Die nächste große Hoffnung für Sunderland

Fans zurück in den Stadien – in Großbritannien könnte das schon zum Ende des aktuellen Lockdowns am 2. Dezember und je nach regionaler Pandemie-Lage Realität werden. Die Anhänger des englischen Drittligisten Sunderland AFC hätten dann womöglich gleich doppelt Grund zur Freude. Sie warten seit geraumer Zeit auf eine Übernahme ihres Klubs durch neue finanzkräftige Investoren. Die jetzigen Eigentümer um Mehrheitsaktionär Stewart Donald und Charlie Methven reden seit Langem von laufenden Gesprächen, doch nun könnte es endlich ernst werden. Spekuliert wird über den Abschluss der Verhandlungen und eine zeitnahe Ratifizierung der Übernahme durch den Ligaverband EFL, vielleicht sogar bis Anfang Dezember.

Doch wie die Fan-Rückkehr ist auch der geplante Eigentümerwechsel durchaus zwiespältig zu betrachten. Die jüngere Geschichte der „Black Cats“ ist eine der enttäuschten Hoffnungen. Als ich vor zwei Jahren zum letzten Mal über Sunderland schrieb, waren sie bereits drittklassig, aber Donald und Methven hatten einiges getan, um die Fans nach zwei Abstiegen in zwei Jahren wieder an Bord zu holen. Doch es war nicht genug, denn sportlich verfehlte der Klub das klare Ziel, wieder aufzusteigen, zweimal – sowohl mit Trainer Jack Ross als auch seinem Nachfolger und Noch-Amtsinhaber Phil Parkinson.

Das Gewicht der Geschichte

Man muss die Größe des Klubs und seiner Anhängerschaft kennen, um die Dimension des Problems zu verstehen. Neben Newcastle United und Middlesbrough ist Sunderland eines von drei sportlichen Aushängeschildern im Nordosten Englands, einer Region mit wirtschaftlichen Problemen. Die Black Cats haben in ihrer Geschichte sechs Meisterschaften geholt und sind damit in dieser Hinsicht der sechsterfolgreichste Fußballverein Englands. Auch wenn nur einer der Titelgewinne in den letzten 100 Jahren gelang (1936), sehen die Fans ihren Verein weiter als einen der großen an. Noch verständlicher wird ihre derzeitige Frustration, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Sunderland in seiner vor 2018 knapp 140-jährigen Geschichte nur eine einzige Saison (1987/88) in der dritten Liga verbringen musste, 87 Spielzeiten insgesamt und vor 2017 zehn am Stück erstklassig war.

Die Vorwürfe der Fans an die jetzigen Eigentümer: Sie haben nicht geliefert, die sportliche Führung nicht ausreichend unterstützt, Versprechen gebrochen. Sie mögen die Black Cats mit Kürzungen beim Personal finanziell halbwegs fit für die dritte Liga gemacht haben, sind nach Ansicht vieler aber den Weg zurück nach oben nicht konsequent genug gegangen. Man kann also nachvollziehen, dass die Fans sich einen erneuten Eigentümerwechsel und neue Investitionen wünschen, doch es bleiben noch viele Fragezeichen.

Wer ist neu und was bleibt alt?

Das hängt mit den wahrscheinlichen Neuen zusammen und damit, was vielleicht auch bleibt wie es war. Einer der „Neuen“ ist für die Fans eine bekannte unbekannte Größe. Juan Sartori ist bereits jetzt eher stiller Teilhaber in Sunderland; ihm gehören 20 Prozent der Anteile am Klub. Der 39-jährige Uruguayaner ist seit diesem Jahr in seinem Heimatland Senator und holte 2018 als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen immerhin über 20 Prozent der Stimmen. Man kann also getrost sagen, dass der AFC Sunderland bisher nicht unbedingt im Fokus seiner Aufmerksamkeit stand.

Ob sich das tatsächlich ändern wird? Sartori könnte seinen Anteil nun aufstocken. In jedem Fall agierte er wohl als Matchmaker für den wirklich neuen Mann, den 22-jährigen Kyril Louis-Dreyfus aus der milliardenschweren schweizerisch-französischen Unternehmerfamilie. Dessen Vater Robert war einst größter Anteilseigner bei Olympique Marseille und laut Spiegel in die undurchsichtigen Machenschaften um die WM-Vergabe an Deutschland verstrickt. Kyril hat sich bisher Fußball-technisch noch zurückgehalten, auch wenn er bereits mit Marseille in Verbindung gebracht wurde. Der Sunderland-Podcast Wise Men Say hat auf seiner Webseite in einem Artikel zum bevorstehenden Deal einiges über „KLD“ zusammengetragen.

Juan Sartori hat ebenfalls familiäre Kontakte nach Frankreich und dürfte dort mit KLD in Kontakt gekommen sein. Sollte Louis-Dreyfus nun tatsächlich in Kooperation mit dem bisherigen Minderheitsaktionär groß in Sunderland einsteigen, stellt sich die Frage nach der Rollenverteilung. Wird KLD mit seinen jungen Jahren schon der neue starke Mann? Oder etwa Sartori, der doch eigentlich in Uruguay gebunden ist? Gerüchten zufolge lässt das Konsortium der beiden auch nach einem Sportdirektor oder -vorstand suchen. Eine weitere Variante: Der bisherige Mehrheitseigner Stewart Donald und sein Kompagnon Methven, die ihre Anteile nicht vollständig verkaufen wollen, bleiben selbst in der einen oder anderen Rolle am Steuer. Was bei den Fans eher nicht so gut ankommen würde.

Ein dritter Mann

Noch besteht also viel Ungewissheit, ob die neue Hoffnung der Anhänger wirklich berechtigt ist. Auch angesichts der sportlichen Lage: Nach einem guten Saisonauftakt sind die Black Cats zuletzt auf Platz 8 in der League One abgerutscht, liegen sechs Punkte hinter einem direkten Aufstiegsplatz, mit allerdings zwei Spielen weniger als der Zweite Peterborough United. Neue Eigentümer könnten nicht einfach das Geld sprudeln lassen: Seit dieser Saison gilt in League One und League Two (3. und 4. Liga) eine Gehaltsobergrenze – es besteht in der Winter-Transferphase wenig Spielraum, solange keine Großverdiener den Verein verlassen.

Zu allen offenen Fragen kam zuletzt noch ein weiterer Investor ins Spiel: Der US-Amerikaner Matthew Pauls soll ebenfalls Interesse an einer Übernahme von Sunderland haben. Stand der Dinge scheint aber zu sein, dass er nur zum Zuge kommen könnte, wenn der Deal mit Sartori und Louis-Dreyfus wider Erwarten noch platzt oder diese bei der „Owners and directors“-Überprüfung der EFL abgelehnt werden.

Bis Klarheit herrscht, dürfte noch mindestens der kommende Spieltag vergehen. Aber Warten sind die Fans der Black Cats ja gewöhnt. Die unmittelbare Zukunft heißt am Freitag Fleetwood Town, ein Verein, der nicht nur geografisch aus einer anderen Richtung kommt: 2012 stiegen die „Fishermen“ erstmals in die Football League, den Profibereich, auf. Die Partie an der Küste der Irischen See, beim punktgleichen Tabellensiebten, sollte Sunderland nun wirklich gewinnen, um keine Lücke zur Spitzengruppe entstehen zu lassen.

P.S. Wer Netflix-Abonnent ist, sollte sich die zwei Staffeln der Doku-Serie Sunderland Til I Die nicht entgehen lassen, die die Spielzeiten 2017/18 und 2018/19 der Black Cats begleitete, in denen diese in die dritte Liga abstiegen und danach den Wiederaufstieg verpassten.

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