Wanderer zurück vom Abgrund

Es begann eigentlich eher banal. Als ich mich vor rund zwölf Jahren erstmals intensiver mit dem Bolton Wanderers Football Club beschäftigte, war ich getriggert von zwei Fakten: dem legendären Unentschieden, das den Whites 2007 beim großen FC Bayern gelungen war – Stichwort „Fußball ist keine Mathematik“. Und ihren Bei- bzw. Spitznamen „Wanderers“ und „Trotters“, die mir als passioniertem Wanderer und Spaziergänger gut gefielen. Die lokale Verbundenheit, die ich aufgrund damals nur seltener England-Besuche nicht hatte, fiel als Begründung aus; meine Leidenschaft für den englischen Fußball allgemein musste sich aber irgendwie ihre Bahn brechen.

2010 schrieb ich erstmals über die Trotters in diesem Blog (Owen Coyle’s Superwhite Army). Einige Jahre lang verfolgte ich das Geschehen rund um das Reebok bzw. spätere Macron Stadium intensiv und sah, wie die Probleme rund um den Club nach dem Abstieg aus der Premier League wuchsen. Eddie Davies, der viele Jahre lang viele Millionen in den Verein gepumpt hatte, verkaufte die Wanderers, verzichtete dabei aber auf die Rückzahlung eines Großteils der ihm geschuldeten Summe. Im September 2018, nur vier Tage vor seinem Tod, half er seinem Ex-Verein nochmal mit einem Fünf-Millionen-Pfund-Kredit aus höchster Not.

Ich selber hatte die Wanderers seit 2017 etwas aus den Augen verloren. Soweit ich mich erinnern kann, hatte das nicht in erster Linie mit ihrem sportlichen und finanziellen Abstieg zu tun. Im englischen Fußball gab es schon immer viele spannende Geschichten zu erzählen und ich war (England betreffend) nie Die-hard-Fan nur eines Vereins gewesen, sondern habe seit Langem mindestens eine Handvoll Clubs, die mir sympathisch sind. Ein bisschen bedauerte ich das Fehlen einer besonders engen Beziehung zu einem bestimmten Verein. Erst in den letzten Monaten habe ich das Gefühl, dass sich der Kreis schließt und ich auf den zuletzt beschwerlichen Weg der Wanderer zurückgefunden habe.

Hard Times

Natürlich ist das Geschehen rund um Bolton seit meinem letzten großen Beitrag dazu auf Any Given Weekend nicht komplett an mir vorbeigegangen. Es wurde danach noch deutlich düsterer um den Club aus der Stadt in der Region Greater Manchester. Der damals neue Besitzer der Wanderers, Ken Anderson, zerstritt sich mit seinem Geschäftspartner Dean Holdsworth. Schon vor ihrer Übernahme hatte der Club Steuerschulden und sollte aus seinem allgemeinen finanziellen Engpass während Andersons Zeit an der Spitze nie herauskommen – was natürlich auch mit der zunehmenden Entfernung von der Premier League zusammenhing. Bolton blieb mehrmals vorübergehend Spielergehälter schuldig und musste schließlich im Mai 2019 Insolvenz anmelden, nachdem der Verkauf des Clubs an den ehemaligen Watford FC-Besitzer Laurence Bassini gescheitert war – auch wenn dieser im Anschluss reklamierte, er habe genügend Geld und Interesse gehabt.

Längerfristig dürfte sich der fehlgeschlagene Deal wahrscheinlich als Segen erweisen, denn Bassinis gut einjährige Zeit bei Watford (2011-12) endete garstig und der Geschäftsmann wurde in der Folge für drei Jahre von jedwedem Posten innerhalb der Football League ausgeschlossen. Für die Bolton Wanderers wurde die Lage im Sommer 2019 jedoch zunächst denkbar schwierig. Aufgrund der Insolvenz musste der Verein die Saison 2019/20 in der drittklassigen League One mit 12 Punkten Abzug beginnen. Das Schicksal des Vereins aus der Nachbarstadt vermieden die Wanderers – Bury FC wurde wegen seiner finanziellen Lage aus der English Football League (Ligen 2-4) ausgeschlossen und bekam auch nicht das Recht, fünft- oder sechstklassig zu starten. Zur Saison 2020/21 gründeten Fans einen Phönix-Club, Bury AFC, der bis zur Corona-bedingten Spielpause in der zehnten Liga antrat.

Rettung kurz vor zwölf – und dann kam Covid

Die Bolton Wanderers starteten 2019/20 unter der Kontrolle der Insolvenzverwalter. Zu diesem Zeitpunkt war die Auflösung des Vereins eine realistische Gefahr, denn Verhandlungen mit möglichen Käufern zogen sich immer weiter hin. Das soll unter anderem an Vorbesitzer Anderson gelegen haben, der als Gläubiger des Clubs einen besseren Deal für sich herausschlagen wollte. Es war Ende August 2019, buchstäblich Tage vor dem Ende der Transferphase, als der Verkauf an das Konsortium Football Ventures (Whites) Limited (FV) doch noch über die Bühne ging. Zu diesem Zeitpunkt hatte Trainer Phil Parkinson die Wanderers verlassen, nachdem er die ersten Saisonspiele fast ausschließlich mit Jugendspielern bestreiten musste und das Team mehrere deftige Klatschen bezog. Drei Tage nach der Übernahme durch FV verpflichteten die Trotters Ex-Spieler Keith Hill als Trainer, der im Anschluss innerhalb kürzester Zeit seinen Kader mit League One-tauglichen Spielern füllen musste, denen zwölf Minuspunkte zum Start nichts ausmachten.

Das Positive an der extrem kniffligen Lage: Die handelnden Personen hinter FV scheinen es ernst zu meinen. Die beiden größten Anteilseigner kommen aus der Region Manchester. Vorstandsvorsitzende ist die erfolgreiche Geschäftsfrau Sharon Brittan. Der zweitgrößte Anteil gehört Michael James, Wanderers-Fan von klein auf, der sich allerdings aus dem Tagesgeschäft heraushält. Eines ihrer Hauptziele: die Verbindung des Clubs zu Fans und Stadt wieder zu stärken. Das sehenswerte Stadion heißt inzwischen University of Bolton Stadium, kurz UniBol.

Die 12-Punkte-Hypothek und der zusammengewürfelte Kader erwiesen sich in 2019/20 jedoch als unüberwindbare Hindernisse. Und dann kam noch Covid dazu. Die Saison wurde in der dritten und vierten Liga vorzeitig abgebrochen, nur die Play-Offs fanden noch statt. Die Clubs auf den festen Aufstiegsplätzen stiegen auf, die auf den Abstiegsrängen ab. Zum Zeitpunkt des vorzeitigen Saisonendes lagen die Wanderers mit 14 Punkten nach 34 Spielen auf dem 23., in jener Saison letzten Platz (Punktabzug eingerechnet).

Sparen, auch wenn es weh tut

Vielleicht hätte Bolton unter neuer Führung eine Saison in der vierten Liga mit Zuschauern unbeschadet überstanden, denn die Sanierung hatte ja begonnen. Doch hinter FV stehen keine Scheichs oder Abramowitschs, sondern nur ‚ganz normale Millionäre‘. Und so musste der Sparkurs angesichts leerer Stadien zwangsläufig noch strikter ausfallen als ursprünglich geplant. Wegen der Schulden bei der Familie von Ex-Besitzer Eddie Davies mussten scheinbar Sicherheiten in Form des Grundbesitzes des Vereins hinterlegt werden. Mit Emma Beaugeard als CEO hatte FV eine weitere Frau auf der Führungsebene der Whites platziert – im Juni 2020 verließ sie den Verein wieder, um bei der Kostensenkung zu helfen.

Bereits im März 2020 war beschlossen worden, die Jugendakademie des Vereins eine Kategorie herabzustufen. Das Kategoriesystem für die Nachwuchsabteilungen englischer Profivereine macht Vorgaben hinsichtlich Quantität und Qualität der Ausbildung. 2012 hatte die Bolton Academy den höchsten Status erhalten, 2015 war sie aus Kostengründen in die Kategorie 2 und 2020 in Kategorie 3 zurückgestuft worden – wohlgemerkt von Vereinsseite aus. In erster Linie folgt daraus, dass die Akademie weniger neue Nachwuchsspieler aufnimmt.

Ebenfalls 2020 beschlossen die Frauenfußballerinnen, die mit der gemeinnützigen Stiftung des Vereins, dem Bolton Wanderers Community Trust assoziiert gewesen waren, sich als Bolton Ladies FC selbstständig zu machen. Von diesem Schritt erhofften sie sich größere Entwicklungschancen. Die Wanderers haben nun ’nur noch‘ Mädchenteams bis zum Alter von 14 Jahren, auch wenn der Community Trust darüber hinaus noch unverbindliche Trainingseinheiten für verschiedene Altersgruppen anbietet. Bleibt die Hoffnung auf bessere Zeiten…

Aufholjagd mit 27 Neuen

Die Profimannschaft der Männer musste schließlich im September ohne Zuschauer in die neue Saison der League Two starten. Erneut kam ein neuer Trainer, Ian Evatt, der den Fünftligisten Barrow in die League Two geführt hatte und nun zum ersten Mal bei einem Verein der Football League, im offiziellen Profifußball, auf der Bank saß. Und es kamen 27 neue Spieler, denn kaum einer hatte in der Vorsaison einen längerfristigen Vertrag unterschrieben. Der aktuelle Kader lässt sich – ganz wertungsfrei – als eine Gruppe von Wanderern beschreiben. Häufige Vereinswechsel und Leihgeschäfte kennzeichnen die Laufbahn der meisten Akteure. Es gibt Ausnahmen wie den 38-jährigen Torwart Matt Gilks, der erst in den letzten Jahren etwas wanderlustiger wurde. Oder Mittelfeldspieler Kieran Lee, der zuletzt vereinslos war, davor aber acht Jahre für Sheffield Wednesday auflief. Er gehörte zu acht Neuverpflichtungen, die Ian Evatt während des Winter-Transferfensters vornahm.

Der Trainer hatte allen Grund dazu, waren doch die ersten Monate der Saison alles andere als wunschgemäß verlaufen. Einem Aufstiegsfavoriten ähnelten die Wanderers Ende 2020 wirklich nicht. Doch mehrere der letzten Zugänge haben sich schnell als Verstärkungen erwiesen: neben Kieran Lee der von Blackpool geholte Mittelfeldkollege MJ Williams, der vom Championship-Club Swansea City ausgeliehene Linksverteidiger Declan John, sowie Oladapo Afolayan, 23-jähriger Stürmer aus dem West Ham-Nachwuchs (ebenfalls ausgeliehen), der zwar selbst noch kein Tor erzielt hat, aber Boltons Offensivspiel trotzdem gut tut. Bester Schütze ist unterdessen Sturmkollege Eoin Doyle, 33, der im Sommer von Swindon Town kam und seither 14-mal eingenetzt hat.

In den letzten Monaten, quasi seit dem Ende der Transferphase, haben die Trotters eine unglaubliche Serie hingelegt, 29 von 33 möglichen Punkten geholt und dabei keine Niederlage kassiert. Der Lohn: Platz 6, ein Play-Off-Rang, mit Tuchfühlung zu den direkten Aufstiegsplätzen (1-3). Nach dem Wechselreigen im Sommer scheint sich die Mannschaft, verstärkt durch weitere neue Gesichter im Januar, gefunden zu haben. Und Ian Evatt schafft es nun, ihr seinen Spielstil beizubringen. Die Fans stehen inzwischen – natürlich – auf seiner Seite. Nur eines will niemand so richtig verstehen: warum Evatt partout keinen Torhüter auf die Ersatzbank setzt. Ihm ist wohl eine Feldspieler-Option mehr wichtig. Doch als in der letzten Partie bei Port Vale Matt Gilks behandelt werden musste, hielt wohl auch der Trainer den Atem an.

Lese- und Hörtipps: Lion of Vienna Suite (sehr gutes und aktuelles Bolton-Blog und -Podcast); Trotters Blog (weiteres sehr lesenswertes Blog); The Buff Podcast (Podcast der Lokalzeitung Bolton News, Host ist deren „Chief Football Writer“ Marc Iles, der seit Jahren über die Wanderers schreibt, zusammen mit Henry Hewitt); The Wanderer (Bolton-Podcast von BBC Radio Manchester)

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