Cha-cha-cha-changes: Was Borussia Dortmund 2021 ändern sollte

Es hilft ja nichts: Fußball ist schrecklich kurzatmig. Es ist noch keine sechs Wochen her, da glaubte sicher nicht nur ich – nach dem 2:5-Sieg des BVB im Berliner Olympiastadion – dass sich die Schwarz-Gelben im Vergleich zur Vorsaison weiterentwickelt hätten. Es war nicht alles perfekt, aber man ist ja als Fan eines Vereins, der nicht Bayern München heißt, oft schon für Fortschritte dankbar. Doch die Wochen, die folgten, ließen alles wieder in anderem Licht erscheinen. Bedenken und Vorbehalte stellten sich als nur verbuddelt und nicht verschwunden heraus. Sie erwiesen sich als zu groß für das System Favre.

Warum der allenthalben als menschlich sympathisch beschriebene Schweizer Trainer scheiterte, ist nicht mit nur zwei Ansätzen zu erklären. Es mögen valide Gründe sein, dass Favre kein besonders guter Motivator war und einen zu abwartenden Spielstil pflegen ließ. Aber schon an dieser Stelle muss man fragen, warum diese Mannschaft scheinbar einen Klopp-ähnlichen Trainer braucht. Und warum sie zu selten die Lücke findet – denn auch Favre hat ja keine 90 Minuten Quergeschiebe gepredigt. Es gibt weitere Fragen: an den ehemaligen und den neuen Trainer sowie an die Entscheider im Verein.

Das Innenleben der Mannschaft

Fragt man sich etwa, warum das Team immer wieder diese unerklärlichen Aussetzer hat, besonders krass beispielsweise Ende letzter Saison gegen Mainz und Hoffenheim, landet man mit seinen Überlegungen bei der Mentalität, beim Charakter. Den zu hinterfragen klingt immer ein bisschen populistisch, weil viele Medien und auch Fans damit inflationär umgehen. Doch selbst im verlässlich guten BVB-Podcast der Ruhr Nachrichten war in Folge 247 von „kleinen Ich-AGs“ die Rede. Auch das klingt zunächst nach Polemik, aber im Kontext gehört wirkt es nur ein wenig zugespitzt und beinhaltet leider einige Funken Wahrheit.

Vorneweg: Ich weiß kaum etwas über die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den aktuellen BVB-Spielern. Dazu bin ich zu weit weg. Es gibt sicher Freundschaften, aber kaum Anhaltspunkte, dass wir es mit 11 Freunden zu tun haben. Der Charakter des Teams wirkt nicht homogen und die einzelnen Spieler unterscheiden sich vom Typ her deutlich. Es gibt die (dienst-)älteren Spieler wie Mats Hummels, Marco Reus und Roman Bürki, alles Freunde der klaren Worte, aber wie viel sie sonst verbindet, ist unklar (wer mehr über das private Verhältnis der drei weiß, darf mir und den Leser/innen gerne mit einem Kommentar weiterhelfen). Dann sind da die Stars, Erling Haaland und Jadon Sancho, die beide in ihrem jungen Alter schon um ihren Wert wissen und das auch gelegentlich ausnutzen.

Die Probleme sind nicht neu

Auch viele der anderen Kadermitglieder wirken auf dem Platz sehr unterschiedlich, selbst wenn sie ähnliche Positionen spielen. Wie viel verbindet etwa Thomas Delaney und Emre Can mit Axel Witsel und Julian Brandt? Nun muss und sollte man Diversität ja keinesfalls per se als Schwäche ansehen, auch nicht in einem Spielerkader. Nur fragt man sich schon, wie diese Mannschaft mit ihren verschiedenen Typen und Vorstellungen von Fußball harmonieren soll. Im Idealfall könnte das Trainerteam ein Bindeglied sein, aber nicht nur Lucien Favre hatte damit arge Probleme. Schon unter Stöger und Bosz, sowie zeitweise bei Tuchel und in Jürgen Klopps letzter Saison funktionierte das Gebilde nicht ohne Reibungsverluste. „Gebilde“ ist nicht per se negativ gemeint; die Kader von Proficlubs sind heutzutage nun mal genau das.

Die zuletzt fehlende Kontinuität auf der Trainerposition war nicht hilfreich, aber bei der Transferpolitik entscheidet der BVB erklärtermaßen kollektiv: Der jeweilige Trainer, Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc müssen alle einverstanden sein. Und so tragen die letzten beiden, die nach wie vor im Amt sind, auch ein gehöriges Maß an Mitverantwortung für die wohl suboptimale Zusammenstellung des Kaders.

Man kann die Fehler dabei nicht punktgenau festmachen. Vielleicht sind Watzke, Zorc & Co manchmal zu sehr bestimmten Suchmustern gefolgt. Eine Zeit lang waren das häufiger „Spieler, die eine Verbindung zum BVB haben“. Dann natürlich „große Talente, bei denen eine Wertsteigerung garantiert ist“. Und zuletzt „erfahrene potenzielle Führungsspieler“. Natürlich wurden diese Suchmuster auch parallel angewandt. Der Fehler war nicht, nur nach einem bestimmten Typ gesucht zu haben, sondern eher, dass die Verantwortlichen zu sehr an Individuuen und zu wenig an die Mannschaft dachten.

Die Aufgaben des Trainers

Der Neuling Edin Terzic muss jetzt richten, woran Lucien Favre gescheitert ist. Erste Ansätze – mehr Mut zu vertikalem Spiel – waren phasenweise zu sehen, blieben aber noch ohne durchschlagenden Erfolg. In dieser Hinsicht erfolgversprechend wäre es, wenn die Borussia verschiedene Mittel – Flanken, Flügelläufe, Pässe und Kombinationen durch die Mitte und auch mal lange Bälle – noch mehr mischen würde. Das ist leicht gesagt, muss aber erstmal Ertrag bringen.

Helfen könnte eventuell noch mehr taktische Variabilität. Wie wäre es mit einem zweiten Stürmer in bestimmten Partien? Erling Haaland und Yossoufa Moukoko gemeinsam in Aktion zu sehen hätte schon etwas. Beide haben keine Geschwindigkeitsprobleme und lassen sich gelegentlich auch zurückfallen, um an Bälle zu kommen. Edin Terzic scheint einem 4-3-1-2 oder 4-4-2 nicht grundsätzlich abgeneigt zu sein – überlegenswerte Varianten besonders gegen defensiv eingestellte Teams.

Außerdem sollte der Trainer neben der defensiven Stabilität noch mehr im Auge behalten, welche Spieler am wichtigsten für den Spielaufbau und die Chancenentstehung sind und konsequent danach aufstellen. Gemäß Terzics eigener Philosophie: Ein Spiel gewinnt man, in dem man ein Tor mehr als der Gegner schießt.

Ob Terzic und die schwarz-gelben Jungs das hinkriegen, wird richtig spannend zu sehen sein. Gerade der Auftakt 2021 hat es in sich. Ich wünsche es ihm, ihnen und uns allen. Euch Lesern und Leserinnen einen guten Rutsch und ein besseres neues Jahr!

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