5:1 – Besuch vom Lieblingsgegner

1.Bundesliga, 19. Spieltag / BVB 5 SC Freiburg 1

Manche BVB-Fans finden den SC Freiburg ok, aber unbedeutend. Sie würden lieber häufiger gegen den HSV, den Effzeh Köln oder die Blauen spielen – wegen der Tradition, den größeren Fanszenen. Für mich ist das ein Aspekt, aber nicht der entscheidende. Ich finde die Überheblichkeit gegenüber ‚kleinen‘ Vereinen fehl am Platz – zumindest, wenn jene es durch gute, ehrliche Arbeit in die Bundesliga geschafft haben. Auf keinen Club trifft das mehr zu als auf den SCF. Was gibt es da nicht zu mögen: Trainer, die eine Ära prägen. Starke Jugendarbeit, die für den Nachwuchs nicht selten in der ersten Mannschaft endet. Die Verbindung von sportlichem Ehrgeiz und Bescheidenheit. Ich gönne den Breisgauern jeden Erfolg. Aber natürlich ist es auch schön, dass es für sie im Westfalenstadion seit vielen Jahren nichts zu holen gibt – selbst in einer Spielzeit, in der für den Sportclub sogar die Champions League-Plätze noch in Reichweite sind.

Ob es da ein metaphysisches oder psychisches Element gibt, weswegen die Rot-Schwarzen irgendwie nicht in Dortmund gewinnen können, oder ob es einfach mit der Spielweise zu tun hat, sei mal dahingestellt. Der SCF ist die zweitfairste Mannschaft der Saison (nach dem FCB), hat bisher 19 Gelbe Karten und noch keinen Platzverweis zu verzeichnen. Die Borussia steht in dieser Statistik in 2021/22 nur auf Platz 14.

Ecken mit Toren

Bleiben wir bei den gestern sichtbaren Fakten. Der BVB machte vieles sehr gut und verbesserte sich in entscheidenden Punkten gegenüber der bisherigen und den vorherigen Spielzeiten. Zwei Tore nach Ecken gab es laut Sky zuletzt vor acht (oder sieben) Jahren gegen Augsburg. Beide erzielte Thomas Meunier und besonders das 1:0 war beeindruckend: Thomas lief bei der Ecke von rechts nach links durch den Strafraum, erwischte den Ball jenseits des langen Pfostens und köpfte ihn zurück aufs Tor. Die Schwarz-Gelben haben offensichtlich an ihren Ecken gearbeitet. Schließlich sind Standards offensichtlich eine wichtige Option gerade gegen defensiv stabile Teams. Was der Sportclub gestern nicht immer war.

Die Borussia hatte die Partie über weiter Strecken, speziell in der ersten Halbzeit, völlig im Griff. Das hatte wesentlich mit einer weiteren Verbesserung zu tun: Man war schnell in den Zweikämpfen. Ob nach Ballverlusten – die durchaus vorkamen – oder beim ganz frühen Pressing durch die Angreifer: Die Schwarz-Gelben wollten ihr Spielzeug so schnell wie möglich wieder haben. Die teils zu passive Haltung der letzten Wochen und Monate war nicht mehr zu erkennen. Natürlich hatte das auch damit zu tun, dass die Freiburger mit den aggressiven Hausherren nicht zurechtkamen. Sie fanden nicht die Anspielstationen, um dem schwarz-gelben Dauerdruck zu entkommen.

Erst in der zweiten Hälfte, für gut 20 Minuten, wurde das Spiel offener. Den Freiburgern gelangen einige Kombinationen, Kobel musste ein paar Mal eingreifen. Allerdings war der BVB unterdessen nicht passiv, sondern hielt dagegen. Außerdem stand es schon zur Pause 3:0, denn Erling Haaland überwand seine kurze Torflaute und traf später auch noch zum 4:1. Klar, dass die Borussia das enorm aktive Spiel der ersten 45 Minuten nicht durchgehend über 90 durchhalten konnte. Aber es gab eben keinen Einbruch, auch keinen vorübergehenden, trotz des Freiburger Aufbäumens und des Gegentreffers. Wichtig war dabei die Zentrale: Keiner der drei im Mittelfeld leistete sich größere Aussetzer. Bellingham, Brandt und der Torschütze und Vorbereiter Dahoud trieben das Spiel nach vorne. Generell war mehr Zug drin beim BVB, inklusive schöner Passstafetten in der gegnerischen Hälfte.

Nachspiel um Haaland

Tore nach Standards, viel mehr Präsenz in den Zweikämpfen, fünf Treffer insgesamt – es war ein toller Tag für Schwarz-Gelb, wenn auch vor nur 750 Zuschauern im Stadion. Bleibt die Frage nach der Nachhaltigkeit – da kommt man als langfristiger Beobachter nicht drum herum. Ich traue Marco Rose und seinem Team zu, dass sie das Team spielerisch Schritt für Schritt verbessern. Leider müssen wir dabei zwischendurch Rückschritte einkalkulieren. Vorschnelle Urteile waren vor Weihnachten so wenig angebracht wie heute.

Gesprächsthema nach der Partie waren aber auch die Äußerungen von Erling Haaland gegenüber einem norwegischen Streaming-Sender und dessen bekanntem Mitarbeiter Jan-Aage Fjörtoft. Er verspüre Druck vom BVB, sich hinsichtlich seiner Zukunft zu entscheiden, sagte der Torjäger. Er wolle „eigentlich nur Fußball spielen“. Weil er das mit vielen anderen Gedanken im Kopf nicht so gut könne, werde es nun demnächst eine Entscheidung geben. Wie die ausfallen wird, scheint klar: Jeder, der sich Illusionen hingegeben hat, wird enttäuscht werden. Es schien immer sehr unwahrscheinlich, dass jemand, der solche Qualität, eine 75- bis 80-Millionen-Ausstiegsklausel im Vertrag und Mino Raiola als Berater hat, beim BVB bleiben könnte. Die Haaland-Seite versucht nun, der Borussia eine Mitschuld am Unausweichlichen zuzuschieben. Doch es ist klar, dass der Verein eher früher als später eine Entscheidung braucht, um planen zu können. Daran ist nichts ungewöhnlich oder verwerflich. Dass der Druck von Vereinsseite übertrieben war, ist ebenfalls zu bezweifeln.

Die Aufstellung: Kobel – Meunier (75. Wolf), Can (46. Akanji), Hummels, Guerreiro (71. Schulz) – Brandt, Dahoud, Bellingham (84. Witsel) – Reus (71. Hazard), Haaland, Malen. Gelbe Karten: Brandt, Haaland. Tore: Meunier (2), Haaland (2), Dahoud

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