Was der BVB jetzt tun müsste…

… aber größtenteils nicht kann. Auf der einen Seite ist es paradox: Da ist Borussia Dortmund mit fünf Punkten Vorsprung Zweiter und im Pokal haben die Schwarz-Gelben ebenfalls gute Karten. Aber trotzdem reden wir – nicht nur hier – davon, was alles besser werden muss. Denn das ist nun mal das Los als vermeintlich zweite Kraft in Deutschland: Schon wieder neun Punkte Rückstand auf die Bayern und das vorzeitige Aus in einer machbaren Champions League-Gruppe kannst du schwer als vollen Erfolg verkaufen. Und schon am Samstag geht es weiter: Die Schwarz-Gelben fahren nach Frankfurt – zur Eintracht, die sich zum Ende der Hinserie auf den sechsten Platz vorgearbeitet und wettbewerbsübergreifend in den letzten zehn Partien nur einmal verloren hat. Was muss, was kann die Borussia ändern, um in Liga, Pokal und Europa League auf Kurs zu bleiben?

Schneller werden

Der BVB hat schnelle Spieler in seinen Reihen. Allen voran in seiner Verbindung von Geschwindigkeit und Effektivität natürlich Erling Haaland. Aber auch Giovanni Reyna und Youssoufa Moukoko können mit ihrer Top Speed punkten – wenn sie denn fit sind. In der Offensivabteilung stehen weitere Akteure, die so manchem Gegenspieler davonlaufen können. Das Problem: Wichtigen Defensivleuten passiert es auch mal, dass ihnen jemand davonläuft. Mats Hummels, der ohnehin keine fehlerfreie Hinserie spielte, ist nicht (mehr) der Schnellste. Axel Witsel ist in der zügigen Rückwärtsbewegung immer wieder überfordert. Die Außenverteidiger Schulz und Meunier schaffen es nicht, schnell genug zurückzulaufen und dann noch entscheidend eingreifen zu können, ob auf dem Flügel oder weiter innen.

Die Lösung? Schwierig. Die Genannten werden nicht mehr schneller. Ob Manuel Akanji nach seiner kleinen Knieoperation schon in Frankfurt wieder zur Verfügung steht, ist trotz seiner Anwesenheit beim Trainingsauftakt am Dienstag zweifelhaft. Dan-Axel Zagadou sitzt mit Corona in Dubai fest. In der Außenverteidigung bestünde ohnehin Verstärkungsbedarf. Wie sich die personelle Situation in der Innenverteidigung darstellt, werden die Herren Zorc, Kehl, Rose und Watzke wohl erst im Lauf der Rückserie evaluieren. Transfers im Januar sind angesichts der Rückkehr der Geisterspiele ohnehin nur unter gewissen Umständen vertretbar. Die Alternative, defensiver und abwartender aufzutreten oder zumindest nicht mehr so hoch zu stehen, widerspricht dem, was sich der BVB und Marco Rose auf die Fahnen geschrieben haben.

Kaderumbau forcieren

Ein neuer Trainer braucht einen neuen Kader. – Von dieser Idee müssen sich Fans aller Clubs, die keinem superreichen Milliardär oder gar Staat gehören, gleich verabschieden. Einen Kader ganz auf den Mann oder die Frau auf der Trainerbank zuzuschneiden ist unrealistisch und für 99 Prozent der Vereine schon finanziell nicht möglich. Es macht aber auch sportlich nur begrenzt Sinn, denn die meisten Trainer sind nach wenigen Jahren wieder weg – wegen Misserfolg oder zu großem Erfolg. Insofern kann man es Borussia Dortmund eigentlich nicht vorwerfen, dass Spieler das schwarz-gelbe Trikot tragen, die nicht unbedingt zu Marco Roses Spielstil passen.

Eigentlich. Denn natürlich ist die angestrebte Idee vom Fußball Dortmunder Art offensiv geprägt. Der Verein oder zumindest die für den Profifußball zuständige KGaA vertritt dieses Credo seit Jahren mehr oder weniger offensiv. Schneller Angriffsfußball, hohes Pressing, frühe Ballgewinne – beim BVB hätten das die Verantwortlichen in den letzten Jahren stets unterschrieben. Auch wenn Lucien Favre mehr Wert auf Ballbesitz legte – der Club ist nicht von der Leitidee abgerückt. Deshalb darf man natürlich schon Fragezeichen hinter den ein oder anderen getätigten Transfer setzen oder zumindest anregen, dass es mal wieder Zeit für ein paar Veränderungen wäre.

Ein Kaderumbau wird höchstens Schritt für Schritt zu machen sein und von diesem Januar darf man – noch mitten in der Pandemie – nicht viel erwarten. Spieler wie Nico Schulz, Felix Passlack oder Axel Witsel würde die Borussia wohl ziehen lassen – weil sie nicht (mehr) die nötige Qualität haben oder nicht zum praktizierten Spielstil passen. Auch Roman Bürki dürfte gehen, weil er nur noch dritter Torwart ist und dafür zu viel Gehalt bekommt. Das Problem ist, dass diese vier nicht einfach zu vermitteln sein werden. Am ehesten könnte es aufgrund seines Rufs bei Witsel klappen. Bei den anderen könnte es an den Gehaltsforderungen scheitern – wobei das zugegebenermaßen recht spekulativ ist. Der BVB kann nur guten Gewissens agieren, wenn er einen oder mehrere Profis abgibt. Nach dem wahrscheinlichen Haaland-Abgang im Sommer wird Schwung in die Sache kommen – vermutlich ohne dass der BVB dann am Ende auf eine sportlich positive Transferbilanz verweisen kann.

Individuelle Fehler vermeiden

Die dritte Sache, die leichter gesagt als getan ist. Doch man muss zumindest versuchen, an der Fehlervermeidung zu arbeiten. Mit Videostudium, auf dem Trainingsplatz und wohl auch mit dem Mentalcoach. Manches ist eine Qualitätsfrage – so ist etwa Thomas Meunier links hinten wohl doch nicht der Allrounder, auf den man gehofft hatte. Der Belgier kann viel, aber eben nicht in höchstem Tempo und in der Rückwärtsbewegung. Das größte Rätsel bei Schwarz-Gelb bleibt wohl Julian Brandt. Lange redeten alle Beobachter davon, dass er sich nun endlich nachhaltig gesteigert habe. Dann kam zum Hinrundenabschluss Berlin – und ehrlich gesagt waren es nicht die ersten vermeidbaren Fehlpässe der Saison, die Julian dort spielte. Kann man dem „schlampigen Genie“ irgendwie seine Schlamperpässe austreiben? Ich weiß es nicht und frage mich, ob es Marco Rose und sein Team wissen.

Natürlich müsste man jetzt noch weitere Spieler nennen: die schon erwähnten Mats Hummels und Axel Witsel, Emre Can, auch Dan-Axel Zagadou, obwohl ich weiterhin überzeugt bin, dass der mit der nötigen Spielpraxis und Fitness noch ein wichtiger Akteur des künftigen BVB werden kann. Über Spieler aus der zweiten Reihe wie Schulz und Passlack brauchen wir in dem Zusammenhang nicht zu reden. Die Crux ist: Es gab zu viele individuelle Fehler von zu vielen verschiedenen Spielern.

Verletzungen vermeiden

Zugegeben, das klingt jetzt schon fast albern, aber es dient der Argumentation. Selbstverständlich hat es eine Rolle gespielt, dass der BVB im Lauf der Saison immer wieder auf wichtige Spieler in größerer Zahl verzichten musste. Marco Rose hatte selten die Möglichkeit, rein nach gezeigter Leistung aufzustellen. Ob es eine Möglichkeit gibt, über eine andere Belastungssteuerung, andere Trainingsinhalte oder Fitnessprogramme etwas an der Zahl der Verletzten zu ändern? Das kann von außen niemand seriös beantworten. Den Verantwortlichen ist die Situation natürlich bewusst und ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesem Bereich etwas Offensichtliches grundlegend falsch läuft.

Fazit

Es tut ein bisschen weh, das zu schreiben, aber scheinbar kann Borussia Dortmund an der jetzigen Situation nur sehr bedingt etwas ändern. Vielleicht muss man sie so akzeptieren, wie sie ist. Große Fehler der handelnden Personen sind jedenfalls nicht zu entdecken oder nur schwer an einem oder einigen wenigen Verantwortlichen festzumachen. Die Spieler mal ausgenommen, die natürlich zuvorderst für das verantwortlich sind, was auf dem Platz geschieht. Marco Rose hat einen positiven Eindruck hinterlassen, mit wenigen Ausnahmen wie seiner Aufstellung in Berlin.

Geschwindigkeitsdefizite, der zur Verfügung stehende Kader, Fehler und Verletzungen sind wenn, dann nur graduell und/oder längerfristig veränder- bzw. behebbar. Es ist zweifellos frustrierend. Nicht unbedingt die aktuelle Saison – über die könnte man aufgrund von Verletzungen und Pandemie hinwegsehen. Außerdem ist durchaus noch ein Titel drin. Allerdings müsste sich der BVB nach dem wahrscheinlichen Haaland-Abschied im Sommer mal wieder neu erfinden – und dafür sehe ich gerade wenig Anzeichen und Möglichkeiten.

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