noch Anteile von Sheffield Wednesday besaß (Sheffield liegt rund 20 Kilometer entfernt von Chesterfield). Seit 2011 war er Mehrheitseigner bei den Spireites und nach anfänglichen sportlichen Erfolgen brachte er zunehmend Unruhe in den Verein. 2016 trat Allen als dessen Vorsitzender zurück und bot in der Folge den finanziell angeschlagenen Klub zum Verkauf an. In die Saison 2017/18 startete man als einer der Favoriten in der viertklassigen League Two, um sich am Ende als Tabellenletzter aus dem Profifußball zu verabschieden. Die erste Spielzeit in der National League endete ebenfalls enttäuschend im unteren Mittelfeld.

Ende 2019 stimmten rund 3000 Fußballfans über den schlechtesten Klubbesitzer im englischen Fußball ab – an ‚erster‘ Stelle wurde Dave Allen genannt. Als Reaktion darauf hat Allen nochmal bekräftigt, Chesterfield unbedingt noch vor der wann auch immer startenden nächsten Saison verkaufen zu wollen. Und nun könnte die Kurve zum Guten beginnen, denn Favorit auf den Erwerb ist der schon erwähnte Community Trust, in dem sich viele Fans zusammengeschlossen haben. Die Spireites könnten also zu einem weiteren fangeführten Verein werden – ein Modell, das nicht funktionieren muss, aber durchaus kann, wie etwa Exeter City in der League Two beweist.

Aber da war ja noch Corona: Der Chesterfield FC Community Trust ist bei seiner Übernahme auch auf Hilfe von außen angewiesen. Kürzlich hieß es nun, die beteiligten Partner seien weiterhin an Bord, würden aber den weiteren Verlauf der Krise erst mal abwarten wollen, bevor die nötigen Geldsummen freigegeben werden. Klubsekretär Ashley Carson sieht sich deshalb gezwungen, auch mit weiteren Interessenten zu sprechen. Unterdessen sind Spieler und andere Angestellte des Klubs bis auf Weiteres im Rahmen des Joberhaltungsprogramms der Regierung beurlaubt; der Staat zahlt ihnen 80 Prozent ihrer Gehälter.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich auch in Chesterfield noch alles zum Guten entwickelt. Gerade wurden unter Einbeziehung des Frauenteams der Spireites die neuen Trikots vorgestellt, ein neuer Sponsor für den Stadionnamen steht ebenfalls bereit (das Stadion trägt bereits seit Anbeginn Sponsorennamen). Doch wie viel größer als in der Fußball-Bundesliga ist hier die Ungewissheit, was die Zukunft angeht…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s