Sind hier die guten Investoren?

Der Krieg in der Ukraine und die aus ihm folgenden Sanktionen gegen russische Oligarchen wie Roman Abramowitsch haben in England eine Debatte verstärkt, die durchaus schon geführt wurde, aber noch nicht mit der nötigen Intensität: Welche Voraussetzungen sollte der Besitzer/die Besitzerin eines Fußballklubs erfüllen müssen und wie sollten die Besitzverhältnisse generell strukturiert sein? Der Fall Newcastle United und noch mehr die jetzige Ungewissheit um Chelsea könnten – bei all den schrecklichen Hintergründen – den positiven Effekt haben, dass diese Diskussion nun unwiderruflich in Gang kommt.

Gibt es noch das „gute Geld“ im englischen Fußball? Bekanntlich existieren im Mutterland des Sports im Profibereich schon lange ganz andere Strukturen als in der deutschen Bundesliga oder gar im hiesigen Vereinswesen. Doch inzwischen ist auch der wohlhabende und -wollende, aus der Region stammende Klubbesitzer früherer Prägung rar. Die Besitzverhältnisse in den oberen Ligen sind internationaler geworden; eine Affinität zum Heimatort eines Vereins müssen viele Klubführungen erst von sich aus herstellen. Manche überzeugen dabei, manche weniger.

Ein Amerikaner für Auf- und Abstieg

Nach der lang geplanten und schnell gescheiterten European Super League stieg auch die Skepsis gegenüber US-amerikanischen Investoren im Allgemeinen und jenen von Liverpool und Manchester United im Besonderen. Es hieß, sie verstünden das europäische Fußball-Modell mit Auf- und Abstiegen sowie lokal verwurzelten Vereinen nicht. Doch das wäre eine Pauschalisierung. Brett Johnson ist seit einem knappen Jahr einer der führenden Köpfe hinter dem traditionsreichen Drittligisten Ipswich Town. Seine Meinung zu den genannten Themen fällt eindeutig aus. Kurz nach der Übernahme von Ipswich durch das Konsortium Gamechanger 20 Ltd vor knapp einem Jahr gab der daran beteiligte Johnson CBS Sports ein Interview. Dort skizzierte er seine Idealvorstellung, wie sich ein Verein und die Bewohner in der Umgebung gegenseitig unterstützen und inspirieren können. Und erteilte allen Modellen à la Super League eine klare Absage:

One of the many things I love about owning a club in England – and I’ve owned a club through my partnership with Jordan Gardner in Denmark with Helsingor – is that I am a huge advocate of promotion and relegation. I believe strongly in that model.

CBS Sports

Brett Johnson war Investmentbanker, CEO einer Laptoptaschen-Firma und Gründer eines Investment-Fonds. 2015 stieg er in Phoenix, Arizona, beim lokalen Fußballverein ein. Ein neuer Name wurde gefunden – Phoenix Rising FC – und ein neues Stadion gebaut – beides Dinge, die in Ipswich nicht zu befürchten sind. Johnson ist sich der Fußball-kulturellen Unterschiede wie erwähnt bewusst. Phoenix Rising spielt in der United Soccer League Championship – eine Art zweite Liga in den USA, allerdings ohne Aufstiegsmöglichkeit in die Major League Soccer. So können die erfolgreichen Vereine dort nur Lobbyarbeit für eine Aufnahme in die MLS betreiben.

Mit Hilfe eines Pensionsfonds in die Premier League?

Johnsons Partner bei der Gründung von Phoenix Rising, Berke Bakay und Mark Detmer, sind auch bei Gamechanger 20 und somit Ipswich mit im Boot. 90 Prozent der Anteile am Konsortium gehören allerdings ORG Portfolio Management, vertreten durch Edward Schwartz. Die von diesem Unternehmen investierten Gelder kommen aus dem Pensionsfond des US-Staates Arizona. Anlagen für die Altersversorgung, die in einen englischen Drittligisten gesteckt werden – das ließ vor einem Jahr viele aufhorchen. Die Beteiligten erklären das mit der Langfristigkeit des Engagements. Eine kurzfristige Rendite wird nicht erwartet, aber natürlich soll es irgendwann in die Premier League gehen – eine Hoffnung, die bei einem ehemaligen UEFA-Pokalsieger auch andere haben.

Machen diese Investoren wirklich etwas anders und besser? Zweifelsohne ist der Ansatz umfassender als bei manch anderem Verein – was aber auch daran liegt, dass Vorbesitzer Marcus Evans einiges hatte schleifen lassen. Die Neuen haben die gemeinnützige Stiftung des Klubs gestärkt und je ein Mitglied der Männer- und Frauenmannschaft in den Stiftungsvorstand berufen. Im und am Stadion Portman Road sind Verbesserungen geplant – zunächst mal eine neue Videotafel und frische Trainerbänke. Es sind notwendige, wenn auch keine riesengroßen Schritte – doch dafür wird nun scheinbar gleichzeitig seriös und progressiv gearbeitet.

In der ebenfalls drittklassig spielenden Frauenmannschaft gibt es inzwischen einige Profis. Das Team führt die Tabelle der Women’s National League Southern Premier Division an – allerdings hat der größte Konkurrent Southampton noch mehr Spiele zu absolvieren. Die Männermannschaft schaffte es in den ersten Monaten unter der neuen Klubführung – als CEO kam Mark Ashton vom Zweitligisten Bristol City, als Trainer schon kurz vor dem Deal Paul Cook, ehemals Wigan Athletic – nicht in die Play-Offs der League One. Im Sommer folgte ein großer Umbruch im Kader mit 19 neuen Spielern und 20 Abgängen. Cook gelang es in der Folge nicht schnell genug, eine schlagkräftige Mannschaft zu formen. Der Saisonstart war miserabel, der Aufwärtstrend danach verstetigte sich nicht. Und so musste „Cookie“ den Mechanismen des Geschäfts entsprechend im Dezember gehen.

Lieber Ipswich als Rangnick

Eines muss man CEO Ashton nach dem alles andere als perfekten Jahr 2021 lassen: Er traut sich weiterhin, etwas Neues zu probieren. Auf den 55-jährigen, erfahrenen Cook, der vor den „Tractor Boys“ bereits sieben Vereine trainiert hatte, folgte in Kieran McKenna ein 35-Jähriger, der zuvor nur als Assistent und im Nachwuchsbereich gearbeitet hatte. Dafür allerdings seit 2016 bei Manchester United. McKenna wurde als moderner Trainer mit klaren Vorstellungen, aber auch dem nötigen Maß an Flexibilität geholt. Die Rechnung ist zum großen Teil aufgegangen: In bisher 15 Ligapartien unter dem Nordiren gab es neun Siege und vier Unentschieden, was einem Punkteschnitt von 2,07 entspricht. Auch wenn in dieser Saison der Kampf um die Play-Off-Plätze in der drittklassigen League One ein harter ist, hätte man mit diesem Schnitt über die ganze Spielzeit hinweg beste Aussichten darauf. Und könnte sogar um die beiden direkten Aufstiegsplätze mitspielen.

In der Realität stellt sich die Lage jedoch so dar, dass Ipswich nach 38 von 46 Spielen als Neunter sechs Punkte Rückstand auf Platz 6 hat – und drei Konkurrenten noch eine Partie mehr in der Hinterhand haben. Es wird also kompliziert – und dennoch ist die Stimmung unter den Fans so gut wie lange nicht mehr. Ein junger, progressiver und erfolgreicher Trainer sowie eine Klubführung, die zumindest abseits vom Sportlichen bisher alles richtig macht – da könnte man sich selbst mit einer weiteren Saison in der Drittklassigkeit anfreunden. Nur ein paar Tore mehr dürften es bis zum Ende der laufenden Spielzeit noch sein. Nicht hilfreich ist dabei ganz aktuell das wahrscheinliche Saison-Aus des unter Paul Cook noch abgeschriebenen, aber zuletzt wieder aufblühenden Angreifers Kayden Jackson. Und der nächste Gegner hat es ebenfalls in sich: Es geht zum Viertplatzierten Oxford United, der seine letzten fünf Ligaspiele gewonnen und dabei 15 Tore erzielt hat.

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