Harte Nacht in Amsterdam

Champions League, 3. Spieltag / Ajax Amsterdam 4 BVB 0

Die Borussia auf dem Boden der Tatsachen: Ja, die Pleite im Johan-Cruijff-Stadion war auch einem besonders gebrauchten Tag der Schwarz-Gelben geschuldet. Aber sie zeigte ebenso, wo sich der Verein derzeit international einordnen muss. Für die europäische Spitze reicht es jedenfalls nicht.

Manche Beobachter hatten es sich nach der Auslosung der CL-Vorrunde einfach und Dortmund zum klaren Favoriten der Gruppe C gemacht. Das war schon damals eine bequeme, oberflächliche Analyse, die auf einer statischen Sichtweise beruht. Vielleicht liegt diese ein wenig daran, wie zementiert die Verhältnisse in der Bundesliga erscheinen. Vielleicht glauben hiesige Fans und Experten deswegen, dass sich auch an der internationalen Stellung der deutschen Vereine wenig ändert. Ajax kommt aus Holland, verliert dauernd wichtige Spieler an größere Clubs und überhaupt hat der BVB sie vor neun Jahren in der Champions League klar dominiert. Dieses Narrativ scheint ein bisschen den Blick auf die jüngste Vergangenheit verstellt zu haben. Spätestens nach dem 1:5-Sieg von Ajax in Lissabon hätte man gewarnt sein müssen. Nicht zu vergessen: Noch 2019 scheiterte Ajax nur knapp im Halbfinale des Wettbewerbs an den Spurs.

Spielfreude gegen Ratlosigkeit

Fast forward in den Oktober 2021: Ajax hat wieder eine Super-Truppe zusammen und in Erik ten Hag einen ebenso starken Trainer. Es gibt keinen Grund, warum sie nicht wieder eine gute Rolle in der Champions League spielen sollten. Der BVB durfte das gestern erfahren. De facto hielten die Gäste acht, neun Minuten gut mit – tatsächlich so lange, wie Rauchschwaden über der Arena hingen. Dann stieg der Druck von Ajax gewaltig. Der BVB kam nicht mehr in die Zweikämpfe und wurde, teilweise auch auf engem Raum, schlicht ausgespielt. Dazu kamen einige erzwungene, aber auch unnötige Ballverluste. Es war insgesamt eine Demonstration der Spielfreude von Ajax, die sich in der Expected Goals-Wertung dieser Partie nur ansatzweise ausdrückt: 2,08 zu 1,23 für die Gastgeber heißt es da lediglich. In diesem Fall aussagekräftiger ist eine andere Zahl: Der BVB hatte immerhin 45 Prozent Ballbesitz, spielte aber nur 148 erfolgreiche Pässe in der gegnerischen Hälfte – Ajax 266.

Ein erster Knackpunkt aus schwarz-gelber Sicht war das frühe 1:0 in der 11. Minute. Ein Freistoß fast von der rechten Strafraumgrenze, bei dem ich mir vorher hundertprozentig sicher war, dass er reingeht. Weil solche Dinger auf einem solchen Niveau beim BVB eben reingehen. Dass es letztlich Marco Reus war, der den Ball ins eigene Tor verlängerte, konnte man natürlich nicht ahnen. Der Treffer beschleunigte und verstärkte vermutlich nur die Entwicklung, die das Spiel nahm. Ein Kopfball in die Mitte der eigenen Hälfte von Mats Hummels leitete in der 25. Minute das 2:0 durch Blind ein. In einer äußerst schwachen ersten Hälfte hatte die Borussia wirklich Glück, dass nicht noch mehr Treffer fielen.

Ohne Bestbesetzung ohne Chance

Die zweite Halbzeit war einen Tick besser. Der BVB hatte einige Torraumszenen, einen vom Keeper an die Latte gelenkten Schuss von Haaland. Aber sobald die Gastgeber den Aufwand wieder erhöhten, schwamm die Borussia. Die absolut gerechtfertigte Auswechslung von Schulz zugunsten von Can brachte auch keine Sicherheit in die Viererkette. Man muss nach dieser Partie über Einstellung und Gedankenschnelligkeit reden, aber ebenso über das Personal. Gegen Ajax, die einfach bockstark waren, wurden Spielern wie Nico Schulz und Thomas Meunier Grenzen aufgezeigt. Für dieses Niveau reicht es bei den beiden nicht – ob derzeit oder generell.

Der – euphemistisch ausgedrückt – gemütliche Axel Witsel war ebenso eine Fehlbesetzung in diesem Spiel. Und bei einem solchen Gegner ist weder bei Julian Brandt noch bei Donyell Malen noch ein Aufwärtstrend zu erkennen. Selbst Bellingham und Haaland erreichten, wohl nachvollziehbar, kein Normalniveau. Mats Hummels mit Licht und Schatten – bleiben höchstens Akanji und vor allem Kobel, die sich wenig vorzuwerfen haben.

Borussia Dortmund kann sich in Bestbesetzung Hoffnungen auf das Viertelfinale der Champions League machen. Doch wann hat man die beste Elf wirklich mal zusammen auf dem Platz? Die Besetzung der Außenverteidigung und des zentralen Mittelfelds lässt durchaus grundsätzliche Zweifel an der Qualität des BVB zu. Eine schnelle Lösung dafür wird es allein schon aus finanziellen Gründen nicht geben. Vielleicht – hoffentlich – ist es eine glückliche Fügung, dass die Schwarz-Gelben nach diesem Debakel am Samstag nach Bielefeld fahren. Das Rückspiel gegen Ajax findet übrigens schon am 3. November statt.

Die Aufstellung: Kobel – Meunier (79. Wolf), Akanji, Hummels (79. Pongracic), Schulz (46. Can) – Witsel – Bellingham, Brandt (88. Knauff) – Reus – Haaland, Malen (53. Hazard). Gelbe Karte: Witsel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s