Zehn Spieltage und kein bisschen weise

1.Bundesliga, 10. Spieltag / 1. FC Union Berlin 2 BVB 0

Rechtzeitig zur Zwischenbilanz, die man nach zehn Spieltagen gerne zieht, rutscht Borussia Dortmund in einer zugegeben engen Bundesliga um gleich vier Plätze auf Rang 8 ab. Nach der Niederlage beim Tabellenführer Union Berlin liegen die Schwarz-Gelben nun schon sieben Punkte hinter den Köpenickern zurück und nur noch drei vor beispielsweise Augsburg. Immerhin: In einer derzeit noch spannenden Saison ist der FC Bayern bisher nur drei Punkte enteilt. Viel besorgniserregender als der Tabellenstand ist dementsprechend die Leistung, die wir an der Alten Försterei zu sehen bekamen.

Der BVB tritt ganz offensichtlich auf der Stelle: Beachtliche Leistungen oder willensstarke Auftritte wie gegen Kopenhagen, in Sevilla und gegen Bayern wechseln sich ab mit den Pleiten gegen Bremen, in Köln oder jetzt Berlin. Klar, die Borussia wird auch in dieser Spielzeit über Gebühr von Verletzungen und Krankheiten sowie schlichtem Spielpech gebeutelt. Letzteres war schließlich der Ausrutscher von Gregor Kobel vor dem 1:0 – eigentlich verbietet es sich fast, von einem Torwartfehler zu sprechen. Hätte unsere Nummer 1 da irgendwie weniger riskant zum Ball gehen können? Fraglich. Nur reicht das Pech bei weitem nicht als Erklärung für die vielen individuellen Fehler, lethargische Spielphasen und fehlende Kreativität.

Individuelle Aussetzer und die M-Frage

Nehmen wir das 2:0, das bereits in der 21. Minute fiel. Karim Adeyemi probiert in der eigenen Hälfte einen Querpass mit der Hacke – macht also genau das, was Mats Hummels nach dem letzten Spiel kritisiert hatte, ohne Namen zu nennen. Union schnappt sich den Ball, bringt ihn nach vorne und muss dann natürlich nicht automatisch treffen. Man hätte das als Abwehr konsequenter verteidigen können. Doch gegen einen formstarken Tabellenführer, der in der Offensive klar und einfach agiert, war es nach Adeyemis Aussetzer auch nicht soo einfach. Karim muss jedenfalls noch viel lernen und arbeiten, um die erhoffte Verstärkung und kein neuer Schürrle zu werden. Ich war angesichts der beträchtlichen Ablöse skeptisch, hoffe aber trotzdem noch, dass es anders kommt.

Individuelle Fehler sind das eine wiederkehrende Element im Spiel, das es den Schwarz-Gelben schwer macht. Dann gibt es das Problem, das gemeinhin als „fehlende Mentalität“ (das gefürchtete M-Wort), als „Lethargie“ oder gar „Null-Bock-Haltung“ beschrieben wird. Die Problematik ist nicht von der Hand zu weisen, aber die Freigiebigkeit, mit der manche Beobachter*innen mit den Begriffen umherwerfen, halte ich für unangebracht bis populistisch. Es gibt wirklich keinen Grund, warum die Spieler nicht wollen sollten. Es gibt aber sicherlich mentale Reaktionen auf unglückliche und negative Spielverläufe. Das Hauptproblem dürfte jedoch die Qualität des Personals und der Taktik am jeweiligen Spieltag sein.

Schaut man sich den Sonntag an der Alten Försterei an und analysiert, wie ich es in der letzten Zeit ja gerne mache, die Expected Goals-Werte, dann erkennt man, dass Union statistisch nicht torgefährlicher war als der BVB. Der Vorsprung, 1,47:0,80, entspricht fast genau dem xG-Wert (0,69), den Janik Haberers erfolgreicher Torschuss zum 1:0 aus nächster Nähe nach Kobels Missgeschick hatte. Trotzdem fiel das 2:0, erneut traf Haberer, diesmal jedoch von der Linie des Strafraum-Kreises, bei einem xG-Wert von nur 0,04. Ohne Adeyemis Fehlpass und die auch dadurch schlecht positionierte Abwehr wäre dieser Treffer niemals gefallen.

BVB offensiv harm- und ideenlos

Der BVB hatte in der zweiten Hälfte ein paar ansehnliche, wenn auch nicht extrem gefährliche Torszenen. Unions Keeper Rönnow rettete etwa gegen Reus und Moukoko bei deren Schüssen aus recht spitzem Winkel. In einer Szene war Donyell Malen mal wieder etwas zu eigensinnig. Gefährlicher waren die weiteren Abschlüsse der Unioner auch nicht. Das Offensivspiel der Gastgeber sah allerdings direkter und druckvoller aus. Was zum Teil durch die sich bietenden Räumen erklärbar ist. Wenn der BVB bei insgesamt 77 Prozent Ballbesitz einmal Bälle verlor, spielte Union bevorzugt schnell über die Flügel. Meunier und Guerreiro wurden von den flinken Gegenstößen häufig aus dem Spiel genommen. Auch die zentrale Absicherung vor der Dreierkette durch Salih Özcan klappte nicht so richtig – der Ex-Kölner hat sich nach seiner anfänglichen Verletzung und starken ersten Auftritten leistungsmäßig ins Mittelmaß eingeordnet.

Die Hauptsorge von Borussia Dortmund muss aber das Offensivspiel sein. Gestern dürften Taktik, Aufstellung und die (Nicht-)Verfügbarkeit bestimmter Spieler zur tristen Niederlage beigetragen haben. Die Idee, gegen den Tabellenführer mit drei von Deutschlands vermeintlich besten Innenverteidigern und drei zentralen Mittelfeldspielern anzufangen, hörte sich in der Theorie gut an. Nur fehlte es bei denen, die dann auf dem Platz standen, offensichtlich an der nötigen Kreativität, um extrem disziplinierte Gastgeber ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. Adeyemi und Moukoko spielten eher zentral im Sturm und holten sich nur selten erfolgreich Bälle aus dem Mittelfeld ab. Geeignete Empfänger von Flanken sind beide mit unter 1,80 Meter Körpergröße auch nur bedingt. So war Jude Bellingham in der ersten Hälfte also der einzige echte Kreativposten – und als Alleinunterhalter steht selbst der multitalentierte 19-Jährige auf verlorenem Posten.

Marco Reus wollte Edin Terzic nach der Verletzung wohl nicht von Beginn an riskieren. Doch was war mit Julian Brandt, der längst nicht alles richtig, aber immerhin viel Alarm macht? Er kam zur zweiten Halbzeit. Giovanni Reyna gar erst nach 82 Minuten – so lange hätte er sicher nicht geschont werden müssen. Donyell Malen kann einen mit seiner Eigensinnigkeit zur Weißglut bringen, aber als zentralen Stürmer würde ich ihn Adeyemi auf jeden Fall noch vorziehen – er kam ebenfalls für die zweiten 45 Minuten. Gewiss, es wurde danach nicht schlagartig und entscheidend besser. Das lag auch an der natürlich eher defensiven Einstellung der Hausherren – dagegen fanden die Schwarz-Gelben zu selten Mittel. Nichts Neues beim BVB.

Wer macht bei der Borussia den Unterschied?

Was fehlt der Borussia also über die bisherige Saison gesehen? Natürlich die Konstanz, meinetwegen gelegentlich die richtige Überzeugung. Es fehlen aber auch die Unterschiedsspieler. Ganz offensichtlich im Sturm. Jedem musste nach der letzten Saison klar sein, dass Erling Haaland schlicht nicht zu ersetzen ist. Er war 2021/22 in so vielen Partien entscheidend für den Dortmunder Erfolg, nicht nur durch seine Tore, sondern auch durch seine Rolle. Nun fehlt in dieser Saison tragischerweise Sebastien Haller, den man verpflichtet hatte, um zumindest Erlings Tore halbwegs zu ersetzen.

Wer bleibt dann noch als Kreativ-As oder Torjäger? Nicht Adeyemi oder Moukoko (hoffentlich noch nicht). Aufgrund der fehlenden Konstanz bzw. der Verletzungsanfälligkeit auch nicht Brandt oder Reyna. Ein Marco Reus in Topform und mit Top-Fitness könnte manchmal den Unterschied machen – doch Form und Fitness sind bei ihm nicht mehr regelmäßig gegeben. Die einzigen echten Unterschiedsspieler im derzeitigen Kader sind Jude Bellingham und Gregor Kobel – zu wenige, um die Borussia zu einer Siegesserie zu führen.

Es ist wie verhext: Man kann die Schuld am Status Quo auch nicht einfach portionieren. Natürlich erwartet man immer noch mehr von den Spielern, die letztendlich auf dem Feld stehen. Natürlich tut sich Edin Terzic nicht mit allen taktischen und personellen Entscheidungen einen Gefallen. Man sieht auch keine konstante positive Entwicklung seiner Mannschaft. Und natürlich darf man die Transferpolitik der letzten Jahre kritisch sehen. Doch es gibt auch einige legitime Verteidigungslinien: Das Geld, Covid und die Stellung des BVB im Konzert der Großen, wenn es um Transfers geht. Großes Pech mit Ausfällen, wenn wir über die Aufstellung der Mannschaft und die taktischen Optionen sprechen. Und so sind wir als Fans – und vermutlich auch die Vereinsverantwortlichen – nach zehn Ligaspielen noch nicht wirklich weiser, wie man es in Dortmund anders und besser machen könnte. Das Beste an der Situation: Wirklich viel ist noch nicht passiert. Alles ist noch korrigierbar. Das könnte sich freilich am Mittwoch in Hannover ändern.

Die Aufstellung: Kobel – Süle (70. Hazard), Hummels, Schlotterbeck – Meunier (46. Malen), Can (82. Reyna), Özcan (46. Reus), Bellingham, Guerreiro – Moukoko, Adeyemi (46. Brandt). Gelbe Karten: Özcan, Schlotterbeck.

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