Turbulent und erfolglos: BVB verliert gegen Nachbarn

1.Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 3 VfL Bochum 4

Ob man es nun „Ruhr-Derby“ nennen darf oder will: Aufregend wie ein echtes Nachbarschaftsduell war die Partie gegen den VfL Bochum schon. Sieben Tore, davon drei per (Hand-)Elfmeter, doppelter Führungswechsel – für alle neutralen Zuschauer war es ein schönes Spektakel. Die Bochumer durften nach dem unerwarteten Auswärtssieg sogar den Klassenerhalt feiern. Die Schwarz-Gelben dagegen wurden von der Mehrheit der sich bemerkbar machenden Fans auf der Südtribüne ausgepfiffen. Das mag angesichts vieler Chancen und der unglücklichen Niederlage hart erscheinen – bedenkt man jedoch den Gegner und den Kontext dieser Saison, sind die Reaktionen wenig überraschend.

4,19 zu 1,76 Expected Goals für den BVB – die Gastgeber dominierten die Partie. Allerdings erst nach einer Anfangsphase, in der man sich mal wieder von einem aggressiven, früh störenden Gegner überrumpeln ließ. Und am Ende war die Dominanz nicht groß genug, um den sich nach dem Rückstand wieder aufbäumenden Gast unter Kontrolle zu behalten. Aus schwarz-gelber Sicht hatte die Begegnung zwei dicke Haken: Die notdürftig besetzte Defensive ließ gegen einen Aufsteiger im Westfalenstadion vier Gegentreffer zu. Und die stark besetzte Offensive nutzte mehrere Großchancen nicht.

Abwehrschnitzer und Transferfehler

Die Abwehr ist in dieser Spielzeit das Hauptproblemfeld – oder zumindest Hauptgesprächsthema. Mit 50 Gegentoren rangiert man in der entsprechenden Statistik auf Platz 10 der Liga, gemeinsam mit dem Siebzehnten der Gesamttabelle, Arminia Bielefeld. Natürlich wurde die Defensive – wie auch andere Mannschaftsteile – von verletzungsbedingten Ausfällen beeinträchtigt. Gestern spielten mit Wolf, Akanji, Zagadou und Guerreiro drei von vier Akteuren auf ihren Stammpositionen. Beim 0:1 bekam Guerreiro im Vorfeld einen leichten Schubser und Akanji rutschte aus. Ersteres musste man nicht pfeifen, Letzteres war natürlich Pech – trotzdem hatte der BVB in dieser Szene schlecht verteidigt. Das 0:2 durch Holtmann war ein toller Schuss, für dessen Einschlag im Tor man Keeper Marwin Hitz nicht verantwortlich machen kann. Aber dennoch bleiben leichte Zweifel, wenn Kobels Ersatzmann von sechs zielgenauen Schüssen aufs Tor nur zwei halten kann – selbst wenn ein Elfmeter dabei war.

Seit gestern muss man außerdem wirklich hoffen, dass die Borussia bei der Transferpolitik nicht wieder falsche Prioritäten setzt und gewisse Positionen vergisst. Klar, Süle ist und Schlotterbeck wäre schön für die Innenverteidigung. Aber Marius Wolf ist nur offensiv eine Alternative zu einem „echten“ Außenverteidiger. Und auch Rafa Guerreiro lässt nach seinen ganzen Muskelverletzungen im Abwehrverhalten viel vermissen, wirkt insgesamt nicht taufrisch. Wie Mateu Morey im Sommer zurückkommen wird, ist ungewiss und Thomas Meunier ist bei allem Respekt auch nicht der, den wir uns erhofft hatten. Felix Passlack durfte gestern nach 63 Minuten mal wieder ran, wurde aber offensiver eingesetzt und ist ebenfalls keine Alternative gegen gehobenes Bundesliga-Niveau. Hoffen wir, dass Sebastian Kehl nicht die Fehler seines Vorgängers und der anderen Verantwortlichen wiederholt und die Außen außen vor lässt.

Respekt vor dem VfL

Respekt gebührt dem VfL Bochum: Da war gestern extrem viel Einsatz drin. Es ging ja auch noch um etwas. Natürlich hätte es ohne den starken Torwart Manuel Riemann anders aussehen können, aber den Verbleib in der Bundesliga haben sie sich allemal und nicht nur wegen gestern verdient. Die Handelfmeter Nummer 1 und 3 waren dem aktuellen Regelwerk nach unstrittig. Beim zweiten gegen den VfL, verursacht durch Rexhbecaj, könnte man diskutieren, ob angesichts des Schiebens von Marius Wolf ein Foul vorlag. Die Gäste ließen sich jedenfalls durch nichts entmutigen und belohnten sich in der 81. Minute mit dem Ausgleich aus dem Spiel heraus, ehe ihnen vier Minuten später das Siegtor durch Axel Witsels ausgestreckten Arm auf dem Silbertablett serviert wurde.

Der BVB hätte die Partie zuvor entscheiden können. Das verhinderten Riemann und auch ein bisschen Pech. Aber es schien auch eine gewisse „Wurschtigkeit“ mitzuspielen. Manche Torgelegenheit wurde eher leichtfertig verschenkt, teilweise schon mit dem vor- oder drittletzten Pass. Springen wir wieder zurück in der Aufstellung, fehlt Jude Bellingham ein kongenialer Partner im Mittelfeld – Witsel ist nicht (mehr) der Richtige. Und ganz hinten hat es Dan-Axel Zagadou in den Partien, die er in dieser Rückserie machen konnte, nicht vermocht, für sich Werbung zu machen. Dass Manuel Akanji mit seinen Gedanken schon woanders ist, halte ich für ein vorschnelles Urteil – gestern konnte er jedoch nicht überzeugen. Der Lichtblick beim BVB war zweifellos Jamie Bynoe-Gittens, der zu seinem Startelf-Debüt kam und in einigen Phasen fast Sancho-esk auftrat.

Die letzten Gegner heißen nun Fürth auswärts und Hertha BSC daheim. Der BVB hat die Pflicht, sich dann anständig zu präsentieren. Nichts außer sechs Punkten wäre akzeptabel. Charakterlose Auftritte wie am Ende der vorletzten Spielzeit (0:4 gegen Hoffenheim am 34. und 0:2 gegen Mainz am 32. Spieltag) wollen wir nie mehr wiedersehen.

Die Aufstellung: Hitz – Wolf (84. Reinier), Akanji, Zagadou, Guerreiro (84. Rothe) – Witsel (87. Papadopoulos), Bellingham – Brandt (87. Moukoko), Reus, Bynoe-Gittens (63. Passlack) – Haaland. Gelbe Karten: Bellingham, Brandt, Rothe, Papadopoulos. Tore: Haaland (3, davon 2 EM)

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