Jung und jünger

1. Bundesliga, 8. Spieltag / Hertha BSC 2 BVB 5

BVB-Trainer Lucien Favre schickte gestern in Berlin keine besonders junge Startelf auf den Rasen des Olympiastadions: 27,6 Jahre war deren Durchschnittsalter. Nach der Partie fokussierte sich dennoch alles auf die Jugend. Der 20-jährige Stürmer Erling Haaland traf viermal und Sturmkollege Youssoufa Moukoko wurde zum jüngsten Bundesligaspieler aller Zeiten, als er wenige Minuten vor Schluss mit 16 Jahren und einem Tag eingewechselt wurde.

Goal Phenomenon

Ein Hattrick innerhalb einer Viertelstunde, vier Tore in 33 Minuten – es war ein Tag der Superlative für den Dortmunder Superstürmer, der auf dem besten Weg ist, alle großen schwarz-gelben Torjäger der jüngeren Vergangenheit in den Schatten zu stellen. Marcio Amoroso, Lucas Barrios, Pierre-Emerick Aubameyang und vielleicht sogar der damalige Robert Lewandowski verblassen gegenüber der gestrigen Leistung des Erling Haaland.

Der Norweger kann das auf diesem Niveau nicht jede Woche abrufen – siehe Bayern-Spiel. Aber der BVB wird sich spätestens im Sommer vor äußerst lukrativen Angeboten nicht retten können. Erlings Antritt, die Ballannahme und -verarbeitung sowie sein Torriecher waren schlicht sensationell in Berlin. Er kreiert Tore selber – wie das dritte, begünstigt durch den schludrigen Pass des Berliners Plattenhardt auf Alderrete – oder er ist einfach an der richtigen Stelle, wie bei Cans Querpass vor dem 1:1.

Dass Haaland in der 85. Minute rausgehen durfte, wäre – wie alles – mit Zuschauern im Stadion schöner gewesen. Für ihn kam der, auf den alle BVB-Fans gewartet hatten: Youssoufa Moukoko bekam gleich seine ersten fünf Minuten plus Nachspielzeit. Er bewegte sich viel, eine nennenswerte Aktion war allerdings nicht mehr dabei. So gut er auch ist: Es wird ein bisschen Umstellung nötig sein, sich an die Bundesliga anzupassen. Gut, dass Haaland da und derzeit in Topform ist.

Eine Mannschaft, die sich wehrt

Es ist einer der Hauptunterschiede zur Vorsaison: Die Borussia reagiert in mehr Partien positiv auf Rückschläge. Gestern war es ein Weitschuss-Kracher des wohl besten Berliners, Spielmacher Cunha, durch den die Schwarz-Gelben in Rückstand gerieten. Die erste Halbzeit war zuvor spannend, aber nicht ganz nach Wunsch verlaufen. Dem BVB fehlte der letzte Pass gegen kompakt stehende Gastgeber. Mit der Rückkehr zur Dreierkette hinten hatte Lucien Favre wohl ein Übergewicht im Mittelfeld herstellen wollen. Doch bei Gegenstößen der Berliner fehlte mehrmals die Ordnung; auch Dahoud und Witsel konnten bei der Arbeit nach hinten nicht ganz überzeugen. Auch nach dem Spiel mit seinem Klasse-Resultat darf man fragen, ob nicht eine Viererkette mit dem starken Can davor im defensiven Mittelfeld vorzuziehen gewesen wäre.

Letztlich ist es aber doch egal: Wie der BVB aus der Pause kam und vor allem dank Haaland zurückschlug, war richtig stark. Es gab allerdings auch keinen Grund, übermäßig nervös zu werden, denn das tat schon der Gegner. Nach dem schnellen Doppelschlag zum 1:2 häuften sich die Abspielfehler bei Hertha BSC und die Schwarz-Gelben hatten recht leichtes Spiel.

Die blinde Stelle von VAR

Das Thema, bei dem sich Fans und Beteiligte gefühlt am Häufigsten über das Wirken oder Ausbleiben einer VAR-Überprüfung aufregen, sind Elfmeter. Bastian Dankert, der alles in allem großzügig pfiff, gab in der 79. Minute einen Strafstoß für Hertha nach einem vermeintlichen Foul von Akanji an Guendouzi. Bibiana Steinhaus als verantwortliche Video-Schiedsrichterin in Köln meldete sich offensichtlich nicht mit einer Warnung bei Dankert und die Entscheidung stand. Sie war lächerlich: Guendouzi war eher in Akanji hineingelaufen als umgekehrt, so kam es zu einer Berührung am Oberschenkel; der Armeinsatz des Dortmunder Innenverteidigers war nicht der Rede wert.

Zum x-ten Mal müssen sich Dortmunder Fans – wie auch viele anderswo – fragen, welche Verbesserung VAR eigentlich in Sachen Strafstöße und Handelfmeter gebracht hat. Auch wenn wir heute damit leben können – das Thema bleibt präsent.

Nächste Woche hat der BVB zwei vermeintlich lösbare Aufgaben zu Hause vor sich: in der Champions League am Dienstag gegen Brügge, in der Liga am Samstag Nachmittag gegen Köln.

P.S. Glaubt eigentlich wirklich jemand wie der DAZN-Kommentator, dass Lucien Favre nach dem Spiel im Zwiegespräch mit Erling Haaland nicht wusste, wie viele Tore dieser geschossen hatte? Ich jedenfalls nicht. Da kam wohl eher der stille Humor des Trainers zum Vorschein.

Die Aufstellung: Bürki – Can (76. Piszczek), Hummels, Akanji – Meunier, Dahoud (62. Bellingham), Witsel, Guerreiro (85. Schulz) – Brandt, Reus (77. Reus) – Haaland (85. Moukoko). Gelbe Karte: Guerreiro. Tore: Haaland (4), Guerreiro

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