Das Beben vom Rheinlanddamm oder: Der Nächste, bitte!

Da hatte ich gedacht, ich würde nach der Rückkehr aus dem Urlaub ganz in Ruhe zwei erwartete Transfers aufarbeiten. Und dann das: Marco Rose und sein Team verlassen Borussia Dortmund bereits nach einer Saison. Die langfristig angedachte Zusammenarbeit endet wie alle jüngeren schwarz-gelben Trainer-Engagements vorzeitig. Es muss beim BVB mehr Spannung in der Luft gelegen haben als von außen fühlbar war. Sie entlud sich in der sogenannten Saisonanalyse am Donnerstag. Oder, um im Bild der Überschrift zu bleiben: Rose, Watzke, Kehl und Sammer, die tektonischen Platten der Borussia, verschoben sich, rieben sich und dabei knirschte und rumpelte es gewaltig.

Die Entscheidung zur Trennung von Rose muss erst am Donnerstag gefallen sein. Alles andere würde die Kommunikation des BVB noch unglaubwürdiger machen als sie es in dieser Causa ohnehin schon ist. Denn trotz aller berechtigten Kritik am Abschneiden in den Pokalwettbewerben war man sich nach außen hin ja einig, mit Marco Rose in die neue Spielzeit gehen zu wollen. Man verortete die Probleme mehr im Kader und in der Verletzungsproblematik als auf der Trainerbank und wollte gemeinsam daran arbeiten. In die Transfers von Nico Schlotterbeck und Karim Adeyemi war der Trainer noch eingebunden.

Am Donnerstag donnert es

Es muss am Donnerstag also heftig geknirscht haben. Die Interpretation, die die Mitteilung auf der Webseite des BVB nahelegt, haben sich auch die meisten Kommentatoren aus den Medien zu eigen gemacht: Der Schritt sei letztlich aufgrund des Gesprächsverlaufs initiativ von Marco Rose ausgegangen. Im Podcast der Ruhr Nachrichten wurde gemutmaßt, dass Hans-Joachim Watzke und Matthias Sammer eher die Kritiker des Trainers waren, während Sebastian Kehl ihn halten wollte. Klären lassen wird sich das wohl nicht. Jedenfalls nutzte Rose auch sein überzeugendes Konzept von Offensiv-Fußball wenig, hinter das sich zu Beginn alle Beteiligten gestellt hatten. Der weitere Umbau des Kaders, um diesem Konzept noch mehr zu entsprechen, kommt nun jemand anderem zugute.

Die Kurzlebigkeit der Trainer-Engagements in Dortmund ist an und für sich kritikwürdig. Sie erhöht die Chancen auf dauerhaften Erfolg nicht, sondern beeinträchtigt sie eher. Außer den Verantwortlichen gelingt ein Volltreffer auf ganzer Linie: Der richtige Mann auf der Bank, der gleich zur Mannschaft und den Neuzugängen passt, sowohl menschlich als auch taktisch-spielphilosophisch. Das ist eher selten, aber nicht unmöglich. Die Mutmaßungen, wer der ‚Neue‘ in Dortmund sein könnte, sind eindeutig: Alle Beobachter rechnen mit einer Rückkehr von Roses Vorgänger Edin Terzic. Der dann zu allem auch noch „Stallgeruch“ und ein gutes Standing bei den Fans mitbringen würde. Überzeugungsarbeit müsste er trotzdem leisten, denn das Echo der Schwarz-Gelben auf die frühzeitige Trennung von Rose ist keineswegs nur positiv.

Terzics Referenzen

Schauen wir nochmal zurück auf das, was Edin Terzic in seiner Zeit auf der BVB-Trainerbank geleistet hat: Einem inkonstanten Start folgte gegen Saisonende die Aufholjagd mit acht Siegen und dem Pokalgewinn. Etwas ausführlicher habe ich Terzics Engagement in einem Artikel letzten Juni beleuchtet. Die klare Steigerung muss man anerkennen. Es bleibt die Frage, ob sie auf die Spielzeit 2022/23 und den dann umgebauten Kader übertragbar ist. Es fehlt hier ganz klar eine Langzeitstudie – bei aller Freude über das Ende von 2020/21. Im verlinkten Artikel gab es die Vorhersage, dass Marco Rose nicht an Edin Terzic scheitern würde. Das hat sich einerseits als richtig herausgestellt. Andererseits war Terzic natürlich trotzdem immer die Option im Hintergrund, auch wenn er selbst sich nicht in den Vordergrund gedrängt hat.

Ich wünsche mir sehr, dass Edin Terzic mit dem BVB erneut Erfolg haben wird – sollte es zum erwarteten Ausgang der Trainersuche kommen. Als Typ passt er zweifellos zum Verein, nicht nur wegen seines schwarz-gelben Hintergrunds und Herzens. Der Erfolg ist aber alles andere als sicher. Die Borussia hat mit nostalgisch geprägten Entscheidungen schon öfter falsch gelegen. Es gibt Trainer mit mehr Erfahrung und mit vermutlich ausgefeilteren taktischen Konzepten. Der BVB geht für seine Wohlfühl-Atmosphäre wieder ein hohes Risiko ein. Klar wäre es schön, wenn sich das auszahlt.

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