Pokal-Aus: Sisyphos Rose und der verpasste Serienstart

DFB-Pokal, Achtelfinale / FC St. Pauli 2 BVB 1

Man kann mitfühlen mit Marco Rose: Da steht er nach der Pokalpleite am Millerntor im ARD-Interview Rede und Antwort und so ziemlich das Einzige, was ‚Experte‘ Bastian Schweinsteiger zu den Schwarz-Gelben einfällt, ist, dass sie mehr Typen bräuchten, die auch mal den Mund aufmachen – so wie Thomas Müller bei den Bayern. Die, worauf Rose hinwies, im Pokal mit 0:5 an Gladbach gescheitert sind – übrigens mit Thomas Müller. Das Gespräch blieb eher kurz und inhaltlich substanzarm, natürlich auch wegen der Enttäuschung des BVB-Trainers. Die Crux sprach Rose aber schon an: Man schaffe es einfach nicht, eine Serie zu starten.

Die Borussia hatte in Frankfurt die nötige „Haltung“ gezeigt und gegen Freiburg eindeutige Verbesserungen erkennen lassen. Doch es bleibt dabei: Die Entwicklung ist nicht nachhaltig. Klar ist es schwer, wenn man gegen den Tabellenführer der 2. Bundesliga, der in der gestrigen Form allemal das Format für die höchste Spielklasse hat, in Rückstand gerät. Ohne eigene Fans auf anscheinend schwerem Boden gegen ein defensivstarkes Team. Doch der BVB hatte noch 86 Minuten Zeit und nutzte sie nicht entsprechend seiner Ansprüche.

Das 1:0 darf so nie fallen und offenbarte einen riesigen Kontrast zum aggressiven Auftreten gegen Freiburg. Auf der rechten Seite standen vor der verhängnisvollen Flanke zwei bis drei Hamburger fünf bis sechs Dortmundern gegenüber. Keiner der Schwarz-Gelben ging im entscheidenden Moment energisch in den Zweikampf. Ein Tackling/ein Zweikampf ist zwar nicht immer das beste Mittel des Defensivspielers, wenn er eins gegen eins steht, doch bei einer solchen Überzahl hätte ein Borusse problemlos aktiv werden können, um die Hereingabe zu verhindern. Doch die kam, in der Mitte waren Reus und Akanji auf sich gestellt und nicht in der Lage, den Torabschluss von Amenyido zu verhindern. Die Mannschaft offenbarte die gleiche Passivität wie früher, die gegen den SCF überwunden schien.

Nicht geschockt, aber uninspiriert

Es war nicht so, dass sich der BVB anschließend geschockt zeigte: Die Gäste kamen ins Spiel und hatten bald ihre Chancen. Hazard und Reus scheiterten an St. Paulis Keeper Smarsch, obwohl sie weitgehend freie Bahn hatten. Vor allem Reus machte es zunächst gut, enttäuschte aber im Abschluss mit einem zu zentralen Lupfversuch. Erling Haaland schoss nach der folgenden Ecke über das Tor. Es war einer von drei Schüssen des Norwegers, der zudem laut Fotmob die wenigsten Ballkontakte aller Feldspieler hatte, die 90 Minuten auf dem Platz waren. Keine grundsätzlich ungewöhnliche Statistik für eine klassische Nummer 9, aber normalerweise spielt Haaland für den BVB eine darüber hinausgehende Rolle. Was übrigens ziemlich nervt: die überraschenden Hinweise von TV-Kommentatoren, dass Erling unzufrieden aussieht, wenn es nicht läuft.

Das Problem der Borussia während des restlichen Spiels: Vorne wurde es nicht mehr überraschend und kaum noch gefährlich. Dafür hinten, als eine erneute Flanke von rechts von Axel Witsel ins eigene Tor befördert wurde. Somit nutzten die Gastgeber zwei von drei zielgenauen Flanken. Der BVB blieb bei der gleichen Anzahl ohne Erfolg, was natürlich auch mit der Besetzung des Strafraums zu tun hat. Beim 2:0 hätte womöglich ohne Witsels Eingreifen Amenyido erneut getroffen.

Lassen wir das Eigentor beiseite, bleibt die Spielbilanz für Axel Witsel dennoch bescheiden. Ob nun die Spielweise des BVB nicht zu ihm passt oder es doch an nachlassender individueller Qualität liegt: Sein Beitrag daran, dieser Partie noch eine Wende zu geben, war gering. Von allen BVB-Feldspielern, die 90 Minuten auf dem Platz waren (Moukoko kam erst in der 90. für ihn), hatte Witsel nach Erling Haaland die geringste Anzahl zielgenauer Pässe in der gegnerischen Hälfte aufzuweisen (26) – bei einer Passquote von 95 Prozent. Selbst die Innenverteidiger Hummels und Akanji hatten mehr. Das allein ist kein hinreichender Beweis, aber es deutet auf das hin, was für regelmäßige Beobachter auch ohne Zahlen zu erkennen ist: Axel Witsel ist nicht ausreichend Faktor im Aufbau- und Offensivspiel der Schwarz-Gelben. Es war deutlich zu merken, dass der BVB gegenüber letztem Freitag den nicht im Kader stehenden Mo Dahoud vermisste.

Starker Gegner, später Wechsel

Ich bin kein Datenfreak. Ich greife dann gerne auf Daten zurück, wenn sie etwas zur Erklärung beitragen können. Vor allem, wenn es ohne sie schwer erklärbar ist. Warum tat sich der BVB offensiv so schwer gegen eine Zweitligamannschaft? Womöglich auch, weil die wenigen kreativen Ansätze nicht sonderlich erfolgreich waren: Von 22 versuchten Dribblings gelangen den Schwarz-Gelben nur sieben; eins mehr als den Gastgebern bei sieben Versuchen. Alle Fakten deuten aber auch darauf hin, dass der FC St. Pauli bärenstark verteidigt hat. Vor allem im und um den Strafraum waren sie fast immer zur Stelle, zur Not in Form von Keeper Smarsch. Klar stand St. Pauli oft tief – es gab aber auch Phasen, in denen sie für Entlastung sorgen konnten.

Will man Marco Rose etwas ankreiden, dann könnten es die späten Wechsel sein. Die haben bei Borussia Dortmund eine gewisse Tradition, die Rose nun fortsetzt. Malen für Hazard in der 65. Minute geht in Ordnung und der Niederländer sorgte ja auch für ein bisschen Schwung. Aber bis zur 90. Minute zu warten, um mit Moukoko auch personell voll auf Offensive zu setzen – das ist trotz der Erfahrung von Frankfurt reichlich spät.

Borussia Dortmund ist aus dem zweiten Wettbewerb ausgeschieden, dem man große Bedeutung beigemessen hat. Der spätestens nach dem Bayern-Aus leichteste Weg zum Titel ist zu Ende. Das wird Spuren hinterlassen und am Ende die Saisonbilanz empfindlich trüben. Der BVB bleibt sich selbst ein Rätsel – das war auch Marco Roses Worten zu entnehmen, die man natürlich so kurz nach dem Spiel nicht überbewerten darf. Eins scheint klar: Die Schwarz-Gelben haben weniger Spieler, die nachhaltig einen Unterschied machen können, als geglaubt. Selbst ein einstiger Hoffnungsträger wie Raphael Guerreiro ist, natürlich auch verletzungsbedingt, nicht mehr der Alte. Und vor allem hinsichtlich der Defensive wie der Defensivarbeit muss man sich grundsätzliche Gedanken machen.

Die Aufstellung: Kobel – Meunier, Akanji (76. Zagadou), Hummels, Guerreiro – Brandt, Witsel (90. Moukoko), Bellingham – Reus, Haaland, Hazard (65. Malen). Tor: Haaland (EM)

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