Misserfolge, Verletzungen und viele Fragezeichen wegen Covid

Kein Spiel am Boxing Day, noch nicht mal ein Spiel bis Ende 2021 – die Bolton Wanderers hätten sich den Abschluss eines ereignisreichen Jahres anders vorgestellt. Doch Covid-19 funkte dazwischen. Womöglich waren die Angestellten des Vereins, der einst Bayern München ärgerte, daran nicht ganz unschuldig, aber der Reihe nach. Nach meinem ausführlichen Artikel vom März über die dramatische jüngere Geschichte der „Trotters“ setzten diese ihre grandiose Aufholjagd in der League Two fort und schafften am Saisonende den direkten Aufstieg in die drittklassige League One.

Im Sommer wurden mehrere geliehene, ehemals höherklassig auflaufende Spieler fest verpflichtet und einige weitere sinnvoll erscheinende Transfers getätigt. Und so begann die Saison 2021/22 mit einigem Auf und Ab, jedoch durchaus vielversprechend. Nach sieben Spieltagen waren die Whites Fünfter. Nach zwölf Partien tauchten sie zum letzten Mal unter den Top 10 auf. Zuerst schlug das Verletzungspech zu – seit mehreren Wochen häufen sich nun die Covid-Fälle. Das ist angesichts der Omikron-Variante nicht überraschend, doch der Umfang des Problems stimmt nachdenklich: 14 Spieler und vier Staff-Mitglieder waren zuletzt betroffen. Bereits drei Partien hintereinander mussten verschoben werden.

Es gibt in England einige Proficlubs mit sehr hohen Impfquoten. Beispiele dafür sind etwa die Wolverhampton Wanderers in der Premier League oder Boltons Liga-Konkurrent Morecambe in der League One. Deren Kader sind nach Vereinsangaben durchgeimpft. Ansonsten kursieren Statistiken, die deutlich niedrigere Quoten nahelegen. Eine Woche vor Weihnachten veröffentlichte die English Football League (EFL), der Ligaverband der Spielklassen 2 bis 4, Zahlen, wonach zuvor 69 Prozent der Spieler eine Erstimpfung erhalten hätten. Noch bedenklicher: 25 Prozent der Befragten gaben an, sie wollten sich derzeit nicht impfen lassen.

Das große Schweigen zu Corona

Dem Anschein nach war unter den britischen Vereinen zumindest bis zum Auftauchen der Omikron-Variante eine Laissez-Faire-Haltung gegenüber der Impfung weiter verbreitet als beispielsweise in Deutschland. Es sei letztendlich die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen, hörte man vielerorts – so auch bei den Wanderers. Eine Reihe von Trainern wollte explizit keinen Druck auf die Spieler aufbauen oder auch nur an sie appellieren. Boltons Ian Evatt äußerte im September, er werde jede Entscheidung akzeptieren. Er wies außerdem darauf hin, dass man sich auch als Geimpfter anstecken könne. Werbung für die Impfung kam in den damaligen Aussagen allenfalls in sehr geringer Dosis und gut versteckt vor.

Während nicht wenige andere Vereine zumindest ungefähre Angaben zum Anteil geimpfter Spieler machten, herrschte bei den Whites lange das große Schweigen. Auch aus dem Vorstand gab es keine öffentlichen Empfehlungen an die Angestellten. Was intern gesagt wurde, ist nicht bekannt. Immerhin fungierte das University of Bolton Stadium temporär als Impfzentrum. Insgesamt legte dieses Kommunikationsverhalten nahe, dass die Wanderers bei den Impfungen eher unter dem EFL-Durchschnitt lagen.

Neue Töne vom Trainer

Seit Omikron und den massenhaften Spielausfällen landauf, landab ebenso wie in Bolton scheint sich jedoch etwas zu ändern. In der Mitteilung zu den 18 Corona-Fällen im Verein wurde bekanntgegeben, dass es auch Ian Evatt erwischt habe, obwohl dieser geimpft und geboostert gewesen sei. Letzteres war zuvor in der Öffentlichkeit ebenfalls nicht weithin bekannt gewesen. Evatt geht es gut – und er selbst hat sich in den letzten Tagen gleichfalls transparenter und klarer geäußert – auch was seine Haltung und die des Vereins in der Vergangenheit betrifft:

We have been vocal since day one about it, but obviously it’s a personal choice. (…) In terms of vaccine uptake, I’d want it to be better initially of course.

Bolton News

Inzwischen gäbe es eine „veränderte Dynamik“ und mehr impfbereite Spieler. Einige warteten auf ihre zweiten Dosen. Evatt sprach von einem „signifikanten Wandel“ in der Haltung, laut seinen Mutmaßungen möglicherweise zurückzuführen auf erkrankte Angehörige oder eine eigene Erkrankung. Er führte auch das Positivbeispiel Morecambe aus der eigenen Liga an.

Der Trainer geht aber noch weiter. Aufgrund einiger Verletzungen und Baustellen im Kader plant er die ein oder andere Veränderung in der kommenden Transferphase. Und stimmt mit Jürgen Klopp darin überein, dass der Impfstatus eines Spielers eine Rolle bei der Entscheidung über eine Verpflichtung spielen könnte. Nicht aus moralischen Gründen, sondern einfach, um eine größere Chance zu haben, dass der Neue unmittelbar und längerfristig weiterhelfen kann. Die vergangenen Spielausfälle waren nicht nur für Evatt, sondern für den ganzen Verein sehr schmerzhaft – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Die Partien über die Feiertage sind bekanntlich stark nachgefragt bei den Fans und Zuschauern, insbesondere das Spiel am 26. Dezember, dem Boxing Day.

Keine Wetten, bitte!

Allen Fans und Sympathisanten, die sich in Sachen Covid nicht auf Abwegen befinden, dürften die neuen Töne aus dem „Unibol“ Stadium gut tun. Schließlich gab es 2021 viel Positives von dort zu berichten, was zuletzt etwas unterzugehen drohte. Neben dem Offensichtlichen, dem Aufstieg, wusste auch die Vorstandsvorsitzende Sharon Brittan weiterhin zu überzeugen. Frauen in ihrer Position sind auch in englischen Fußballvereinen eine kleine Minderheit. In den Medien äußerte sich Brittan zuletzt eher selten – bis sie vor zwei Wochen auf dem Youtube-Kanal einer Beratungs- und Buchprüfungsfirma ein Interview gab, das sehr positiv aufgenommen wurde.

Ein positiver Move war auch das Aus für Sponsoren aus der Wett- und Glücksspielbranche, soweit das in der Macht des Vereins liegt (die EFL hat weiterhin eine Vereinbarung mit einem Wettanbieter). Im eigenen Stadion wird es zudem keine Stände von Wettanbietern mehr geben. Was könnte man sich außer einem guten sportlichen Lauf und noch mehr Common Sense in Sachen Covid noch wünschen? Vielleicht den Neuaufbau einer eigenen Frauenmannschaft. Im Mädchenfußball sind die Bolton Wanderers aktiv, doch das Frauenteam hatte sich 2020 als „Bolton Ladies“ selbstständig gemacht und vom Verein getrennt. Doch dieser andere Club hat inzwischen aufgegeben, so dass sich derzeit in Bolton eine Lücke auftut. Das Geld ist bei den Wanderers sicher nicht im Übermaß vorhanden – doch könnte man nicht unterklassig anfangen? Hoffentlich braucht es nur noch ein wenig Geduld – als BVB-Fan musste man die ja auch 112 Jahre haben.

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