Minimalisten oder Langweiler?

So richtig können sich auch die Fans von Preston North End noch nicht entscheiden: Was ist das nur für eine Saison, die der englische Zweitligist bisher spielt? Die Zahlen sind bemerkenswert: Nach acht Spieltagen in der Championship (und vor der Partie gegen Burnley am Dienstagabend) stehen die „Lilywhites“ mit elf Punkten auf Platz 10 – im komfortablen Mittelfeld und nur zwei Punkte hinter Play-Off-Platz 6. Diese Platzierung haben sie jedoch mit nur zwei (!) erzielten Toren erreicht – weil sie nur ein einziges kassiert haben. Fünf torlose Unentschieden, zwei 1:0-Siege und eine 0:1-Niederlage stehen bisher zu Buche.

Angesichts dieser Zahlen überrascht es wenig, dass sich die Fans und Trainer Ryan Lowe fragen, woher die Treffer kommen sollen. Folgerichtig ist aber auch, dass im August mit dem 26-jährigen Innenverteidiger Liam Lindsay ein Aktiver von North End bei der Wahl zum Championship-Spieler des Monats nominiert wurde. Die Transferpolitik ist wie bei vielen Clubs stets ein Diskussionsthema in Preston. Grundsätzlich folgt man hier der Maxime, die ohnehin vorhandenen Verluste strikt zu begrenzen und eher konservativ zu wirtschaften. Im Dezember 2020 habe ich vor einem Aufeinandertreffen von PNE und Derby County mal die Philosophie der beiden Vereine verglichen. Seither hat sich vor allem in Derby einiges verändert, nicht zuletzt die Liga-Zugehörigkeit.

Finanzielle Zurückhaltung als Familienerbe

In Preston gab es auf persönlicher Ebene einen großen Einschnitt: Vor knapp einem Jahr ist Clubbesitzer Trevor Hemmings mit 86 Jahren verstorben. Er lebte zwar hauptsächlich auf der Isle of Man, hatte aber regelmäßig Kontakt zum starken Mann im Vorstand, Peter Ridsdale. Einen harten Umbruch hat es nach dem Tode Hemmings noch nicht gegeben. Neuer Vorstandsvorsitzender ist Hemmings‘ Sohn Craig; im Austausch mit ihm trifft Ridsdale weiterhin wesentliche Entscheidungen den sportlichen Bereich betreffend.

Nicht geändert hat sich auch die finanzielle Zurückhaltung auf dem Transfermarkt. North End hat im Sommer sechs Spieler verpflichtet. Nur für Torhüter Freddie Woodman von Newcastle United wurde eine (unbekannte) Ablöse fällig. Daneben gab es zwei Leihen und drei freie Transfers. Darüber hinaus haben 13 Spieler den Verein endgültig verlassen. Grundsätzlich war eine Kaderverkleinerung keine schlechte Idee. Angesichts der Ergebnisse fragen sich die Fans aber doch, ob zumindest einer weitere Alternative in der Offensive nötig gewesen wäre. Als einziger echter Stürmer wurde der 20-jährige Troy Parrott von den Spurs ausgeliehen. Auf ihm und dem Dänen Emil Riis ruhen die Hoffnungen auf Torerfolge. Die anderen nominellen Stürmer Sean Maguire und Ched Evans spielen nur noch Nebenrollen.

Immer mal wieder wird unter Fans die Dauerhaftigkeit des Engagements der verbliebenen Hemmings-Familie hinterfragt. Anfang des Jahres verhandelte der Vorstand mit US-Unternehmer Chris Kirchner – zwischen dessen zwei vergeblichen Versuchen, Derby County zu übernehmen hatte er auch ein Auge auf Preston North End geworfen. Man einigte sich nicht – unter anderem, weil Zweifel an der Zahlungsfähigkeit Kirchners aufgekommen waren. Später sollten sich diese bei der versuchten Übernahme von Derby quasi auf den letzten Metern bestätigen. Peter Ridsdale hat unterdessen wiederholt erklärt, dass die Hemmings-Familie Preston nicht loswerden will, aber zu Gesprächen mit den richtigen Partnern bereit ist. Die Herangehensweise in der Transferpolitik sei jetzt womöglich überlegter.

Näher an den Fans und der Frauenmannschaft

Einige Dinge haben sich in den letzten Monaten auf jeden Fall zum Positiven gewandelt. Trainer Ryan Lowe hat seit seiner Amtsübernahme im Dezember 2021 für frischen Wind gesorgt. Die Vereinsführung ist in mehreren Punkten auf Wünsche der Fans eingegangen. Es gibt nun vor dem Stadion Deepdale wieder eine „Fanzone“, um den Anhängern einen längeren Aufenthalt schmackhaft zu machen und neue Fans, etwa Familien mit Kindern, anzuziehen. Außerdem hatte North End im Frühjahr attraktive Dauerkartenpreise für „Early birds“ verkündet und eine entsprechende Kampagne gestartet.

Gebessert hat sich gegenüber meinem Artikel von 2020 auch die Unterstützung der Frauenmannschaft. Preston North End Women’s FC spielt inzwischen in der sechsten Liga eine gute Rolle und auch die Berichterstattung über die sozialen Medien – etwa bei Twitter – wurde deutlich verstärkt. Nach wie vor kümmert sich der Preston North End Community Trust, also die Vereinsstiftung und nicht der (Männer-)Verein, um die Frauen- und Mädchenteams.

Ob der gute Wille der Fans und der Zusammenhalt mit dem Verein bestehen bleiben, wird allerdings dennoch wesentlich vom weiteren Saisonverlauf der Männermannschaft abhängen. Langweilig ist die jetzige Konstellation – anders als womöglich einzelne Partien – jedenfalls nicht. Heute Abend steht zunächst ein Heimspiel gegen Premier League-Absteiger Burnley an, ehe es am Samstag gegen Sheffield United geht, die 2021 ebenfalls noch in der höchsten Spielklasse antraten. Vielleicht ist es mit dem Minimalismus dann vorbei – so oder so.

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