Da waren es schon neun

1.Bundesliga, 17. Spieltag / Hertha BSC 3 BVB 2

Nach dem Bayern-Spiel prophezeite ich, reichlich frustriert, eine FCB-Meisterschaft mit zwölf Punkten Vorsprung. Drei Partien später, zur Saison-Halbzeit, sind es bereits neun. Und das liegt nicht an den Schiedsrichtern, sondern daran, dass der BVB ein Team, das zuletzt 0:4 in Mainz verloren hatte, einfach mal 25 Minuten gewähren ließ. Mehr als alles andere muss man dafür die Spieler in Haftung nehmen – Marco Rose sprach anschließend von fehlender „Bedingungslosigkeit“. Doch der Trainer hatte es der Mannschaft mit der Besetzung der Defensive auch nicht leicht gemacht.

Vor der Partie sagte Rose auf Sky, dass Dan-Axel Zagadou nach sieben Monaten Verletzungspause kaputt sei. Tatsächlich hatte „Daxo“ am Mittwoch 90 Minuten gegen Fürth gespielt. Die Lösung des Trainers: In der Innenverteidigung liefen Witsel und Pongracic auf, Zagadou saß auf der Bank, Hummels und Akanji fielen bekanntlich krank bzw. verletzt aus. Fragt sich, wie man sich hier Roses Entscheidungsfindung vorstellen muss. Kam Daxo vor dem Spiel und sagte, er fühle sich nicht fit für einen Startelf-Einsatz? Ansonsten wäre es doch naheliegend gewesen, ihn im letzten Spiel vor der immerhin dreiwöchigen Winterpause nochmal von Beginn an zu bringen und, falls nötig, auszuwechseln. Es lief andersherum: Zagadou saß auf der Bank und wurde nach 72 Minuten eingewechselt. Danach erzielte der BVB noch den Anschlusstreffer und hielt hinten dicht.

Diese Innenverteidigung war nicht alternativlos

Es ist eine schwerwiegende Fehleinschätzung, zu denken, man könne ein Auswärtsspiel mit dem langsamen Witsel und einem Pongracic ohne Spielpraxis bestreiten, gleichzeitig mit den ebenfalls nicht sattelfesten Meunier und Schulz als Außenverteidigern. Sollten sich Spieler oder Arzt gegen einen Einsatz von Dan-Axel Zagadou von Beginn an ausgesprochen haben, hätte Rose sich für eine mutige Alternative entscheiden können. Der in der Saisonvorbereitung positiv aufgefallene Antonios Papadopoulos spielte gestern für die zweite Mannschaft gegen Zwickau im defensiven Mittelfeld (3:1). Primär ist er aber Innenverteidiger. Rückblickend ist vieles einfacher gesagt und ich habe keine Trainingseindrücke. Aber man hätte schon vor der Partie gestern ahnen können, dass fast alles besser gewesen wäre als diese Innenverteidigung, diese Viererkette.

Rant vorbei. Es war zunächst kein schlechtes Spiel der Borussen. Hertha agierte durchaus auch mutig, doch die Schwarz-Gelben hatten mehr vom Spiel. Es gab in der ersten Hälfte Chancen auf beiden Seiten, aber auch hier hatten die Gäste insgesamt mehr vorzuweisen. Vor allem Marco Reus, der einmal mit einem Schuss aus geringer Distanz an Keeper Schwolow scheiterte und zwei Minuten später einen etwas komplizierteren Kopfball knapp vergab. Das 0:1 gelang jedoch Julian Brandt mit einem schönen Chip von links in der 31. Minute, vorbereitet durch Erling Haaland. Es war der mit Abstand beste Beitrag von Brandt zu dieser Partie. Leider folgte nach diesem Geniestreich wieder viel Wahnsinn. Zu viel für einen BVB mit der angesprochenen Defensiv-Besetzung.

In den ersten 25 Minuten der zweiten Halbzeit erhöhte sich die Fehlerzahl bei Schwarz-Gelb dramatisch und Hertha BSC nützte das mit einigen guten Pässen eiskalt aus. Zunächst wurde Thomas Meunier von Darida überspielt und Axel Witsel konnte weder das Laufduell gegen Belfodil gewinnen, noch den Stürmer wirkungsvoll stören. Den anderen beiden Toren gingen schlimme Fehler von Brandt und ein weiterer unglücklicher Abwehrversuch von Witsel voraus. Der Rest der Defensive verhielt sich viel zu passiv. Eine gruselige Phase für die BVB-Hintermannschaft, die so mit Zagadou wohl nicht passiert wäre.

Zu spät aufgerafft

Natürlich hatte es ebenso mit einer gewissen Passivität zu tun, welche die ganze Mannschaft befiel. Aber ohne individuelle Fehler und die fehlenden Mittel auf wichtigen Positionen steht der BVB so eine Phase auch mal durch. Es ging ja wieder, als mit Guerreiro, Wolf, Zagadou und etwas später Tigges neue Impulse kamen. Letzterer erzielte den zweiten Dortmunder Treffer mit einem wuchtigen Kopfball. Von den Spielanteilen her hätten die Gäste am Ende einen Punkt verdient gehabt, aufgrund der dummen Fehler, falschen Entscheidungen und zeitweise passivem Auftreten allerdings eher nicht.

An den Entscheidungen von Schiedsrichter Marco Fritz lag die Niederlage nicht. Auf beiden Seiten nahm der Referee aus Korb nach VAR-Konsultation ein Tor wegen Abseits zurück. Die Entscheidung gegen Haaland war äußerst knapp, aber richtig beschweren muss man sich darüber nicht – es sei denn, man vertritt die Fundamentalopposition gegen den Videobeweis.

Borussia Dortmund wird zu Weihnachten auf Platz 2 der Bundesliga stehen. Eigentlich kann man in diesem Wettbewerb nicht mehr erwarten. Aber die Platzierung mit – je nach Sonntagsspiel – mindestens drei Punkten Vorsprung liegt wesentlich daran, dass die Konkurrenz dahinter noch inkonsistenter ist als der BVB. Nach den letzten drei Partien ist über die Feiertage oder zumindest davor und danach viel Denksport in Trainerstab, Vorstand und Spielerkader gefragt.

Die Aufstellung: Hitz – Meunier (71. Wolf), Witsel (72. Zagadou), Pongracic, Schulz (71. Guerreiro) – Can – Brandt (81. Tigges), Dahoud – Reus (58, Hazard) – Haaland, Malen. Gelbe Karte: Pongracic. Tore: Brandt, Tigges

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