Vorahnung bestätigt: BVB scheitert in Lissabon

Champions League, 5. Spieltag / Sporting 3 BVB 1

Es war kein gutes Omen: Raphael Guerreiro verletzte sich vor der Partie in Lissabon beim Aufwärmen und wurde in der Startelf durch Nico Schulz ersetzt. Ein Leistungsträger raus, ein gerade genesener Ersatzspieler rein: Ich war bestimmt nicht der einzige Fan, dem nach dieser Nachricht Böses schwante. Die Balance, die mit Guerreiro zwischen den Teams bestanden hätte, kippte in Richtung Sporting – es war ein Ausfall zu viel für die Schwarz-Gelben.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Gastgeber aus genau der angesprochenen Personalie Kapital schlagen konnten. Zuvor hatte es die Borussia gar nicht schlecht gemacht und die Partie weitgehend kontrolliert ohne zwingend zu werden. Doch dann reichte ein langer Ball, den Schulz oder Pongracic hätten klären müssen, um das 1:0 einzuleiten. Schulz ging halbherzig hin und verlängerte nur, Pongracic konnte Goncalves nicht mehr aufhalten. Der Treffer veränderte natürlich die Statik dieses entscheidenden Spiels: Sporting konnte es noch ruhiger und defensiver angehen lassen.

Vorne und hinten zu wenig

Nicht, dass sich die Grün-Weißen ausschließlich damit begnügten – schließlich bedeutete ein Sieg mit zwei Toren die sichere Qualifikation fürs Achtelfinale. Der zweite Treffer neun Minuten später lag in der in dieser Szene einfach schlechten Raumdeckung begründet, an der eine Reihe von BVB-Spielern beteiligt war. Zu viele von ihnen orientierten sich am Ball, niemand deckte den Rückraum, wo wiederum Goncalves kurz vor der Strafraumgrenze lauerte. Satter Schuss, 2:0.

Defensive Malaise? Ja, aber nicht nur. Nur eine Minute später folgte Dortmunds gefährlichste Szene, die nicht Abseits war. Donyell Malen behauptete den Ball stark im Strafraum und schoss trotz eines möglichen Sporting-Fouls aus spitzem Winkel aufs Tor. Inacio konnte gerade noch zur Ecke klären. Es war eine starke Einzelaktion, die einen Treffer verdient gehabt hätte. Aber solche Szenen blieben eben rar gesät, auch in Hälfte 2. Der BVB fand nicht die Lücke im letzten Drittel. Es mangelte nicht am Willen, sondern an der Kreativität und damit letztendlich an Qualität.

Der Schiedsrichter war’s nicht

Wie im Heimspiel gegen Ajax über den Schiedsrichter zu reden brauchen wir nicht. Die Rote Karte gegen Emre Can mag hart sein, lässt sich aber mit den Fernsehbildern nicht abschließend beurteilen. Man hätte sich da andere Einstellungen gewünscht. Interessant wäre es zu wissen, ob der VAR die vorliegen hatte. Unabhängig davon war natürlich die Theatralik des betroffenen Pedro Porro total überzogen. Der Elfmeter, der das 3:0 bedeutete, war dagegen unstrittig. Der eingewechselte Dan-Axel Zagadou traf zunächst den Fuß von Paulinho. Ob man „Daxo“ jetzt auch ankreiden kann, dass er den von Kobel zunächst abgewehrten Ball nicht vor Porro erreichte, wage ich zu bezweifeln.

In der Champions League lässt sich Grundsätzliches über den BVB 2021/22 erkennen, das in der Bundesliga einfach nicht so extrem ins Gewicht fällt. So war es auch gestern. Ohne Erling Haaland ist die BVB-Offensive allenfalls die Hälfte wert. Mit ihm als Fokus für die eigenen Mannschaftskameraden und den Gegner entstehen früher oder später die notwendigen Lücken, in die die ja technisch durchaus versierten Dortmunder stoßen können. Kommt zu Haalands Fehlen aber auch noch der Ausfall wichtiger (potenzieller) Stammspieler wie Hummels, Guerreiro, Hazard oder Reyna hinzu, fehlt es hinten wie vorne an Qualität. Der langsame Witsel und der gestern ebenfalls nur mäßig überzeugende Bellingham konnten da auch nicht weiterhelfen. Ebenso wenig Reinier bei einem raren Startelf-Auftritt. Läge das alles hauptsächlich am Einsatz oder den falschen Trainingsinhalten, könnte man Marco Rose mit in die Verantwortung nehmen. So weit man das beurteilen kann, sieht es danach aber nicht aus.

Schwierige Fehlersuche

Für die nächsten Transferperioden, vor allem das Sommer-Fenster, muss das den Verantwortlichen ernsthaft zu denken geben. Nach aktuellem Wissensstand kann niemand wirklich etwas für die elend lange Verletzten-Liste. Corona sorgte für die angespannte Finanzlage, die entschlosseneres Handeln etwa bezüglich der Außenverteidiger-Positionen nicht vertretbar erscheinen ließ. Fehler wurden eher in den Jahren zuvor gemacht, ohne dass Zorc, Watzke & Co jeden davon hätten vorherahnen können.

Der Ausfall der CL-Einnahmen ist jetzt nicht hilfreich. Leider kamen in der diesjährigen 1. Runde verschiedene Faktoren zusammen: Ausfälle, fehlende Alternativen, schwache Leistungen von Spielern und einem Schiedsrichter. Man hätte diese Gruppe gut überstehen können, vielleicht müssen. Der BVB war aber nicht der unangefochtene Favorit, zu dem er von manchen gemacht wurde – dazu hatte sich gerade Ajax in den letzten Jahren als zu stark erwiesen. Wie schwer das Ausscheiden nachwirkt, wird sich schnell zeigen. In der Liga stehen jetzt die Partien gegen Wolfsburg und Bayern an. Ohne Erling Haaland sind das sowieso Mammutaufgaben.

Die Aufstellung: Kobel – Meunier, Akanji, Pongracic (66. Tigges), Schulz (46. Can) – Bellingham, Witsel (66. Dahoud) – Brandt, Reinier (66. Zagadou), Reus – Malen. Gelbe Karten: Zagadou, Reus. Rote Karte: Can. Tor: Malen

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