Zwei Wege, ein Ziel: Derby County v Preston North End

Alle wollen in die Premier League. Für Neulinge in Englands zweitklassiger Championship ist das manchmal ein längerfristiges Ziel. Nicht jedoch für die dort etablierten Traditionsvereine Derby County und Preston North End, die am Boxing Day (26.12.) in Derbys Pride Park-Stadion aufeinandertreffen. Die Gastgeber, gegründet 1884, begreifen sich – nicht zu Unrecht – als großen Club, der einfach in die höchste Spielklasse gehört. Preston wiederum, gegründet 1880, war einst der erste und zweite Meister nach Einführung des englischen Ligafußballs, wartet inzwischen aber seit fast 60 Jahren auf die Rückkehr in die Erstklassigkeit.

Beide Vereine eint zwar ein Ziel, doch ihre Profile und ihre Herangehensweise könnten kaum unterschiedlicher sein. Derby – die „Rams“ – stand in den letzten Jahren für einen Zweitligisten oft im Rampenlicht. In der letzten Spielzeit gab es einen groß publizierten Zwischenfall nach einer Mannschaftsfeier, als mehrere Spieler betrunken ins Auto stiegen und einen Unfall verursachten, bei dem der damalige Mannschaftskapitän Richard Keogh verletzt wurde. Keogh wurde in der Folge gefeuert, andere Beteiligte ’nur‘ bestraft.

Sportliche Schlagzeilen schrieben die Rams mit der Verpflichtung von Wayne Rooney aus den USA, der zunächst als Spieler eingeplant war und inzwischen, zumindest temporär, auf der Trainerbank sitzt. Ermöglicht wurde der Giganten-Transfer offenbar durch den gemeinsamen Sponsor 32Red, einem Anbieter von Online-Casinos und Sportwetten. Dass Rooney in der Folge die Rückennummer 32 trug, war natürlich reiner Zufall.

Ohne Lizenz auf die Bank

Der Megastar sollte mittelfristig ins Coaching eingebunden werden, doch nach der Entlassung des Niederländers Philipp Cocu, der Derby in die Abstiegszone geführt hatte, ging alles viel schneller als gedacht. Nun ist Rooney, der keinen Trainerschein hat, zusammen mit seinen Co-Trainern Liam Rosenior und Shay Given verantwortlich für das Team. Seine neue Laufbahn begann Ende November mit zwei eher enttäuschenden Unentschieden gegen Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, doch seither gab es neben Punkteteilungen mit stärker einzuschätzenden Teams auch zwei Siege, in Millwall und gegen das zuletzt hoch gelobte Team von Swansea City.

Das Hauptproblem von Philipp Cocu war die fehlende Treffsicherheit der Offensive. In 19 Partien hat Derby ganze zehnmal eingenetzt – der schlechteste Wert der Championship. Unter Rooney & Co beginnt sich das langsam zu ändern. Jedoch nicht so plötzlich, dass man sich keine Verstärkungen im Januar mehr wünschen würde. Und damit wären wir bei der Transferpolitik der letzten Jahre, die in letzter Konsequenz Clubbesitzer Mel Morris, selbst Derby-Fan, zu verantworten hat. Lange versuchten er und die anderen Verantwortlichen, mit Einkäufen und gut dotierten Verträgen Spieler nach Derby zu locken, die den Club aufstiegstauglich machen sollten. Die Rams waren mehrmals dicht dran, doch es reichte zuletzt immer nur für die Teilnahme an den Play-Offs.

Im Graubereich der Regeln

Angesichts der Financial Fair Play-Regeln, die nur Verluste in einer bestimmten Größenordnung über drei Jahre erlauben, musste sich Morris etwas anderes einfallen lassen. Wie einige andere Vereine kam man auf die Idee, das Stadion an ein Unternehmen unter Kontrolle des Clubbesitzers zu verkaufen und somit die Verluste zu reduzieren. Diese Praxis nahm der Ligaverband EFL (zweite bis vierte Liga) kritisch unter die Lupe. Dem Ligakontrahenten Sheffield Wednedsay wurden zwölf Punkte für die laufende Saison abgezogen; nach einem Einspruch wurde die Strafe auf sechs Minuspunkte reduziert. Derby wurde hingegen von einem unabhängigen Schiedsgericht freigesprochen, eine zu hohe Verkaufssumme veranschlagt zu haben. Der Unterschied zu Wednesday: Im Gegensatz zu den „Owls“ hatten die Rams die Einnahmen im richtigen Jahr verbucht.

In diesem Fall kam Derby glimpflich davon, doch die EFL wird nun noch genauer auf die Ausgaben des Clubs achten. Das bedeutet wenig Spielraum in der nächsten Transferphase, solange man den Kader nicht erst verschlankt. Die finanziellen Reserven dürften sich allerdings bald schlagartig vergrößern: Derby County steht vor der Übernahme durch Scheich Khaled Zayed Bin Saquer Zayed Al Nayhan aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der zu einer der sechs Herrscherfamilien dort gehört, allerdings nicht in die Politik des Landes involviert sein soll. Al Nayhan hatte zuvor bereits versucht, Newcastle United zu übernehmen, zog sich aber zurück, bevor ein Deal zustandekam (nicht zu verwechseln mit dem jüngsten saudi-arabischen Übernahmeversuch). Die Übernahme von Derby County mittels des Unternehmens Derventio Holdings (UK) Limited, das vom Scheich kontrolliert wird, sollte eigentlich bis Weihnachten stehen. Es heißt, sie stehe weiter kurz bevor, aber die Rams-Fans bleiben angesichts anderer gescheiterter Versuche skeptisch.

Beinahe ein Vorzeigeclub

Gegenüber dem schlagzeilenträchtigen Derby ist Preston North End ein Hort der Ruhe. Besitzer der Lilywhites ist der 85-jährige Milliardär Trevor Hemmings, der den Club im Vergleich sehr konservativ leitet. Ihn berät in Peter Ridsdale eine einstmals schillernde, nicht unumstrittene Figur des englischen Fußballs, die sich aber der Herangehensweise des Clubbesitzers angepasst hat. Da auch Preston keine schwarzen Zahlen schreibt, ist man auf Hemmings‘ finanzielle Unterstützung angewiesen. Er und Ridsdale versuchen, die Verluste strikt zu begrenzen. In den letzten Jahren war man recht erfolgreich mit dem Anwerben jüngerer Spieler aus niedrigeren Ligen, die inzwischen teilweise zu echten „Assets“ geworden sind.

Ich mag diese Terminologie auch nicht, doch sie beschreibt das Problem, dem sich North End nun gegenüber sieht. Vier absolute Topspieler – die Mittelfeldspieler Ben Pearson und Daniel Johnson, Kapitän Alan Browne und Abwehrspieler Ben Davies aus dem eigenen Nachwuchs – stehen vor dem Ende ihrer Verträge im Sommer 2021 und haben bisher den angebotenen Verlängerungen nicht zugestimmt. Ohne reelle Aussichten auf den Aufstieg – PNE ist derzeit 15. – dürften sich die meisten von ihnen verabschieden. Sollte es dazu kommen und die Verantwortlichen nicht für entsprechenden Ersatz sorgen, könnte sich auch der schottische Trainer Alex Neil Gedanken über neue Aufgaben machen.

Bisher spielt Preston eine konstant unkonstante Saison. Zunächst gelang zu Hause in Deepdale überhaupt nichts, während man auswärts zu einem der stärksten Teams der Championship wurde. Nun hat sich das ausgeglichen und es gab dafür auf fremdem Platz einige ernüchternde Auftritte. Auch die Fans wissen nicht so recht, was von North End zu erwarten ist. Vermutlich einfach ein Mittelfeldplatz, wie auch die Macher des exzellenten PNE-Podcasts und -Blogs From The Finney glauben.

Wo bleiben die Jugend und die Frauen?

Eigentlich ist die Herangehensweise von Hemmings‘ Preston ja nicht unsympathisch. North End war einer der ganz wenigen Clubs, die in der Corona-Krise die Gehälter von Spielern wie sonstigem Personal komplett weiterzahlten und nicht auf staatliche Unterstützung zurückgriffen. Bei Derby gab es dagegen etwa langwierige Verhandlungen mit der Mannschaft über einen Gehaltsaufschub. Allerdings konzentriert man sich in Preston weitgehend auf die erste Mannschaft. Es gibt keine U23, wogegen die der Rams in der höchsten Spielklasse mitmischt. Die U19 von Derby wurde letztes Jahr gar englischer Jugend-Meister, ehe man in der UEFA Youth League den BVB hinauswarf.

Auch Preston North End hat eine Jugendakademie, aber nur eine der dritten Kategorie. So spielt man auch in den entsprechenden Meisterschaften nicht auf der höchsten Ebene. Die Zahl der Spieler, die den Sprung aus dem eigenen Nachwuchs in die Profimannschaft geschafft haben, ist deutlich geringer als zuletzt bei Derby. Neben dem schon angesprochenen Ben Davies kam zuletzt nur Linksverteidiger Josh Earl auf einige Einsätze nach langer Wartezeit.

Eklatant ist auch der Unterschied beim Engagement im Frauenfußball. Der Derby County Football Club Women spielt in der drittklassigen FA National League Northern Division. Sie sind mit dem Männerverein offiziell assoziiert und haben eine eigene Website, die bei den Männern verlinkt ist. Preston North End Women FC verharrt dagegen auf dem letzten Platz der sechstklassigen North West Womens Regional League Division One North. Die Tordifferenz nach drei Spielen: -25; Punkte: 0. Es gibt scheinbar ein Problem mit Spielerinnenmangel. Doch so genau weiß man das als Außenstehender nicht, denn der Verein hat keine aktuelle Webseite und nur gelegentlich gepflegte Social Media-Kanäle. Unterstützung bekommen die Frauen allenfalls vom Preston North End Community Trust, der gemeinnützigen Stiftung des Clubs, und auch da scheint nicht viel rumzukommen.

Ich mag Derby und Preston aus dem einen oder anderen Grund beide, aber welches Konzept mir nun sympathischer ist, habe ich noch nicht entschieden. Womöglich werden sich ihre Wege bald noch weiter trennen, wenn die Übernahme der Rams vollzogen wird. Doch der Boxing Day-Clash scheint völlig offen: Gelingt Derby der Schritt aus der Abstiegszone oder North End der ins obere Mittelfeld?

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