Dortmund, Bayern und das Unvermeidliche

1. Bundesliga, 24. Spieltag / Bayern München 4 BVB 2

Nicht einen Cent hätte ich vor diesem Spiel auf den BVB gesetzt, nachdem am Freitag bekannt geworden war, welche Schwarz-Gelben nicht im Flugzeug nach München saßen. Meine Einschätzung stellte sich als richtig heraus. Und doch war es mal wieder ein maximal frustrierender Spielverlauf. 4:2 nach 0:2 – aber das war noch längst nicht alles…

Angst essen Siegchancen auf

Edin Terzic stellte in der Arena auf drei Innenverteidiger um und brachte zudem Thomas Meunier für Mateu Morey. Eine vorsichtige Herangehensweise an das Topspiel, die dem BVB in den ersten 15 bis 20 Minuten nicht schadete, im Gegenteil. 0:2 nach neun Minuten – die Schwarz-Gelben traten genau so auf, wie es an diesem Ort nötig ist: hellwach und bereit, im Mittelfeld sofort dazwischenzugehen, sobald sich die Gelegenheit ergibt. War das erste Tor von Erling Haaland noch durch Boatengs Ballberührung begünstigt worden, ergab sich das zweite aus einem tollen Konter über mehrere Stationen; mit der entscheidenden Vorlage durch Thorgan Hazard, über dessen Rückkehr man nur froh sein kann.

Das Problem: Dem FC Bayern ist jederzeit zuzutrauen, einen Zwei-Tore-Rückstand aufzuholen und so spielte Borussia Dortmund auch. Abgesehen von besagter Anfangsphase der ersten Halbzeit und weiteren zehn Minuten zu Beginn der zweiten präsentierte sich der BVB so, wie man es von den letzten Gastspielen in München gewohnt ist: zunehmend defensiv und ängstlich. Die Schwarz-Gelben versammelten sich phasenweise um den eigenen Strafraum, wie man es von deutlich schwächeren Gegnern der Bayern kennt – und selbst die versuchen das inzwischen zu vermeiden, wenn auch nicht immer mit Erfolg. Wer so viele Räume preisgibt, den legen sich die Bayern zurecht. Dass es dann mal bis in die Schlussphase dauern kann, bis der Rekordmeister trifft, ist nichts Neues.

Edin Terzic sagte dem ZDF nach der Partie, dass das extrem defensive Auftreten natürlich keine Vorgabe gewesen sei. Er stellte noch während der ersten Hälfte auf Viererkette um und verschob Emre Can ins Mittelfeld. Doch schien der Trainer diesmal weitgehend machtlos. Wenn die Mannschaft einmal Angst hat, kann man von außen nur bedingt etwas machen; die Spieler müssen sich dann vor allem selbst helfen. Die Halbzeitansprache von Terzic brachte nur temporär Besserung. Eigentlich wissen die Jungs auf dem Feld ja, dass man sich gegen den FCB nicht einschnüren lassen darf, sondern nah dran bleiben muss, um das sichere Passspiel zu stören. Doch durch ein, zwei Missgeschicke beim Herausrücken entsteht vermutlich eine Angst vor der Lücke, die die Mannschaft nicht mehr abschütteln kann.

Die Wechsel und Marco Fritz

Der BVB schöpfte sein Wechselkontingent gestern voll aus. Die Veränderungen in der 60. bzw. 70. Minute: Brandt für Hazard, Tigges für Haaland, Morey für Zagadou und Bellingham für Delaney. Damit wechselte Edin Terzic vier Akteure aus, denen man noch mit am ehesten Kreativität oder Stabilität zugetraut hätte. Klar, Hazard und Zagadou hatten längere Verletzungspausen hinter sich, Delaney eine kürzere Krankheit und Erling Haaland war nicht nur dank Jerome Boateng lädiert am Fuß, sondern zuletzt auch nie geschont worden.

Doch es waren wohl zu viele solcher Wechsel, um in München etwas mitzunehmen. Julian Brandt ist absolut nicht der Richtige, um an diesem Ort noch mal eine Trendwende einzuleiten. Von Steffen Tigges erhoffte sich Terzic wohl mehr körperliche Präsenz, doch der BVB hätte eher die Wendigkeit und Schnelligkeit von Moukoko gebrauchen können. Morey hätte für Meunier und nicht für Zagadou kommen sollen. Der Belgier war ein Schwachpunkt des BVB-Spiels – abgesehen von seiner hoffnungsvollen Flanke vor dem 0:1, die tatsächlich etwas bewirkte. Hätte er in der 24. Minute anständig auf Haaland quergelegt, wäre das wohl das 0:3 für den BVB geworden. Bellingham für Delaney war in der 70. Minute ebenfalls ein gewagter Wechsel. Am ehesten nachzuvollziehen ist, dass in der 77. Minute noch Reinier für den frustrierten Reus kam.

Trotz allem hielt die Borussia bis in die 88. Minute das Unentschieden. Dann wurde Emre Can beim Herauslaufen mit dem Ball von zwei Roten in die Zange genommen und robust mit dem Arm zu Fall gebracht. Ja, Fußball wurde noch nie ohne Körpereinsatz gespielt, auch nicht in dieser Partie – und das zu Recht. Aber in der umgekehrten Situation – ein Bayern-Spieler mit Ball im Spielaufbau wird so gelegt – hätte der Rekordmeister in neun von zehn Fällen einen Freistoß gekriegt, auch von Marco Fritz, und der Gegenspieler in fünf von zehn Fällen eine Gelbe Karte wegen taktischen Fouls. Gestern lief das Spiel weiter. Der BVB hatte noch einige Sekunden Zeit, die Situation zu klären. Meunier gelang das nicht und so traf Leon Goretzka zum 3:2, dem Lewandowski noch sein drittes Tor folgen ließ, um somit auch Erling Haaland in dieser Partie zu überflügeln.

Frühe Führung, ängstlicher Fußball, Ausgleich durch einen VAR-Elfmeter, mehr ängstlicher Fußball, fragwürdige Wechsel und späte Gegentore mit Fragezeichen hinter einer Schiedsrichter-Entscheidung – frustrierender und in vielerlei Hinsicht typischer kann ein Spiel gegen die Bayern eigentlich nicht verlaufen. Ich verspürte vor der Partie keinerlei Vorfreude darauf und danach weiß auch jeder BVB-Fan, dem es anders ging, warum. Weiter geht’s mit Sevilla – eine ganz andere Begegnung, in der ich den Schwarz-Gelben das Weiterkommen zutraue.

Die Aufstellung: Hitz – Meunier, Can, Hummels, Zagadou (70. Morey), Schulz – Dahoud, Delaney (70. Bellingham) – Reus (77. Reinier), Haaland (60. Tigges), Hazard (60. Brandt). Gelbe Karte: Meunier. Tore: Haaland (2)

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