Wie der BVB beim Nachbarn nicht gewann

1.Bundesliga, 15. Spieltag / VfL Bochum 1 BVB 1

Unentschieden im „kleinen Derby“ (dass manche Dogmatiker sagen, es gäbe nur ein Derby, ist mir herzlich egal – von der Distanz und der Stimmung her war es gestern jedenfalls eins) – historisch gesehen ist das kein ungewöhnliches Ergebnis: Bei 22 von 68 Partien zwischen den beiden Revierklubs gab es keinen Sieger. Am Samstagnachmittag um halb sechs dürften sich jedoch zumindest alle Schwarz-Gelben gefragt haben, wie es dazu kommen konnte.

Nicht, dass das 1:1 wahnsinnig schwer zu erklären wäre – einigermaßen unglaublich war es trotzdem. Zunächst mal: größten Respekt für die gelungene Bundesliga-Rückkehr des VfL. Ich hätte nichts dagegen, wenn das kleine noch eine Weile das einzige Derby des BVB bliebe. Die Stimmung war dem Fernseher nach zu urteilen – und unter den gegebenen Bedingungen – grandios. Doch die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Es war über weite Strecken ein Spiel auf ein Tor. Am deutlichsten wird das für alle, die das Spiel nicht gesehen haben, an einer Statistik: Expected Goals aus dem Spiel heraus – 0,05 zu 2,34. Auf seinen xG-Wert von 1,06 kommt der VfL nur dank des Elfmeters (0,79) und einiger weniger Standards (0,22).

Eindeutige Zahlen, eindeutiger Elfer

Die Borussia machte gestern vieles richtig. Besonders wenn man die Gastgeber richtig früh anlief, gerieten diese in Schwierigkeiten – und auch die Zahl ihrer Ballverluste im Mittelfeld war beträchtlich. Laut der Fotmob App spielte der VfL 67 erfolgreiche Pässe in der gegnerischen Hälfte, der BVB 244. Die Schwarz-Gelben hatten eine Reihe hochkarätiger Chancen – Bellingham, natürlich Haaland, Reus, Schulz. Diese wurden teilweise erstklassig verteidigt – von Bochums Keeper Riemann, aber mehrere Male auch in höchster Not auf der Linie oder im Fünf-Meter-Raum von Abwehrspielern. Natürlich hätten die Gäste einige der Abschlüsse aber auch noch besser platzieren können. Und es hätte noch mehr Torgelegenheiten geben können, wenn etwa die Flanken des sonst sehr ordentlichen Nico Schulz an den Mann gekommen wären oder durch die Mitte die Entscheidungsfindung vor dem letzten Pass noch besser gewesen wäre.

So aber kam es anders: In der 40. Minute bekam Bochum einen absolut berechtigten Elfmeter zugesprochen. Gregor Kobel war aus seinem Tor gekommen und hatte beim Versuch den Ball zu erreichen an der aus Bochumer Sicht linken Strafraumseite Antwi-Adjei abgeräumt. Ausgelöst hatte diesen Konter der Gastgeber Zagadou mit einem riskanten Pass ins Getümmel im Mittelkreis. Der endlich wieder genesene „Daxo“ hatte nicht sein bestes Spiel, aber trotz einiger Fehler biss er sich rein. Er braucht jetzt unbedingt Spielpraxis und sollte auch weiterhin erste Alternative für den verletzten Akanji sein.

Joker Brandt und der Unterschied zu den Bayern

In der 57. Minute traf Marius Wolf für den BVB ins Netz, doch mit Hilfe des VAR entschied Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck auf passives Abseits von Jude Bellingham, der in der Sichtlinie von Torwart Riemann gestanden hatte – frustrierend, aber richtig. In der 68. Minute kamen Brandt und Hazard für Dahoud und Wolf. Mo Dahouds Auswechslung war erstmal schwer nachzuvollziehen. Julian Brandt zeigte im Anschluss mal wieder einen Auftritt zwischen – etwas zugespitzt – Genie und Wahnsinn. Doch zum Glück war er in der 85. Minute zur Stelle, als Erling Haaland im Strafraum den Ball behauptete und ihn nach rechts an den langen Pfosten bugsierte, wo Julian aus wenigen Metern volley traf.

Natürlich spielte die Borussia danach auf Sieg und der VfL eher auf Zeit. Natürlich hätten die Gäste den Sieg verdient gehabt. Man muss aber dem VfL auch zugestehen, dass er in den letzten fünf Minuten plus weiteren fünf in der Nachspielzeit stark verteidigte. Besonders frustrierend aus BVB-Sicht sind die Parallelen zur Partie der Bayern gegen Mainz: Auch der Tabellenführer lag 0:1 zurück, konnte das Spiel aber noch drehen und gewann mit mehr Glück als die Schwarz-Gelben 2:1. Das sind eben die Unterschiede und die lagen gestern nicht am Schiedsrichter. Meine Vorhersage, dass die Bayern nun wieder mit 12 Punkten Vorsprung Meister werden, ist schon jetzt nur noch sechs Zähler entfernt.

Am Mittwochabend sollte sich der Abstand jedoch noch nicht vergrößern: Die Borussia reist zum abgeschlagenen Tabellenletzten Greuther Fürth, mit einem ganzen Punkt aus 15 Partien auf dem besten Weg zum Negativrekord in der Bundesliga. Die Fürther haben bekanntlich sogar das Pokalspiel gegen meinen Lokalverein Babelsberg 03 verloren. Da müsste doch ein Auswärtssieg für den BVB drin sein… aber etwas Wertvolles verwetten würde ich darauf auch nicht.

Die Aufstellung: Kobel – Meunier, Hummels, Zagadou, Schulz – Can, Dahoud (68. Brandt) – Bellingham, Reus, Wolf (68. Hazard) – Haaland. Gelbe Karten: Schulz, Hummels, Zagadou. Tor: Brandt

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